Wie hast du’s mit der Liebe?

Richard Wagners Der fliegende Holländer im Musiktheater.

PremierenfieberDerFliegendeHolländer

Es ist eine der bewegendsten Szenen in dem im Jahre 1997 erschienenen Film Titanic. Jack Dawson hängt am Rande einer im Meer treibenden Holzvertäfelung des untergegangenen Ozeankreuzers im eiskalten Wasser. Darauf liegt, durchnässt und erschöpft, seine große Liebe Rose DeWitt Bukater, die er während dieser verhängnisvollen Überfahrt kennengelernt hatte. Der Regisseur James Cameron inszenierte in dieser Szene den ultimativen Liebesbeweis: Jemand nimmt den Tod in Kauf, um die Liebe seines Lebens zu retten.

Viele Tränen sind in den Kinosälen rund um den Globus geflossen, als der erfrorene Leonardo DiCaprio kreidebleich in der Finsternis des Ozeans versank, während Kate Winslet kurz darauf von einem Rettungsboot aufgelesen wurde.

Viele Jahre wurde, vor allem im Internet, recht hitzig darüber diskutiert, ob Jack hätte überleben können, wenn Rose auf dem Treibgut nur etwas Platz für ihn gelassen hätte. James Cameron wollte diese Frage schlussendlich selbst beantwortet wissen, weswegen er 25 Jahre nach dem Film dahingehende Experimente durchführte, um Jacks Überlebenschancen realistisch einschätzen zu können. Die Antwort war einerseits, dass es unter bestimmten (und sehr günstigen) Umständen möglich gewesen wäre, dass beide überlebt hätten. Andererseits hätte er als Regisseur mit diesem Wissen schlicht die Holzvertäfelung verkleinert, um Jack gar keine Überlebenschance zu lassen.

Obwohl diese Diskussion auf einer fiktiven Liebesgeschichte basiert, stellt sie eine tiefgründige Frage: Wie weit ist man bereit zu gehen, um das Leben eines geliebten Menschen zu retten? Unternimmt man alles Menschenmögliche, opfert sich selbst oder geht im schlimmsten Fall gemeinsam dem Ende entgegen? James Cameron führt mit seinem Film jedenfalls zu einer Frage, die sich vielleicht jeder Mensch schon einmal gestellt hat. Wie die Antwort darauf ausfällt, ist höchst individuell, und zum Glück oftmals Teil eines harmlosen Gedankenspiels.

WAS TUT MAN ALLES FÜR DIE LIEBE …

Einmal von diesem höchstdramatischen Liebesbeweis à la Hollywood abgesehen, gibt es auch andere Möglichkeiten, jemandem seine Liebe zu zeigen. Beeindruckend ist beispielsweise jene Geschichte eines Mannes, der im Namen der Liebe mit nur einer Aktion in acht Staaten gleichzeitig Rechtsbruch begehen wollte. Peter Barasinski, ein Oberkellner zur See, wäre so weit gegangen, um seiner Gemahlin gegenüber ein Versprechen zu halten. Er und seine Frau Carita hatten sich bei ihrer Hochzeit im Jahre 1993 geschworen, den jeweils anderen würdig zu Grabe zu tragen, sollte er oder sie vorher gehen müssen. Ein Grab neben der Kirche, in der sie geheiratet haben, hatten sie dafür schon vorgesehen. Diese, vielleicht etwas morbid wirkende Voraussicht, hatte durchaus eine Berechtigung, waren doch beide Besatzungsmitglieder eines Schiffes und die Seefahrt war und ist – trotz modernster Technologien – immer mit einem gewissen Risiko verbunden.

Ein Jahr später war es an Peter, das Versprechen seiner Frau gegenüber einhalten zu müssen, denn Carita war eines der 852 Todesopfer, die der Untergang der MS Estonia am 28. September 1994 in der Ostsee forderte. Der Dienstplan verfügte es, dass Peter an diesem schicksalhaften Tag nicht an Bord der Fähre arbeitete. Als nach der Katastrophe die schwedische Regierung entschied, die Toten nicht aus dem Wrack zu bergen und das Wrack als Grabstelle zu definieren, war Peter Barasinski klar, dass er selbst seine Frau nach Hause holen müsse. Dazu musste er schnell sein, denn ein bilaterales Abkommen zwischen Schweden, Finnland und Estland verbot es deren Staatsbürger:innen, sich dem Wrack zu nähern, und acht von neun Ostseeanrainerstaaten erklärten sich bereit, eine Bannmeile rund um das Wrack zu akzeptieren.

… STAATEN UND DEM GESETZ TROTZEN?

Barasinskis erster Versuch mit befreundeten Tauchern und Seefahrern von Polen aus scheiterte, weil Schweden dies auf diplomatischem Wege zu verhindern wusste. Keine zwei Tage später startete er den nächsten Versuch von Deutschland aus, dem einzigen Staat, der die Vereinbarungen nicht unterzeichnen würde. Mit einem gecharterten Schlepper brach er zum Wrack der Estonia auf, um seine Frau zu finden. Kaum an der Unglücksstelle angekommen, gesellte sich auch schon ein Eisbrecher der schwedischen Marine zum Schlepper, um die Aktion zu beobachten. Die Suche mit einem Tauchroboter nach dem letzten bekannten Aufenthaltsort Caritas gestaltete sich schwierig und dauerte bis in den nächsten Tag. Die Zeit bis zum Inkrafttreten der Gesetze verrann, der Tauchroboter kämpfte mit unterschiedlichsten Schwierigkeiten, und als das schwedische Schiff noch dazu begann, den Schlepper zu bedrängen, um diesen von der Position zu bewegen, waren Peters Trotz und Wille gebrochen. Er beendete die Aktion und fuhr ohne seine Frau nach Deutschland zurück.

So nahe wie an diesem Tag sollte er Carita nie wieder kommen. Der Kampf, sie in Uppsala beerdigen zu können, blieb erfolglos. Aber er war bereit, für seine Liebe alles zu tun, und wenngleich er selbst das Versprechen nicht einhalten konnte und seit 2006 allein im gemeinsamen Grab liegt, so bleibt der Nachwelt seine Treue bis in den Tod im Gedächtnis.

… VON EINEM FELSRIFF SPRINGEN?

Die Geschichte von Peter Barasinski verdeutlicht, dass es im realen Leben nicht an Bereitschaft mangelt, für die Liebe, alles zu geben. Nur in der Kunst ist es möglich, diese Taten noch einmal zu überhöhen und in das Ultimative zu steigern, sodass Charaktere – wie im Film Titanic – bereitwillig für die Liebe sterben. In der Gattung der Oper hat dieses Motiv kaum jemand so kunstvoll auf die Spitze getrieben wie Richard Wagner. Sein Werk Der fliegende Holländer handelt allerdings nicht davon, aus Liebe ein Leben zu geben, um ein anderes vor dem Tod zu bewahren. Es geht einen Schritt weiter: Die Protagonistin Senta opfert nicht nur ihr Leben, um ihre Liebe zum Kapitän des Schiffs unter Beweis zu stellen. Mit ihrem selbstlosen Freitod bricht sie auch noch einen auf ihm lastenden Fluch und sorgt damit für die von ihm sehnlichst erwartete Erlösung.

Doch bei all der in der Oper dargestellten Romantik bleibt eine Frage bestehen: Was für eine Liebe ist das, die Senta und den Holländer miteinander verbindet? Jack und Rose verband in Titanic eine unbändige Liebe auf den ersten Blick. Peter und Carita hatten sich an Bord der Estonia kennen und lieben gelernt. Aber im Holländer ist irgendetwas anders: Senta fühlt sich eigentlich zu einem Abbild des Seefahrers hingezogen; der Holländer irrt seit unzähligen Jahren auf den Meeren umher, auf der Suche nach Liebe und somit Erlösung von seinem Fluch. Dabei trifft er zunächst auch noch nicht einmal auf Senta, sondern auf ihren Vater Daland. Dieser hat nichts dagegen einzuwenden, wenn der Holländer im Austausch gegen seine Reichtümer erklärt „sie sei mein Weib“. Für ein Auskommen wäre somit gesorgt – wie praktisch.

Und als Senta und der Holländer aufeinandertreffen, scheinen sie irgendetwas anderes zu sehen, aber nicht die Person vor ihnen. Er scheint nur die Erlösung zu erkennen, die ihm in Form von Senta gegenübersteht; sie begegnet einem Traumbild, aber betrachtet den eigentlichen Mann dahinter nicht wirklich. Ist es schlicht Schicksal, das die beiden zueinander bringt? Jedenfalls lässt sich mit Sicherheit sagen, dass deren Liebe ein besonderes Mysterium ist, dem man sich als Publikum nur allzu gerne vorbehaltlos hingibt.

Weitere Themen

Katja Kabanowa
TeaserOper

Vom Klischee der bösen Schwiegermutter

„Stell die Teller weiter zum Tischrand, dass in der Mitte mehr Platz für das Essen ist.“ – Die Schwiegermutter meint es doch „nur gut“. Ein harmloser Hinweis hier, eine kleine Korrektur dort. Mal geht es eben darum, wie man den Tisch deckt, mal darum, wie man das Kind anzieht, oder wie man mit dem eigenen Sohn spricht. Nichts davon wirkt brutal oder böse. Und doch entsteht durch solche Belehrungen ein Klima, in dem man sich als Adressat:in klein vorkommt. Man hat das Gefühl, ständig unter Beobachtung zu stehen und wird dadurch unsicherer.

PremierenfieberKatjaKabanowa
Die Ratten
SchauspielTeaserSchauspielhaus

Mütter

Kennen Sie den Bechdel-Test? Er besteht aus drei Fragen, anhand derer festgestellt werden kann, wie frauenfeindlich ein Film oder ein Theaterstück ist. Erfunden hat ihn die amerikanische Comiczeichnerin Alison Bechdel 1985, als Schnelltest, ob ein Spielfilm wert ist, angeschaut zu werden. Die Fragen lauten: Gibt es mindestens zwei Frauenrollen? Sprechen sie miteinander? Reden sie miteinander über etwas anderes als über einen Mann? Falls Sie diese Fragen zum ersten Mal hören, gebe ich Ihnen etwas Zeit, sie auf sich wirken zu lassen.

PremierenfieberDieRatten
Heute Nacht Fräulein
TeaserOper

Um die Welt mit Walter Kaufmann

Geschichten über Walter Kaufmann schreiben sich eigentlich von allein. Das ist zumindest das Gefühl, das entsteht, wenn man sich auch nur oberflächlich mit seiner Biografie auseinandergesetzt hat (und dabei Informationen über einen australischen Schriftsteller, der in der DDR lebte und einen deutsch-amerikanischen Philosophen als Namensvetter des Komponisten ausgesiebt hat). Denn der Komponist, Violinist, Pianist, Arrangeur, Musikethnologe und Hochschullehrer Walter Kaufmann führte ein langes Leben, das bestimmt war durch die Verwerfungen und politischen Extreme des 20. Jahrhunderts.

PremierenfieberOperetteHeuteNachtFräulein
Glaube Liebe Hoffnung
SchauspielTeaserSchauspielhaus

Die zwei Gesichter des Ödön von Horváth

Ödön von Horváth teilt das Schicksal vieler (wenn nicht aller) österreichischen Theaterklassiker: Wie bei Arthur Schnitzler, Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek (um nur die zu nennen) werden seine Stücke, wenn nicht gleich verboten, so doch bei ihrem Herauskommen als Nestbeschmutzungen verschrien. Das werden sie aber nur, um wenige Jahrzehnte später in das Kernrepertoire der österreichischsten aller Bühnen, des Theaters in der Josefstadt aufgenommen zu werden (und damit geradewegs ins immaterielle österreichische Kulturerbe). Man könnte sagen, wenigstens an dieser Merkwürdigkeit ist Ödön von Horváth unschuldig. Er ist aber auch darüber hinaus ein entschieden doppelgesichtiger Autor, dessen Person und Werk von Widersprüchen häufig wie zerrissen scheint.

PremierenfieberGlaubeLiebeHoffnung
TeaserAllgemein

Wie wird man eigentlich Intendant?

Passend zum Spielzeitmotto So Alt wie Jung und der Frage nach dem Aufeinandertreffen von Generationen stellt sich Intendant Hermann Schneider den Fragen von Alina (10), Anna (11) und Marvin (9). Im Gespräch erzählt er von seinen überraschenden Karriereschritten, vom Kindheitstraum „Papst“ und davon, warum er heute lieber Operninszenierungen plant als privat ins Theater zu gehen. Er gibt Einblicke in die Arbeit hinter den Kulissen, erklärt, warum jede Aufführung ein Unikat ist, und zeigt, was Theater für ihn und sein Publikum so unvergleichlich macht.

Foyer5Interview
Wonderful Town
TeaserMusical

Wonderful Town

Die Grundlage für den Musical-Klassiker Wonderful Town ist eine Serie von Kurzgeschichten im Magazin New Yorker über Abenteuer, die die junge Ruth McKenney und ihre Schwester Eileen erlebten, nachdem sie 1934 von Ohio ins New Yorker Greenwich Village gezogen waren. In ihren Geschichten war Ruth die „smarte, ernsthafte“ der Schwestern, Eileen die „hübsche, naive“. 1938 fasste Ruth die Stories unter dem Titel My Sister Eileen zusammen.
1940 adaptierten Joseph Fields und Jerome Chodorov die Geschichten für ein Broadway-Schauspiel und wenig später als Film. Ihr Plan, den Stoff auch noch als Musical herauszubringen, erwies sich allerdings als äußerst schwieriges Unterfangen. Produzenten, Stars und Songwriter kamen und gingen – oder wurden gegangen.

PremierenfieberWonderfulTown
Der zebrochene Krug / Des Esels Schatten
OperTeaser

Vom „Zerbrochenen Krug“ zu RTL

Es gab mal eine Zeit, da gab es kaum ein Entkommen vor ihnen – vor allem Sender wie RTL oder Sat.1 schworen auf sie im nachmittäglichen Programm: Die Rede ist von Gerichtsshows. Ob Richterin Barbara Salesch, Richter Alexander Holt, Das Jugendgericht oder Das Familiengericht – derartige Sendungen dominierten um die Jahrtausendwende das Sehverhalten zahlloser Fernsehzuschauer zur Kaffeezeit.

PremierenfieberDerZebrocheneKrug/DesEselsSchatten
Die Bettleroper Ensemble
SchauspielTeaserSchauspielhaus

„Die Ausstiegsmöglichkeit liegt bei null Komma null.“

Die Regisseurin Susanne Lietzow inszeniert am Landestheater Linz Die Bettleroper nach John Gay und Johann Christoph Pepusch. Das Singspiel aus dem Jahr 1728 schildert den Kampf zweier Könige der Londoner Unterwelt, des Hehlers Peachum mit dem Räuber Macheath. Die Rivalität eskaliert, als Macheath die Tochter Peachums, Polly, heiratet. Susanne Lietzow hat das Stück, zusammen mit dem Musiker und Komponisten Gilbert Handler, neu geschrieben. Wir treffen sie kurz vor Probenbeginn im Landestheater.

PremierenfieberDieBettleroper
Niklas Wagner Autor Die Mitte der Welt
TeaserMusical

Auf Spurensuche in einem Roman

Andreas Steinhöfels 1998 erschienener Roman Die Mitte der Welt lässt sich nur schwer in eine Schublade stecken. Drückt man das Buch zehn Personen in die Hand, erhält man zehn völlig unterschiedliche Adaptionen. Worauf legt man bei der Übertragung in ein anderes Medium den Schwerpunkt? Will man eine bodenständige, alltagsnahe Coming-of-Age-Geschichte erzählen? Konzentriert man sich eher auf den Familienkonflikt oder auf die Lovestory zwischen zwei Jungs? Wie geht man mit den märchenhaften, magisch-realistischen Elementen der Vorlage um?

DieMitteDerWeltPremierenfieber