Um die Welt mit Walter Kaufmann

Operettenuraufführung nach 90 Jahren

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Geschichten über Walter Kaufmann schreiben sich eigentlich von allein. Das ist zumindest das Gefühl, das entsteht, wenn man sich auch nur oberflächlich mit seiner Biografie auseinandergesetzt hat (und dabei Informationen über einen australischen Schriftsteller, der in der DDR lebte und einen deutsch-amerikanischen Philosophen als Namensvetter des Komponisten ausgesiebt hat). Denn der Komponist, Violinist, Pianist, Arrangeur, Musikethnologe und Hochschullehrer Walter Kaufmann führte ein langes Leben, das bestimmt war durch die Verwerfungen und politischen Extreme des 20. Jahrhunderts.

Ein Leben wie ein Roman

Der im April 1907 in Karlovy Vary als Sohn jüdischer, deutschsprachiger Eltern geborene Walter Kaufmann starb im September 1984 in der amerikanischen Universitätsstadt Bloomington und alles, was sich dazwischen abspielte, war der Inbegriff einer polyglotten, fragmentierten Biografie, ein Lebensweg, der vom Sudetenland nach Deutschland, nach Indien, England, Kanada und in die Vereinigten Staaten führte, und immer begleitet war von Musik. Aber nicht nur, dass Walter Kaufmanns Leben eine Geschichte von Flucht, Heimatlosigkeit und Neubeginn ist, in einer Nacherzählung begegnet man auch Albert Einstein (als Duopartner in Berlin und lebenslangem Fürsprecher Kaufmanns), dem Dirigenten Zubin Mehta (als Musikschüler in Mumbai), dem Komponisten Franz Schreker (als Kompositionslehrer in Berlin) und sogar Franz Kafka hat einen kleinen Auftritt (als angeheiratete Verwandtschaft): das 20. Jahrhundert aufgehoben in einem Menschenleben.

Und trotz seiner verschlungenen Biografie, den vielen Orten und Menschen, die eine Rolle im Leben Walter Kaufmanns spielten, ist die große Konstante die Musik. Der ausgebildete Komponist und Musikethnologe komponierte und dirigierte ein Leben lang und hinterließ ein Œuvre, dessen Erschließung aber auch mehr als 40 Jahre nach seinem Tod noch ganz am Anfang steht.

Foto: Reinhard Winkler

Eine unbekannte Operette

Auch wenn vor allem seine Kammermusikwerke nach und nach (wieder-) entdeckt werden, ist das Opernschaffen Walter Kaufmanns terra incognita, obwohl er 30 Opern und auch Operetten komponierte. Eines dieser Werke, die Operette Heute Nacht Fräulein, entstand in Mumbai, wahrscheinlich in den späten 1930er Jahren. Denn Walter Kaufmann reiste mit dem Erlös aus dem Verkauf der Rechte an seiner ersten Operette Die weiße Göttin im Februar 1934 von Prag nach Indien. Einerseits, um dort indische Musik zu studieren, andererseits in der Vorahnung, dass die politische Situation in Deutschland zunehmend bedrohlich geworden war und für ihn klar war, dass Distanz zum auch politisch um sich greifenden Antisemitismus, der auch den Juden Kaufmann betraf, lebensrettend sein könnte.

Bombay wird zur neuen Heimat

Geplant war zunächst ein Indienaufenthalt von einigen Monaten, aufgrund der weltpolitischen Lage sollten daraus jedoch zwölf Jahre in Mumbai werden, nach denen Kaufmann nie wieder nach Deutschland oder Tschechien zurückkehren sollte. In dieser Zeit wurde der Immigrant Kaufmann in Mumbai, dem damaligen Bombay, zu einem aktiven Teil der Musikszene der Stadt. Sein Schaffen begleitet das Verständnis von westlicher klassischer Musik in Indien bis heute – das All India Radio beginnt noch immer jeden Tag mit einem Radiojingle, den der Deutsche Walter Kaufmann in der Zeit komponiert hat, als er die Abteilung für westliche Klassik beim Radio aufbaute. Der Vater des heute weltweit erfolgreichen Dirigenten Zubin Mehta, Mehli, war nicht nur Kammermusikpartner von Kaufmann, sondern gründete mit ihm gemeinsam auch die Bombay Chamber Society, die mehr als 500 Konzerte mit westlicher klassischer Musik in Mumbai veranstaltete, auch für einige Bollywoodfilme komponierte Kaufmann die Musik.

Foto: Reinhard Winkler

Zwischen Forschung, Konzertleben und Filmmusik

Die Jahre in Indien waren umtriebig, geprägt von zahlreichen kammermusikalischen Auftritten, musikethnologischen Forschungsreisen über den gesamten Subkontinent – die Kaufmann für den Rest seines Lebens mit abenteuerlichen Anekdoten etwa über Reisen in abgelegene Gegenden Nepals versorgen sollten – und einer beeindruckenden Zahl von Kompositionen.

Aber eben auch die Operette Heute Nacht Fräulein, die Kaufmann allerdings nie instrumentiert hat, da es nie zu Plänen für die Uraufführung des Werkes gekommen ist, entstand in dieser Zeit. Das Landestheater Linz hat nun, fast 90 Jahre nach der Komposition des Werkes rund um die Hutverkäuferin Dorothy, die sich nicht ahnend, um wen es sich handelt, in einen Unbekannten verliebt, die Chance, diese Operette zur Uraufführung zu bringen. Ganz so, wie Kaufmann sie hinterlassen hat: ohne Orchestrierung, nur mit Klavierbegleitung, aber als unentdeckte Facette eines schillernden Komponistenlebens. Und Heute Nacht Fräulein wird damit auch zum Sinnbild für Kaufmanns Selbstverständnis – er komponierte unermüdlich, auch im englischen Exil, im kanadischen Exil, in seiner neuen Heimat in den USA, einfach immer und immer weiter.

Musik gegen das Vergessen

Aber auch nur mit Klavierbegleitung und durch zwei musikalische Einlagen aus Kaufmanns erster Operette Die weiße Göttin ergänzt, wird Heute Nacht Fräulein zum Tor in eine vergangene Welt, in das Schaffen eines beinahe vergessenen Künstlers, der sich aber ein Leben lang mit unglaublicher Resilienz gegen die unmöglichsten Umstände und Schicksalswendungen stellte und sich selbst immer wieder an der Musik als seinem Lebensinhalt aufrichtete.

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