Jette John – Tragödie eines Mutterideals
Gerhart Hauptmanns Mutter John in seinen Ratten (1910) steht erkennbar in der Tradition der Kindsmörderinnen des 18. Jahrhunderts, dabei ist sie weder Mutter (jedenfalls nicht in der im Stück erzählten Zeit) noch tatsächlich Kindsmörderin. Jedoch berührt und kommentiert das Stück den Kindsmörderinnen-Komplex an allen Seiten, Jette John ist alles mögliche Andere, das in diesem Komplex enthalten ist: beinahe Mutter, beinahe Kindsmörderin.
Das Stück Die Ratten beginnt mit einer verzweifelten Schwangeren, also eigentlich der klassischen Kindsmörderin, Pauline Piperkarcka, und richtig: die will das von ihr erwartete, vaterlose Kind ermorden. Piperkarcka ist aber nicht die Hauptfigur, das ist die Hausmeisterin Jette John. Und John überredet Piperkarcka, ihr, der Hausmeisterin, ihr Kind zu verkaufen. Wir erfahren, dass John vor Jahren selbst ein Kind hatte, welches sie jedoch durch Diphterie im Kleinkindalter verlor. Wir erfahren auch, dass John sich verzweifelt wünscht, wieder Mutter zu sein, dazu aber nicht mehr in der Lage ist. Das ist quasi die Umkehrung des traditionellen Kindsmörderinnen-Problems. Als die leibliche Mutter, Piperkarcka, ihr Kind auf der Behörde meldet und es dort, zur Kontrolle seines Verbleibs, vorführen muss, entführt John das Kind einer Nachbarin, damit die Kindsmutter dieses entführte Kind auf der Behörde zeigen kann. John glaubt, dass die junge Kindsmutter ihr Kind zurückhaben will, darum bittet sie ihren Bruder, die Kindsmutter Piperkarcka einzuschüchtern. Der Bruder ermordet Piperkarcka. Das Kind der Nachbarin, das John kurzzeitig geraubt hatte, um es der Behörde statt des anderen Kindes vorzuzeigen, stirbt in Johns Wohnung. Als auch der Mord an Pauline Piperkarcka ans Licht kommt, begeht Jette John aus Verzweiflung Selbstmord.
Was das Stück uns auch noch erzählt, ist, warum Jette John so verzweifelt ein Kind haben will: Das ist, weil ihr Mann, der Maurerpolier John, sich so sehr eins wünscht. Und nachdem seine Frau kein Kind mehr haben kann, entfernt der Maurerpolier John sich mehr und mehr von ihr. Er nimmt sogar eine Stelle in einer anderen Stadt an.
Wer genau hinschaut, findet in Die Ratten eine Montage aus drei oder vier Müttertragödien um verzweifelt gewünschte oder verzweifelt unerwünschte Kinder. Das Besondere, Avantgardistische an der Tragödie der Jette John ist, dass ihr Drama die Tragödie unerfüllter Mutterliebe, tatsächlich aber des unerfüllten Selbstbilds einer Mutter ist. Frau John glaubt, dass sie nur als Mutter die Liebe ihres Mannes zurückgewinnen kann, weil sie nur als Mutter eine wahre Frau für ihn ist. Im Zentrum der Tragödie steht also das Konstrukt der idealen Mutter, von dem wir weiter oben schon gehört haben. Das Ideal selbst ist hier das Problem geworden, das die Mutter John zu Mord und Selbstmord treibt.
Manchmal sind Stücke klüger als ihre Autoren, sagt man. Gerhart Hauptmann vertrat in seiner langen Laufbahn viele Ansichten, die heute unzeitgemäß sind. Als alter Dichter ließ er sich von den Nazis hofieren. Mit der Tragödie der Mutter John wirft er einen klaren Blick auf Werte und Ideen, die Menschen unserer Gesellschaft bis heute prägen.