Lilit Hakobyan, geboren in Jerewan, Armenien, absolvierte ihre Ausbildung an der Staatlichen Ballettschule ihrer Heimatstadt und tanzte anschließend als Solistin an der Staatsoper Jerewan. Von 2011 bis 2024 war sie Ensemblemitglied des Staatsballetts Hannover und arbeitete dort mit Choreograf:innen wie Sharon Eyal, Jiří Kylián und Johan Inger.
Parallel dazu entwickelte sie eine eigene künstlerische Handschrift, zunächst im Rahmen des Jungen-Choreograf:innen-Programms in Hannover, später in abendfüllenden Arbeiten für verschiedene Compagnien sowie in Film- und Fotoprojekten. Ihr Tanzfilm Sleep Easy wurde mehrfach ausgezeichnet und in New York, Berlin, Hannover sowie beim Summit Festival Jerewan gezeigt. Außerdem choreografierte sie für Theater- und Opernproduktionen, unter anderem in Zusammenarbeit mit Fabian Gerhardt an der Neuköllner Oper Berlin. Ihre fotografischen Arbeiten wurden in New Jersey (NY), Lissabon, Berlin und Hannover ausgestellt.
Freiheit als Zumutung
In Linz widmet sich Hakobyan einem Stoff, der existenzielle Fragen stellt: Les jeux sont faits von Jean-Paul Sartre. Das Drama, zugleich Vorlage eines Filmklassikers, erzählt die Geschichte von Eve und Pierre, die in einem von Diktatur geprägten Land zur gleichen Zeit ermordet werden.
Pierre, Anführer einer Widerstandsbewegung, wird von einem Verräter erschossen; Eve wird von ihrem machtgierigen Ehemann vergiftet. Im Jenseits begegnen sich die beiden zufällig und verlieben sich. Eine höhere Instanz gewährt ihnen eine zweite Chance: Für 24 Stunden dürfen sie ins Leben zurückkehren, um zu beweisen, dass ihre Liebe stärker ist als Vergangenheit, gesellschaftliche Bindungen und politische Verpflichtungen.
Doch zurück auf der Erde geraten sie erneut in alte Strukturen. Pierre fühlt sich seiner revolutionären Mission verpflichtet, Eve ihrer Familie und ihrer sozialen Rolle. Trotz echter Gefühle gelingt es ihnen nicht, sich aus ihren Mustern zu lösen. Die Frist verstreicht, und sie müssen endgültig ins Jenseits zurückkehren. Sie scheitern. Und doch bleibt eine leise Hoffnung auf Veränderung.
Was bedeutet Freiheit, wenn die Bedingungen unseres Lebens längst vorgezeichnet scheinen? Diese Frage steht im Zentrum von Hakobyans choreografischer Annäherung.
„Die Figuren bekommen eine zweite Chance“, sagt sie, „doch selbst in dieser Wiederholung bleiben sie gefangen. In ihren Mustern, ihrer sozialen Prägung, ihren Ängsten.“
Gerade darin liege die Aktualität des Stoffes. In einer Zeit permanenter Krisen und politischer Spannungen, und zugleich einer Kultur der Selbstoptimierung, glauben wir, jederzeit neu beginnen zu können. Doch wie frei sind unsere Entscheidungen tatsächlich?