Die Regisseurin Susanne Lietzow inszeniert am Landestheater Linz Die Bettleroper nach John Gay und Johann Christoph Pepusch. Das Singspiel aus dem Jahr 1728 schildert den Kampf zweier Könige der Londoner Unterwelt, des Hehlers Peachum mit dem Räuber Macheath. Die Rivalität eskaliert, als Macheath die Tochter Peachums, Polly, heiratet. Susanne Lietzow hat das Stück, zusammen mit dem Musiker und Komponisten Gilbert Handler, neu geschrieben. Wir treffen sie kurz vor Probenbeginn im Landestheater.
Wovon handelt „Die Bettleroper“ und warum interessiert sie dich?
In der Bettleroper von John Gay und nach John Gay schauen wir in eine Unterwelt, in der jegliche Norm und Moral ausgehebelt wird. Wir schauen einem prekären Überleben zu, die durchschnittliche Lebenserwartung der Figuren liegt bei 35 Jahren. Begriffe wie Wahrheit oder Moral finden in einer völlig verqueren Variante statt. Die Kommunikation ist zu 70 Prozent gelogen. Wir schauen einem kriminellen System zu, dessen Bewohner auf teilweise absurde, teilweise tragikomische Weise versuchen, mit ihrem kleinen Leben durchzukommen – in diesem System, zu welchem sie verurteilt sind. Es ist eine Unterwelt.
Inwiefern passt das nach Linz, inwiefern passt es in die heutige Zeit?
Prekariat gibt es überall.
Du kennst Linz und Oberösterreich sehr gut. Darf ich fragen, seit wann und wodurch?
Ich bin mit süßen 20 ans Theater Phönix gekommen, da habe ich Linz kennengelernt.
Dort warst du Schauspielerin?
Ja genau. Dann ging ich ans Nationaltheater Weimar und dort habe ich auch angefangen selbst zu inszenieren, im Anschluss habe ich auch im Phönix inszeniert.
Und dann hast du dich ganz aufs Inszenieren verlegt, überall in Österreich und Deutschland. Du kennst das Linzer Publikum sehr gut. Und das Linzer Publikum kennt dich. Ist das ein Vorteil für die Arbeit hier?
Wenn ich ein Kunstwerk vorbereite, denke ich im ersten Moment nicht an das Publikum, sondern an das, was ich da machen möchte. Die Linzer:innen sind für mich natürlich ein sehr treues und geliebtes Publikum.
„Die Bettleroper“ könnte auch „Der Vater der Braut“ heißen.
Es gibt mehrere Väter von mehreren Bräuten.
Das stimmt. Und die Hauptfigur, Peachum, lehnt den Bräutigam seiner Tochter aus Eifersucht nicht nur ab, er würde ihn am liebsten am Galgen sehen.
Nicht aus Eifersucht. Aus Geschäftssinn. Er verliert eins seiner besten Rennpferde. Wir schauen in ein Kriminal hinein. Die einzige Geschäftsmöglichkeit für Frauen ist die Prostitution. Es gibt sehr wenige Ausnahmen von Frauen, die in einer kriminellen Gesellschaft aufsteigen. Insofern ist die Gewaltenteilung zwischen den Geschlechtern massiv.
Es geht also nicht um Eifersucht, Peachum würde seine Tochter durch deren Ehe mit dem Captain Macheath verlieren, sie wird ihm eigentlich gestohlen und würde dann einfach für eine andere Firma arbeiten.
Genau. Und sie weiß auch zu viel über die Machenschaften ihrer Eltern. So sehen sie es. So tief hängen die alle in der Korruption drin. Oder wie Peachum sagt: „Sein Job ist es, Leute zu ermorden, unserer ist es, Mörder zu verpfeifen – da ist doch nichts Persönliches dabei.“ So funktioniert diese Gesellschaft. Peachum sagt zu seiner Tochter, sie kann alles machen, nur nicht sich verlieben oder heiraten. Täte sie eins davon, verlöre sie ihren Status für ihn.
Woran liegt es, dass wir auf der Bühne so oft Kriminelle oder Wahnsinnige sehen? Das sind ja nicht Normalfälle menschlicher Existenz.
Nicht wirklich, würde ich sagen. Ich finde unseren Alltag immer wahnsinniger werdend. Und viele der Personen, die uns regieren, sind im Moment gerichtsanhängig … Aber natürlich ist es interessant, ins für uns „Normalos“ Unmögliche hineinzuschauen. Und die Bettleroper hat etwas Absurdes. Und das ist der große Unterschied zu Brechts Dreigroschenoper, jedenfalls für mich: In der Dreigroschenoper wird eine Amoralität vorgeführt, in der Bettleroper wird diese Amoralität gelebt.










