Intrige, Wissen, Verwandlung
Damit ist klar: Diesen beiden schwant auch nichts Gutes. Denn so anmutig und mystisch der Schwan daherkommt, zur Auratisierung des Schwanenritters beiträgt, das Tier ist auch die Spur der Intrige. Dass Ortrud den Erben von Brabant, den Jungen Gottfried, in einen Schwan verwandelt hat, weiß außer ihr zu diesem Zeitpunkt in der Oper niemand. Was wiederum Ortrud nicht ahnen kann, ist, dass der die längste Zeit namenlose Ritter den von ihr verfluchten Gottfried am Ende wieder vom Schwan in einen Menschen zurückverwandeln wird – wenn Elsa sich an die zugegebenermaßen unmöglichen Regeln ihrer Ehe hält. Kein Wunder also, dass ein Regieteam mit der Entscheidung, wie der Schwan auf der Bühne gezeigt wird, eine grundlegende Entscheidung fällt. Betont man das Kreatürliche, indem man ein echtes Tier besetzt (das natürlich vollkommen unberechenbar ist – die Anekdoten über auf der Bühne ausgebüchste Schwäne, die dann im Orchestergraben landen, sind zahlreich)? Oder abstrahiert man in einer Art Kunstwerk oder Installation und rückt damit das Überlebensgroße des Symbolischen in den Fokus?
Ein Problem, das in den Umsetzungen von Richard Wagners Opern übrigens regelmäßig auftaucht: Nicht nur, dass Lohengrin laut Regieanweisungen des Komponisten am Ende, wenn Elsa die verbotene Frage gestellt, die ganz Illusion des Heilsbringers zerborsten ist, wieder auf dem Nachen verschwindet, der aber dieses Mal nicht vom Schwan, sondern von einer weißen Taube (Parsifal wird dieses Motiv natürlich später aufgreifen) gezogen wird. Auch im Ring des Nibelungen etwa das Pferd Grane, das in der Götterdämmerung eine zentrale Rolle spielt, oder Wotans Raben. Das Kreatürliche hat also Konjunktur bei Wagner, wahrscheinlich auch, weil es ein Bühnengeschehen entgrenzen kann. Ob das aber allein durch das Animalische möglich ist, ist der Ausgangspunkt für die Frage nach dem Schwan: Theatertrick und ehrlich bedeutsames Symbol, das über Referenzen, Haltungen und Sichtweisen erzählen kann?