„Stell die Teller weiter zum Tischrand, dass in der Mitte mehr Platz für das Essen ist.“ – Die Schwiegermutter meint es doch „nur gut“. Ein harmloser Hinweis hier, eine kleine Korrektur dort. Mal geht es eben darum, wie man den Tisch deckt, mal darum, wie man das Kind anzieht, oder wie man mit dem eigenen Sohn spricht. Nichts davon wirkt brutal oder böse. Und doch entsteht durch solche Belehrungen ein Klima, in dem man sich als Adressat:in klein vorkommt. Man hat das Gefühl, ständig unter Beobachtung zu stehen und wird dadurch unsicherer.
Macht in Familien tritt oftmals nicht als offene Gewalt auf. Sie tarnt sich als Fürsorge, wird argumentativ mit Formulierungen wie „Das haben wir schon immer so gemacht“ unterfüttert oder durch einen Erfahrungsvorsprung legitimiert. In Leoš Janáčeks Oper Katja Kabanowa wird diese Dynamik auf die Spitze getrieben. Hier ist es die Mutter des reichen Kaufmanns Tychon, die dessen Ehefrau Katja das Leben zur Hölle macht. Denn bei dieser Schwiegermutter, der man den bezeichnenden Beinamen Kabanicha, was übersetzt „Wildsau“ heißt, gegeben hat, werden familiäre Nähe und familiäre Kontrolle zu Synonymen. Mit ihrem moralischen Druck, den sie auf ihre Umgebung, vor allem aber auf Katja ausübt, nimmt sie dieser die Luft zum Atmen, was letztendlich in die Katastrophe führt.
Janáček schärft hier auf der Grundlage des Schauspiels Gewitter von Alexander Ostrowski eine Konstellation bis zur Schmergrenze, die sich im Grunde in vielen Familien findet. Denn die Soziologie weiß schon lange, dass das Bild der Familie als ein natürlicher Hort von Harmonie und Verständnis eine Illusion sein kann. Denn eine Familie ist immer auch ein soziales System, das geprägt ist von festgeschriebenen Rollenmustern, Erwartungshaltungen und asymmetrischen Machtverhältnissen. Dabei kommen eher subtile Druck- und Kontrollmechanismen zum Tragen, die über Liebesentzug, Erzeugen von Scham oder über die Belohnung durch verstärkte Anerkennung und Zuwendung funktionieren. Das muss nicht zwangsläufig wie in Janáčeks Oper bewusst passieren. Viele derartige Prozesse laufen auch unterschwellig ab.











