Und auch heute ist die Hochzeit der Gerichtsshows noch lange nicht vorbei, was man an aktuellen Titeln wie Barbara Salesch – Das Strafgericht und Ulrich Wetzel – Das Strafgericht auf RTL oder natürlich auch Am Schauplatz Gericht auf ORF ablesen kann.
All das verwundert nicht, denn die Konstellationen in derartigen Sendungen sind für das Fernsehpublikum je nach dem dort verhandelten Fall mal aufregend, mal die Nerven kitzelnd oder auch mal zum Lachen. Man kann sich bequem auf seinem Sofa zurücklehnen und Nachbarn zuschauen, wie sie sich erbittert um Gartenzwerge streiten; oder Zeugin/Zeuge werden, wie mysteriöse DNA-Tests alles verändern oder ein:e unerwartete:r Zeugin/Zeuge für neue Verwicklungen sorgt. Mit anderen Worten: Gerichtsshows sind Mini-Dramen im 45-Minuten-Format, in denen Alltag auf Theater trifft. Wie aufwühlend oder amüsant die hier verhandelten Geschichten auch immer sind: Am Ende triumphieren Recht und Gesetz und bringen alles wieder ins Lot, sodass bei den Zuschauer:innen ein Gefühl der Genugtuung zurückbleibt. Und so ziehen Gerichtsshows ihr Publikum durch diese ganz eigene Mischung aus ein bisschen Soap, ein bisschen Tatort, ein wenig Realität und eine Portion Sozialkundeunterricht in ihren Bann.
Gericht und Literatur
Um die Wirkung, die von einer derartigen Melange aus Unterhaltung, Spannung und gesellschaftlicher Fallstudie ausgeht, wussten schon lange vor den Fernsehsendern zahlreiche Dichter:innen, die in ihren Werken ausgedehnte Gerichtspanoramen entfalteten. So bediente sich bereits mit den Eumeniden des Aischylos das Antike Theater 458 v. Chr. dieses Topos einer Verhandlung um Recht und Gesetz, dem über die Jahrhunderte zahlreiche Romane und Theaterstücke folgen sollten. Man denke nur an William Shakespeares Der Kaufmann von Venedig, Fjodor Dostojewskis Die Brüder Karamasow, Franz Kafkas Der Prozess, Peter Weiss’ Die Ermittlung oder die Produktion des Landestheaters Eichmann vor Gericht. Allein schon die Aufzählung dieser wenigen Titel zeigt, dass solche Prozessszenarien neben den aus den TV-Formaten bekannten Momenten von Spannung und Anteilnahme noch tiefer gehen können, wenn sie – je nach dem vor dem Gericht verhandelten Gegenstand – den Blick in gesellschaftliche Machtstrukturen und menschheitsgeschichtliche Abgründe werfen.
Das kann man auch bei der nächsten Produktion des Oberösterreichischen Opernstudios erfahren, wenn hier mit Viktor Ullmanns Der zerbrochene Krug und Richard Strauss’ Des Esels Schatten gleich zwei musiktheatrale Prozessgeschichten erzählt werden, denen allein schon aufgrund der Zeitumstände ihrer Entstehung eine politische Dimension zuwächst. Der Jude Ullmann vollendete seine Oper nach Heinrich von Kleists beliebter Komödie 1942 kurz vor seiner Deportation. Des Esels Schatten (nach einem antiken Sujet) ist hingegen Richard Strauss’ letztes Bühnenwerk, das er 1947 in Angriff nahm, und in dem zwangsweise seine Erfahrungen mit der Zeit der Diktatur mitschwingen.