Das Spiel ist aus

Ein Tanzstück von Lilit Hakobyan

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Am 13. Juni feiert in der BlackBox des Musiktheaters ein besonderes Projekt Premiere: Das Spiel ist aus, das neue Tanzstück von Lilit Hakobyan, entstanden mit TANZ LINZ im Rahmen des Produktionspreises des 39. Choreografie Wettbewerbs Hannover. Bereits zum zweiten Mal vergibt das Landestheater Linz diesen Preis und ermöglicht damit einer Choreografin mit der Compagnie ein eigenständiges Werk zu entwickeln.

Lilit Hakobyan, geboren in Jerewan, Armenien, absolvierte ihre Ausbildung an der Staatlichen Ballettschule ihrer Heimatstadt und tanzte anschließend als Solistin an der Staatsoper Jerewan. Von 2011 bis 2024 war sie Ensemblemitglied des Staatsballetts Hannover und arbeitete dort mit Choreograf:innen wie Sharon Eyal, Jiří Kylián und Johan Inger.

Parallel dazu entwickelte sie eine eigene künstlerische Handschrift, zunächst im Rahmen des Jungen-Choreograf:innen-Programms in Hannover, später in abendfüllenden Arbeiten für verschiedene Compagnien sowie in Film- und Fotoprojekten. Ihr Tanzfilm Sleep Easy wurde mehrfach ausgezeichnet und in New York, Berlin, Hannover sowie beim Summit Festival Jerewan gezeigt. Außerdem choreografierte sie für Theater- und Opernproduktionen, unter anderem in Zusammenarbeit mit Fabian Gerhardt an der Neuköllner Oper Berlin. Ihre fotografischen Arbeiten wurden in New Jersey (NY), Lissabon, Berlin und Hannover ausgestellt.

Freiheit als Zumutung

In Linz widmet sich Hakobyan einem Stoff, der existenzielle Fragen stellt: Les jeux sont faits von Jean-Paul Sartre. Das Drama, zugleich Vorlage eines Filmklassikers, erzählt die Geschichte von Eve und Pierre, die in einem von Diktatur geprägten Land zur gleichen Zeit ermordet werden.

Pierre, Anführer einer Widerstandsbewegung, wird von einem Verräter erschossen; Eve wird von ihrem machtgierigen Ehemann vergiftet. Im Jenseits begegnen sich die beiden zufällig und verlieben sich. Eine höhere Instanz gewährt ihnen eine zweite Chance: Für 24 Stunden dürfen sie ins Leben zurückkehren, um zu beweisen, dass ihre Liebe stärker ist als Vergangenheit, gesellschaftliche Bindungen und politische Verpflichtungen.

Doch zurück auf der Erde geraten sie erneut in alte Strukturen. Pierre fühlt sich seiner revolutionären Mission verpflichtet, Eve ihrer Familie und ihrer sozialen Rolle. Trotz echter Gefühle gelingt es ihnen nicht, sich aus ihren Mustern zu lösen. Die Frist verstreicht, und sie müssen endgültig ins Jenseits zurückkehren. Sie scheitern. Und doch bleibt eine leise Hoffnung auf Veränderung.

Was bedeutet Freiheit, wenn die Bedingungen unseres Lebens längst vorgezeichnet scheinen? Diese Frage steht im Zentrum von Hakobyans choreografischer Annäherung.

„Die Figuren bekommen eine zweite Chance“, sagt sie, „doch selbst in dieser Wiederholung bleiben sie gefangen. In ihren Mustern, ihrer sozialen Prägung, ihren Ängsten.“

Gerade darin liege die Aktualität des Stoffes. In einer Zeit permanenter Krisen und politischer Spannungen, und zugleich einer Kultur der Selbstoptimierung, glauben wir, jederzeit neu beginnen zu können. Doch wie frei sind unsere Entscheidungen tatsächlich?

Lilit Hakobyan
Foto: Philip Brunnader

Der Körper als Denkraum

Hakobyan interessiert weniger die Illustration der Handlung als ihre körperliche Übersetzung: Begegnung, Trennung, zweite Chance, erneutes Scheitern. Die narrative Struktur bleibt erkennbar, wird jedoch ausschließlich durch zeitgenössische Bewegung erfahrbar.

In ihrer Arbeit versteht Hakobyan den Körper als Denk- und Erfahrungsraum. Bewegungen entstehen nicht aus dekorativer Geste, sondern aus innerer Notwendigkeit. Improvisationsaufgaben zu existenziellen Zuständen, das Entwickeln von Material aus Widerstand und physischer Begrenzung sowie eine präzise formale Komposition prägen den Probenprozess. Die Tänzer:innen sind dabei keine reinen Ausführenden, sondern Mitautor:innen. Aus dem Spannungsfeld zwischen individueller Körperlogik und klarer struktureller Setzung entsteht eine Bewegungssprache von großer Intensität.

Die „zweite Chance“ erscheint nicht als metaphysischer Effekt, sondern als Verdichtung von Realität. Die Figuren versuchen, bewusster zu handeln, doch der Körper reagiert schneller als der Wille. In dieser Diskrepanz liegt für Hakobyan der Kern des Abends: der Moment, in dem ein Mensch erkennt, dass er frei ist und genau daran scheitert.

Eine Zwischenwelt aus Raum und Entscheidung

Gemeinsam mit Bühnenbildner Falko Herold entwickelt Hakobyan einen Raum, der keine realistische Jenseits-Topografie abbildet, sondern einen Zustand. Eine reduzierte, klare Architektur mit verschiebbaren Elementen suggeriert Ordnung und erzeugt zugleich Instabilität. Der Raum wird zum aktiven Mitspieler: Er öffnet Wege oder blockiert sie, macht Entscheidungen sichtbar oder verhindert sie.

Für die musikalische Ebene zeichnet Samuel van der Veer verantwortlich.

So entsteht ein Abend, der vor allem eines sein will: körperlich intensiv. Viel Tanz, Präsenz und Energie. Starke choreografische Bilder und physische Dringlichkeit stehen im Zentrum.

Das Spiel ist aus lädt das Publikum ein, sich selbst Fragen zu stellen:
Wo wiederhole ich mich?
Wo glaube ich frei zu sein – und handle doch aus Angst?
Und was würde ich tun, wenn ich wirklich neu beginnen könnte?

Vielleicht liegt die Kraft dieses Tanzstücks gerade darin, dass es keine Antworten vorgibt. Es zeigt Körper im Zustand der Entscheidung und überlässt uns die Verantwortung, weiterzudenken.

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