Nicht einfach nur ein Bild

Wie ein weißes Gemälde eine langjährige Freundschaft ins Wanken bringt – Yasmina Rezas Komödie über Kunst, Geschmack und menschliche Eitelkeiten.

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Haben Sie gerade eine weiße Fläche gesehen? Nichts als Leere, wo doch eigentlich ein Bild oder Text stehen müsste? Haben Sie sich gefragt, ob das ein Fehler ist? Haben Sie in der puren Farbe etwas Erhabenes erkannt? Oder haben Sie einfach nur am Verstand dieser Redaktion gezweifelt?

Ungefähr so ergeht es auch den Figuren von Yasmina Rezas Welterfolg Kunst. Als Serge, Dermatologe und Schöngeist, sich für sehr viel Geld ein weißes Bild mit weißen Streifen kauft und es seinen langjährigen Freunden frei von Ironie präsentiert, reagiert Marc zutiefst verstört. Schließlich scheint Serge die für Marc offensichtliche Absurdität der Situation nicht zu erkennen, sondern outet sich stattdessen als Anhänger einer modernen Denk- und Lebensweise, die Marc selbst zutiefst ablehnt. Yvan, der dritte im Bunde, versucht noch, den aufflammenden Streit seiner Freunde zu schlichten, der Schaden ist aber bereits angerichtet.

Die Tragikomödie der wohlhabenden Mitte

Yasmina Reza porträtiert in der Regel die nicht ganz normale, weil etwas besserverdienende, Pariser Mittelschicht um die vierzig – eine der sorglosesten und zugleich tragikomischsten Generationen aller Zeiten, die in der korrekten Handhabung der Küchengeräte und der kompetenten Nutzung der Fernsehkanäle die letzten metaphysischen Herausforderungen ihrer Epoche erblickt. Rezas Figuren sind die Helden dieser überforderten, im französischen Konsumparadies umherirrenden Mittelschicht, mit deren Affären man sich nicht lange aufhalten würde, wäre da nicht Rezas immense Kunst, so verzweifelt komisch zu sein.

Der wahre Konflikt beginnt nach dem Kauf

„Die Geschichte ist mir passiert mit einem Freund, der ein weißes Bild gekauft hat“, beschreibt Reza in einem Interview. „Er ist Dermatologe, und ich habe ihn gefragt: ‚Wieviel hast du dafür bezahlt?‘ Und er hat geantwortet: ‚Zweihunderttausend Francs.‘ Und ich brüllte vor Lachen. Er allerdings auch. Wir sind Freunde geblieben, weil wir lachten. Als er das Stück las, lachte er auch. Es hinderte ihn nicht daran, sein Bild weiterhin zu lieben. Das Drama von Kunst ist ja nicht, dass Serge das weiße Bild kauft, sondern dass man mit ihm nicht mehr lachen kann.“ Michel de Montaigne beschrieb wahre Freundschaft einst als Verschmelzung zweier Personen zu einer Seele, so dass man „die Naht nicht mehr finde[t], die sie eint“.

Wie diese Naht zwischen Serge, Marc und Yvan im Angesicht dieses weißen Kunstwerks nun wieder zu Tage tritt und ihnen das Lachen dabei gewaltig vergeht, ist dank Rezas brillanter Dialoge beste, abgründige Unterhaltung.

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