Auf Spurensuche in einem Roman

Librettist Niklas Wagner über das neue Landestheater-Musical Die Mitte der Welt

PremierenfieberDieMitteDerWelt

Andreas Steinhöfels 1998 erschienener Roman Die Mitte der Welt lässt sich nur schwer in eine Schublade stecken. Drückt man das Buch zehn Personen in die Hand, erhält man zehn völlig unterschiedliche Adaptionen. Worauf legt man bei der Übertragung in ein anderes Medium den Schwerpunkt? Will man eine bodenständige, alltagsnahe Coming-of-Age-Geschichte erzählen? Konzentriert man sich eher auf den Familienkonflikt oder auf die Lovestory zwischen zwei Jungs? Wie geht man mit den märchenhaften, magisch-realistischen Elementen der Vorlage um?

Als ich den Roman als junger Erwachsener das erste Mal las, spürte ich sofort, dass sich irgendwo zwischen den Buchdeckeln ein Musical verbirgt. Seitdem haben mich der siebzehnjährige Phil, seine Zwillingsschwester Dianne und seine exzentrische Mutter Glass nicht losgelassen. Der Geschichtensammler Nicholas und der Seefahrer Gable, sie alle geisterten mir unablässig durch den Kopf und verlangten danach, auf die Bühne gebracht zu werden.

Eine gemeinsame Vision

Als ich der Komponistin Sarah Taylor Ellis von der Idee erzählte, aus dem Stoff ein Musical zu machen, war sie sofort Feuer und Flamme. Die Vorlage bot uns alles, was uns beide in unserem kreativen Schaffen begeistert: das Spielen mit Erinnerung und das Überlappen verschiedener Zeitebenen, unkonventionelle Familienkonstellationen, eine für die Entstehungszeit in den Neunzigern beispiellose queere Repräsentation und im Mittelpunkt von allem ein Haus, so geheimnisvoll und allgegenwärtig, dass es sich fast wie eine eigene Figur anfühlt.

In unserem Stück gibt es immer wieder Rückblenden, in denen Phil und Dianne von Kindern gespielt werden. Die Musik erlaubt es uns, Vergangenheit und Gegenwart gleichzeitig stattfinden zu lassen und Momente zu schaffen, in denen die Zwillinge im Duett mit ihren jüngeren Ichs singen. Inspiration schöpften wir dabei aus Musicals wie Fun Home, Grey Gardens, Next to Normal, The Secret Garden und Caroline, or Change, aus den Alben unzähliger Indie-Folk-Bands und aus den Theaterstücken zeitgenössischer amerikanischer Dramatiker:innen wie Bess Wohl und David Lindsay-Abaire.

Theater ist Teamsport

Der legendäre Musicalkomponist und Liedtexter Stephen Sondheim hat einmal gesagt: „Musicals werden nicht geschrieben – sie werden umgeschrieben.“ So lief auch die Entwicklung unseres Stücks nach dem Trial-and-Error- Prinzip ab: Immer wieder haben wir Dinge ausprobiert, festgestellt, dass wir damit auf dem Holzweg sind, Songs verworfen und durch neue ersetzt. Ein essenzieller Schritt in diesem Prozess war unser einwöchiger Stückentwicklungsworkshop am Landestheater sechs Monate vor Probenbeginn.

Das Schöne an Musicals ist, dass sie nicht nur zu Hause am Schreibtisch entstehen, sondern durch Zusammenarbeit mit dem gesamten Kreativteam. Dass unser Stück mit jeder neuen Fassung an Präzision und Klarheit gewonnen hat, ist das Ergebnis eines intensiven kollaborativen Austauschs mit unserer Regisseurin Karoline Gable, dem Musikalischen Leiter Raban Brunner, dem Dramaturgen Arne Beeker und nicht zuletzt auch mit dem Linzer Musicalensemble, das die Rollen seit dem Workshop (und teilweise schon seit unserer Präsentation erster Ausschnitte bei der schreib:maschine der Deutschen Musical Akademie im Sommer 2024) mitgestaltet hat.

Der Roman ist aus Phils Perspektive erzählt, alles wird durch seine subjektive Wahrnehmung gefiltert. Nach einigen anfänglichen Überlegungen haben wir uns dazu entschlossen, ihn in unserem Stück nicht als Erzähler durch die Handlung führen zu lassen. Das gibt uns die Möglichkeit, das Eigenleben der anderen Figuren losgelöst von ihrer Beziehung zu Phil zu erkunden. Im Buch sucht er häufig Rat bei der Anwältin Tereza und ihrer schonungslos ehrlichen Freundin Pascal. Auf der Bühne können wir nun einen Blick durchs Schlüsselloch werfen: Wer sind Tereza und Pascal, wenn Phil nicht da ist – welche eigenen Konflikte haben sie als Paar zu bewältigen?

Der aktive Beobachter

Im Nachwort seines Romans schreibt Andreas Steinhöfel über Phil: „Was war das für ein Typ, der die Welt und das Leben lieber von außen betrachtete, als daran teilzuhaben, der sich darin herumschubsen ließ, sich in Bücher flüchtete?“ Für uns stellte das im Adaptionsprozess eine besonders große Herausforderung dar: Das Theaterpublikum erwartet von einem Protagonisten, dass er die Geschichte durch aktives Handeln vorantreibt. Wie können wir eine Hauptfigur auf die Bühne bringen, die von ihrem Umfeld immer wieder als passiver Zuschauer in ihrem eigenen Leben bezeichnet wird?

Wir haben den Roman genau unter die Lupe genommen, um zu ermitteln, in welchen Situationen Phil trotz seiner scheinbaren Passivität die Initiative ergreift. Dieses aktive Element mussten wir für die Bühne verstärken, um dem Stück einen klaren Antrieb geben zu können, der von der Hauptfigur ausgeht: Phil ahnt, dass etwas zwischen seiner Mutter und seiner Schwester vorgefallen sein muss. Sie reden nicht mehr miteinander, und er kann sich nicht erklären, warum. Immer wieder sucht er das Gespräch, hakt nach, stellt Fragen und versucht zu schlichten.

Hier erleben wir Phil von Anfang an in Aktion. Er ist unermüdlich auf der Suche nach Wahrheit – auch was die Identität seines Vaters anbelangt. Sein einziger Anhaltspunkt ist eine Liste seiner Mutter, auf der sie all ihre Männerbeziehungen aufgeschrieben hat. Nur ein Name fehlt – die Nummer drei, versehen mit einem Datum neun Monate vor Geburt der Zwillinge.

Im Roman erfahren wir, dass die Zwillinge die Liste irgendwann in ihrer Kindheit gefunden haben. In unserer Adaption holten wir den Fund mit jeder neuen Fassung weiter in die Gegenwart: Zunächst berichtete der siebzehnjährige Phil seiner besten Freundin Kat im Gespräch davon, die Liste kurz zuvor auf dem Dachboden entdeckt zu haben. Nach verschiedenen Überarbeitungen findet nun der Moment, in dem Phil mit siebzehn erstmals auf die Liste stößt, vor den Augen des Publikums statt. Dadurch hat unser Stück einen stärkeren Katalysator gewonnen, der Phils Suche nach Identität eine neue Dringlichkeit verleiht und den Stein für unsere Geschichte ins Rollen bringt.

Scherben bringen Glück

Diese Entwicklung zieht sich auch durch die Gesangstexte: In einer früheren Fassung des Songs Scherben singt Phil über den Familienkonflikt: „Uns’re himmelblauen Tage scheinen ewig lange her, und was uns bleibt, sind nur noch Scherben.“ Wir haben erkannt, dass Phils Worte zu vorsichtig sind, zu tastend. An dieser Stelle reicht es für ihn nicht, den Ist-Zustand zu beklagen. Das Publikum muss seinen Willen spüren, der Ursache für den Streit aktiv auf den Grund zu gehen und das, was kaputt ist, zu reparieren. Nach diversen Überarbeitungsschleifen lautet diese Zeile nun: „Ich find raus, was hier passiert ist, stell die Ordnung wieder her und bau ein Schloss aus all den Scherben.“

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