Mütter

und Kindsmörderinnen in Gerhart Hauptmanns Die Ratten

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Kennen Sie den Bechdel-Test? Er besteht aus drei Fragen, anhand derer festgestellt werden kann, wie frauenfeindlich ein Film oder ein Theaterstück ist. Erfunden hat ihn die amerikanische Comiczeichnerin Alison Bechdel 1985, als Schnelltest, ob ein Spielfilm wert ist, angeschaut zu werden. Die Fragen lauten: Gibt es mindestens zwei Frauenrollen? Sprechen sie miteinander? Reden sie miteinander über etwas anderes als über einen Mann? Falls Sie diese Fragen zum ersten Mal hören, gebe ich Ihnen etwas Zeit, sie auf sich wirken zu lassen.

Eine vierte Frage fiele mir noch ein: Wenn eine der weiblichen Figuren eine Mutter ist, wird sie als entweder vorbildliche oder grauenhafte Mutter dargestellt?

Von alters her gibt es im Theater eine überschaubare Zahl weiblicher Rollenfächer, nämlich: Liebhaberin, Naive (beide jung), Intrigantin/Giftmischerin (etwas älter), die Mutter und die komische Alte (beide älter). Mit diesen fünf Typen ließen sich die Frauenfiguren aller deutschsprachigen Klassiker besetzen. Dabei liefert speziell das Fach der Mutter nur einen Teil dessen, was es zu versprechen scheint: Die klassische Bühnen-Mutter spielt zum Beispiel Mutter Millerin oder Mutter Galotti, darf in dieser Funktion aber nicht viel mehr tun, als der jeweiligen Tochter Flausen in den Kopf zu setzen. Jene Mütterdramen, die in der Literatur des 18. Jahrhunderts in den Fokus rücken, bleiben den Mütter-Fachdarstellerinnen vorenthalten, es sind die Dramen der Kindsmörderinnen. Dabei gibt es zwei Arten Kindsmörderinnen: junge Frauen, die ungewollt und unverheiratet schwanger werden und zur Abwendung der Schande ihr eigenes Kind töten. Eine solche Kindsmörderin und Mutter wurde von den Fachkräften des Rollenfachs der Liebhaberin übernommen. Wir kennen sie als Goethes Gretchen, Lenz’ Marie, Hebbels Maria Magdalena. Und dann gibt es die große und dämonische Kindsmörderin: Medea. Sie würde von den Kräften für das Fach der Intrigantin und Salondame gespielt werden.

Foto: Petra Moser

Die Erfindung der Mutterliebe

Merkwürdig genug, dass eine Zeit, die das Drama der Mutterschaft neu entdeckte, dies ausgerechnet in der Form der Kindsmörderin tat. Die Kindsmörderin aus Verzweiflung ist das literarische Produkt der Aufklärung. Und nun wird’s interessant: Die Aufklärung ist auch das Zeitalter, das das Ideal der Mutterliebe und der sich für ihre Kinder aufopfernden Mutter erfindet. Um Missverständnisse zu vermeiden: Kinder wurden sehr wahrscheinlich immer schon von ihren Müttern (und ihren Vätern) geliebt (wenn auch nicht nur), die Beziehungen zwischen Eltern und Kind waren immer schon besonders und oft liebevoll. Aber erst die Aufklärung und das aufsteigende Bürgertum erfinden im 18. Jahrhundert die für uns so selbstverständlich wirkende ideale Mutterliebe zwischen leiblicher Mutter und ihrem Kind. Noch im Barock und in der frühen Neuzeit war es normal (und unumgänglich), dass Kleinkinder von anderen Familienmitgliedern, den Geschwistern, Großeltern oder – wenn es solche gab – von Dienstboten gewartet wurden. Welches Verhältnis zwischen Mutter und Kind für wünschenswert gehalten wurde, zeigte der Adel, der sich leisten konnte, seine Idealvorstellungen zu leben: Frauen von Stand übergaben ihre Kinder nach der Geburt an das Personal und an Erzieher:innen, Säuglinge wurden von Ammen gestillt. Wo dynastische Aspekte eine Rolle spielten (im Hochadel) – wenn also möglichst viele Stammhalter geboren werden sollten – nahm man Rücksicht auf den Vorbehalt, dass das Austragen von Kindern und die Brutpflege, nach Ansicht der damaligen Medizin, sich miteinander nicht vertrugen (Zeugungsbestrebungen vergifteten angeblich die Muttermilch). Nicht umsonst hat Shakespeares Julia ein intimes Verhältnis zu ihrer Amme und praktisch keins zu ihrer Mutter. Immer wieder wird auch hingewiesen auf die hohe Kindersterblichkeit – nicht nur in den ersten Lebenstagen – die es zusätzlich ratsam scheinen ließ, sein Herz nicht zu sehr an kleine Kinder zu hängen.

Der Wendepunkt kommt mit der Aufklärung. Vermutlich steht am Anfang die sogenannte Peuplierungspolitik des 18. Jahrhunderts: Fürsten erkennen die volkswirtschaftliche und militärische Bedeutung wachsender Bevölkerungen. Um sich gegen andere Staaten verteidigen zu können, brauchen sie eine prosperierende Wirtschaft und ein zahlenstarkes Militär. Für beides müssen die stagnierenden Bevölkerungszahlen der europäischen Staaten wachsen. Und das geht nur mit besserer Medizin, Bildung, Nachwuchspflege. Die Philosophen des Naturrechts, Rousseau, Pestalozzi, liefern prompt dazu das Ideal der mütterlichen Liebe: Rousseau glaubt gar, dass nur, indem die Mütter ihre Kinder selbst stillen und sie nicht den Ammen überlassen, die allgemeine Korruption bekämpft und eine sittliche Ordnung wiederhergestellt werden kann. Pestalozzi definiert die Stube als den Raum der Ehefrau, die Politik und das gesellschaftliche Leben als den Raum des Mannes. Alles im Sinn einer angeblich wiederentdeckten Naturordnung. Nebenbei basierten diese Ideen von der Naturordnung nicht auf Erkenntnissen der Forschung, sondern wurden schlicht behauptet. Aber Worte schaffen Wirklichkeit: Die gesellschaftlichen Umwälzungen, die Französische Revolution führen zu einem Zurückweichen der Frauen aus dem öffentlichen Leben.

Die Erfindung idealer Mutterliebe ist also von Anfang an politisch.

Die Kindsmörderin als gesellschaftliches Symptom

Und ebenso politisch ist die Einführung der Kindsmörderin aus Verzweiflung in das bürgerliche Trauerspiel. Die Kindsmörderinnen legen den Finger in die Wunde einer Gesellschaft, die von ihren Frauen Aufopferung in der Pflegearbeit fordert, diese Frauen aber mit der ihnen übertragenen Aufgabe im Stich lässt. Zunächst sind es die Vorschriften von Religion und Sitte, die die jungen Frauen im Drama zur Mörderin des eigenen Kindes werden lassen. Einige Jahrzehnte später kommt das materielle Elend hinzu. Aber die Anprangerung der gesellschaftlichen Missstände steht nicht im Widerspruch zu der von Männern ersonnenen Idee der idealen Mutter-Kind- Gemeinschaft. Die Negation bestärkt das Ideal sogar.

Interessanterweise greifen die im 19. Jahrhundert auch in der Literatur aufkommenden  Feministinnen das Kindsmörderinnen-Thema gar nicht auf. Im frühen 20. Jahrhundert erlebt es aber eine Renaissance, wenn auch mehrheitlich durch männliche Autoren.

Foto: Petra Moser

Jette John – Tragödie eines Mutterideals

Gerhart Hauptmanns Mutter John in seinen Ratten (1910) steht erkennbar in der Tradition der Kindsmörderinnen des 18. Jahrhunderts, dabei ist sie weder Mutter (jedenfalls nicht in der im Stück erzählten Zeit) noch tatsächlich Kindsmörderin. Jedoch berührt und kommentiert das Stück den Kindsmörderinnen-Komplex an allen Seiten, Jette John ist alles mögliche Andere, das in diesem Komplex enthalten ist: beinahe Mutter, beinahe Kindsmörderin.

Das Stück Die Ratten beginnt mit einer verzweifelten Schwangeren, also eigentlich der klassischen Kindsmörderin, Pauline Piperkarcka, und richtig: die will das von ihr erwartete, vaterlose Kind ermorden. Piperkarcka ist aber nicht die Hauptfigur, das ist die Hausmeisterin Jette John. Und John überredet Piperkarcka, ihr, der Hausmeisterin, ihr Kind zu verkaufen. Wir erfahren, dass John vor Jahren selbst ein Kind hatte, welches sie jedoch durch Diphterie im Kleinkindalter verlor. Wir erfahren auch, dass John sich verzweifelt wünscht, wieder Mutter zu sein, dazu aber nicht mehr in der Lage ist. Das ist quasi die Umkehrung des traditionellen Kindsmörderinnen-Problems. Als die leibliche Mutter, Piperkarcka, ihr Kind auf der Behörde meldet und es dort, zur Kontrolle seines Verbleibs, vorführen muss, entführt John das Kind einer Nachbarin, damit die Kindsmutter dieses entführte Kind auf der Behörde zeigen kann. John glaubt, dass die junge Kindsmutter ihr Kind zurückhaben will, darum bittet sie ihren Bruder, die Kindsmutter Piperkarcka einzuschüchtern. Der Bruder ermordet Piperkarcka. Das Kind der Nachbarin, das John kurzzeitig geraubt hatte, um es der Behörde statt des anderen Kindes vorzuzeigen, stirbt in Johns Wohnung. Als auch der Mord an Pauline Piperkarcka ans Licht kommt, begeht Jette John aus Verzweiflung Selbstmord.

Was das Stück uns auch noch erzählt, ist, warum Jette John so verzweifelt ein Kind haben will: Das ist, weil ihr Mann, der Maurerpolier John, sich so sehr eins wünscht. Und nachdem seine Frau kein Kind mehr haben kann, entfernt der Maurerpolier John sich mehr und mehr von ihr. Er nimmt sogar eine Stelle in einer anderen Stadt an.

Wer genau hinschaut, findet in Die Ratten eine Montage aus drei oder vier Müttertragödien um verzweifelt gewünschte oder verzweifelt unerwünschte Kinder. Das Besondere, Avantgardistische an der Tragödie der Jette John ist, dass ihr Drama die Tragödie unerfüllter Mutterliebe, tatsächlich aber des unerfüllten Selbstbilds einer Mutter ist. Frau John glaubt, dass sie nur als Mutter die Liebe ihres Mannes zurückgewinnen kann, weil sie nur als Mutter eine wahre Frau für ihn ist. Im Zentrum der Tragödie steht also das Konstrukt der idealen Mutter, von dem wir weiter oben schon gehört haben. Das Ideal selbst ist hier das Problem geworden, das die Mutter John zu Mord und Selbstmord treibt.

Manchmal sind Stücke klüger als ihre Autoren, sagt man. Gerhart Hauptmann vertrat in seiner langen Laufbahn viele Ansichten, die heute unzeitgemäß sind. Als alter Dichter ließ er sich von den Nazis hofieren. Mit der Tragödie der Mutter John wirft er einen klaren Blick auf Werte und Ideen, die Menschen unserer Gesellschaft bis heute prägen.

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