Wonderful Town

Musical-Hommage an das New York der 1930er-Jahre

PremierenfieberWonderfulTown

Die Grundlage für den Musical-Klassiker Wonderful Town ist eine Serie von Kurzgeschichten im Magazin New Yorker über Abenteuer, die die junge Ruth McKenney und ihre Schwester Eileen erlebten, nachdem sie 1934 von Ohio ins New Yorker Greenwich Village gezogen waren. In ihren Geschichten war Ruth die „smarte, ernsthafte“ der Schwestern, Eileen die „hübsche, naive“. 1938 fasste Ruth die Stories unter dem Titel My Sister Eileen zusammen.
1940 adaptierten Joseph Fields und Jerome Chodorov die Geschichten für ein Broadway-Schauspiel und wenig später als Film. Ihr Plan, den Stoff auch noch als Musical herauszubringen, erwies sich allerdings als äußerst schwieriges Unterfangen. Produzenten, Stars und Songwriter kamen und gingen – oder wurden gegangen.

Ein junges Team rettet das Musical

In höchster Not – es waren nur noch sechs Wochen bis zur geplanten Uraufführung – kam Ende 1952 ein junges Team aus dem Komponisten Leonard Bernstein (34 Jahre) und dem Texter-Duo Betty Comden (35) und Adolph Green (37) dazu. Die drei stürzten sich voller Elan in das eigentlich unmögliche Projekt, um ihrem früheren On The Town, mit dem sie dem New York der 1940er-Jahre ein Denkmal gesetzt hatten, ein Pendant über die 1930er-Jahre, in denen alle drei ihre Jugend in New York verbracht hatten, an die Seite zu stellen. Ein Interview mit Comden und Green über die (heute so nicht mehr vorstellbare) Entstehungsgeschichte von Wonderful Town finden Sie, wenn Sie eine Seite weiterblättern.

Cabaret-Stil und wunderschöne Balladen

Das Stück war als Star-Vehikel für Rosalind Russell gedacht, die für ihre selbstbewussten, emanzipierten Frauenfiguren in vielen Broadway- und Hollywood-Komödien bekannt war. Wegen des erforderlichen Schreibtempos griff das Team teilweise auf seinen Cabaret-Stil zurück, den sie in den 1940er-Jahren für Nachtclub-Revuen entwickelt hatten. So strotzt die Show vor urkomischen Songs und sketchartigen Szenen. Sie schufen aber auch drei wunderschöne Balladen – A Little Bit in Love (Ein bisschen sehr verliebt), A Quiet Girl (Ein stilles Girl) und It’s Love (Verliebt).

Bei den Songs für Rosalind Russell, die keine wirkliche Sängerin war, ließ sich Bernstein auf erstaunlich wenige Kompromisse ein – sie sind rhythmisch und harmonisch ziemlich knifflig. Als Russell die Songs vorgestellt wurden, lief sie panisch zu ihrem Freund Joshua Logan, einem bekannten Broadway-Regisseur, und klagte ihm ihr Leid: „Hilfe! Ich kann doch gar nicht singen!“ Logan riet ihr, sich Songs mit jeder Menge Text schreiben zu lassen – es sollten so viele Wörter sein, dass das Publikum einfach gar nicht mehr auf den Gesang achten würde. Tatsächlich erinnert zum Beispiel ihr Song Conga in seinem Schnellsprech-Wortwitz an die Operetten von Gilbert & Sullivan. Jedenfalls scheint Logans Rat geholfen zu haben – Russell lieferte mit ihrer heiseren, tiefen Stimme eine grandiose Leistung ab, für die sie gefeiert wurde.

Eine Idealbesetzung für Linz

Unser neues Ensemblemitglied Sarah Schütz spielte die Ruth bereits an der Staatsoperette Dresden und an der Wiener Volksoper. Mit ihrem trockenen Witz und ihrer dunkel gefärbten Stimme ist sie eine Idealbesetzung für diese Rolle. Die ebenfalls neu ins Ensemble gekommene Patrizia Unger wird Ruths jüngere Schwester Eileen spielen. Dem großen klassischen Musical wird das Landestheater Linz einmal mehr gerecht, indem der Landestheater-Chor und TANZ LINZ in voller Stärke dabei sein werden und das Bruckner Orchester unter Leitung von Tom Bitterlich den mitreißenden Jazz-Score von Leonard Bernstein interpretieren wird. Erstmals am Landestheater inszeniert Felix Seiler, der zuletzt mit Leonard Bernsteins anderem New-York-Musical On The Town an der Grazer Oper erfolgreich war.

Betty Comden und Adolph Green
Betty Comden und Adolph Green, 1947 (ideastream.org)

Genau vier Töne

Betty Comden und Adolph Green über Wonderful Town

(Aus: Leonard Bernstein Newsletter prelude, fugue & riff, Herbst 1994)

 

1953 feierte Wonderful Town im Winter Garden Theatre am Broadway Premiere – und wurde von der Kritik begeistert aufgenommen. Vierzig Jahre später besuchte ein Journalist das Songtexter-Duo des Stücks, Betty Comden und Adolph Green, zuhause bei Green in seiner mit Schallplatten und Büchern gefüllten Bibliothek mit Blick auf den Central Park.

Wie wurde aus Ruth McKenneys Geschichten über das bohemiènhafte Leben im Greenwich Village der 1930er Jahre ein Musical?

Comden: [Der Regisseur] George Abbott tat sich mit [den Buchautoren] Jerome Chodorov und Joseph Fields zusammen, um McKenneys Buch zu einem Musical mit dem Titel Wonderful Town zu adaptieren – aber sie kamen nicht recht weiter. Abbott rief mich eines Tages an und sagte: „Glauben Sie, Sie könnten die Gesangstexte schreiben?“ Adolph war gerade verreist – aber ich kontaktierte ihn, und er kam zurück. Abbott fragte: „Mit wem würden Sie zusammenarbeiten wollen?“ Wir sagten: „Vielleicht mit Leonard [Bernstein].“ Er meinte: „Gehen Sie hin und fragen Sie ihn“. Und kaum hatten wir unsere Wohnung erreicht, war Abbott schon wieder am Telefon. Green: Er schrie: „Ja oder nein?“ Und zu unserer großen Überraschung sagte Leonard: Ja. Comden: Wir waren überglücklich. Mit Leonard zu arbeiten war himmlisch.

George Abbott klang wie ein Regisseur, der es wirklich eilig hatte. Wie viel Zeit hatten Sie, um das Stück zu schreiben?

Green (grinst): Viereinhalb Wochen.

Rosalind Russell spielte in dieser ersten Produktion die Ruth. Wie gefiel ihr der Wechsel von Hollywood zum Broadway?

Comden: Sie mochte die Musik sehr. Aber eines Tages rief sie uns alle zusammen und sagte: „Adolph, Betty, Leonard, hört mal zu. Ich habe genau vier Töne, die ich gut singen kann, und ihr müsst meine Songs für genau diese vier Töne schreiben.“
Green: Und zwar nach dem Motto da-da-da-da – Gag, da-da-da-da – Gag.
Comden: Einen solchen Song hatten wir noch nicht, als wir in New Haven [dem ersten Tryout-Theater] eröffneten. Dann bekam Rosalind eine Halsentzündung und lag im Bett.

Hatte ihre Halsentzündung etwas mit dem Fehlen eines passenden Songs zu tun?

Comden (lacht): Nein, so war sie nicht. Adolph, Lenny und ich trafen uns und schrieben eine neue Nummer: 100 Easy Ways to Lose a Man (100 gold’ne Tipps, einen Mann zu verlier’n). Dann schoben wir das Klavier durch den Hotelflur …
Green: Direkt vor ihr Schlafzimmer …
Comden: Damit wir ihr das Lied vom Flur aus vorspielen konnten. Wir brüllten es ihr sozusagen ins Zimmer hinein. So hörte sie es zum ersten Mal.

Und natürlich wurde 100 Easy Ways to Lose a Man zum Publikumshit. Wonderful Town wurde ein Erfolg und gewann schließlich vier Tony Awards, darunter den für das beste Musical. Wie war die Premiere?

Comden: Nach der Premiere gab es eine große Party bei Joshua Logan [Regisseur und ein Freund von Rosalind Russell] zu Hause. Wir waren alle dort, ziemlich nervös, denn man weiß einfach nie, was die Kritiker schreiben werden.
Green: Dann kamen die triumphalen Rezensionen. Tatsächlich war es Marlene Dietrich, die zum Times Square gelaufen war, um die frischen Zeitungen zu holen.

Warum haben Sie die Handlung in die 1930er Jahre gelegt, statt in die 1950er, als das Musical geschrieben wurde?

Comden: Lenny setzte sich ans Klavier und begann, einen Vamp zu spielen, den Eddie Duchin, der große Orchesterleiter und Pianist der Dreißiger, verwendet hatte.
Green: Als Lenny das spielte, hat uns das inspiriert.
Comden: Wir wussten gleich, dass das Stück einen eigenen Stil haben und in dieser Epoche verwurzelt sein würde. Es würde eine Conga geben, Swing, Jazz – all diese wunderbare Musik, in der wir uns zu Hause fühlten.

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