Irgendwo zwischen Finnland und Norwegen liegt Schweden. Irgendwo zwischen Schwedinnen und Schweden liegt eine Buchhandlung. Und irgendwo in einer Buchhandlung liegt ein Buch von Astrid Lindgren auf. Und noch eins. Und noch eins …
Der Schnee ist weniger geworden, seit Ronja Räubertochter auf ihren Skiern durch den Mattiswald fuhr. Michel von Lönneberga schnitzt keine Holzfiguren mehr, wenn er zur Strafe für seine Streiche in den Schuppen gesperrt wird – er guckt auf sein Smartphone. Und gepunktete Pferde wurden als innerstädtisches Transportmittel weitgehend von E-Scootern abgelöst.
Ein märchenhaftes Schweden
Astrid Lindgrens literarischer Entwurf ihres Heimatlandes fällt etwas aus der Zeit und stimmt uns damit nostalgisch – trug er doch über Jahrzehnte hinweg ein Bild, ja mehr ein Gefühl von einem märchenhaften Schweden in die Welt hinaus, in dem Selbstbestimmtheit bereits im Kindesalter beginnt, kleine Wunder jeden Tag möglich sind und auch Strafe, existenzielle Armut oder Leid etwas weniger schlimm scheinen als im Rest der Welt.
Dass Lindgren-Charaktere und ihre Lebenswirklichkeiten in Kinderbuchmanier charmant überzeichnet sind, und so weder im Schwarzweißbilderbuch-Schweden noch jenem Stockholm, das sich durch hohe Startup-Dichte den Titel „Silicon Valley des Nordens“ erkämpft hat, vorkommen, war uns unterbewusst immer klar. Gewünscht hätten wir es uns aber schon.
Kindheit und Kriegserfahrungen
Aber hat es dieses Schweden, ihr Schweden, das Märchenschweden für Lindgren je gegeben? Mit Blick auf jene Zeitspanne, die ihr Schaffen hauptsächlich beeinflusst haben dürfte (zweiter Weltkrieg, Nachkriegszeit) ist der Realitätscheck eindeutig uneindeutig. In den Kriegsjahren waren Lindgren und ihre Familie zwar stetiger Ungewissheit, jedoch kaum existenzieller Not unterworfen. Als neutrales Land blieb Schweden vor Angriffen auf Infrastruktur und Industrie verschont – konnte nach Kriegsende also schneller wieder zu Wohlstand gelangen als andere Länder in Europa. Auch ihre Kindheit beschrieb Lindgren stets als schlicht, aber glücklich.
Der Kontrapunkt in ihrer Biografie liegt im jungen Erwachsenenalter: Die starren gesellschaftlichen Normen und Regeln der 20er Jahre zwangen die 18-Jährige, ihr uneheliches Kind in das liberalere Dänemark zur Pflege zu geben. Eine ausgeprägte Wahrnehmung für soziale Ungerechtigkeit hielt seither Einzug in ihr Denken und Schaffen. Es liegt nahe, dass wir dieser Wahrnehmung ihre mit wenigen, doch unglaublich markanten Strichen gemalten Spießbürgerzeichnungen verdanken.
Die Einzelteile, aus denen sich Lindgrens Bilder zusammensetzen, verkauf(t)en sich millionenfach in alle Himmelsrichtungen. Seit etwa siebzig Jahren schenken sie uns und unseren Kindern schmunzelnde Mundwinkel, warme Herzen und glitzernde Augen.
Die „anderen“ Stoffe
Im vorweihnachtlichen Getümmel des schwedischen Buchladens schlagen wir uns zum Lindgren-Tisch durch und nehmen die abgegriffenen Exemplare und ihre Klappentexte in Augenschein. Neben Geschichten über ländliche Idylle, starke Mädchen, freche, aber liebenswürdige Rotzbengel und unbeholfene Polizisten finden wir zwei Werke, denen wir, wüssten wir es nicht besser, intuitiv eine andere Autor:innenschaft zuschreiben würden.
Dabei sind Die Brüder Löwenherz und Mio, mein Mio (zweiteres zu sehen in den Kammerspielen ab 16. November 2025) in der Grundanlage fast baugleich. Eine fantastische Heldenreise, die den Protagonisten (Krümel / Mio) von einer ungünstigen Ausgangssituation (Krankheit / Einsamkeit) durch Mut in ein imaginäres Traumland (Nangijala / Land der Ferne) holt. Dort hat er eine epische Schlacht zu schlagen – auf der Seite der Guten, versteht sich.
Nicht nur der steile Bogen von Lindgrens „Stamm-Genre“, der ländlichen Freundschafts- oder Familiengeschichte in das Gebiet der fantastischen Abenteuerromane verwundert. Auch tauchen plötzlich ein sehr klares Gut/Böse-Denken und existenzielle Leitmotive wie Armut, Krankheit oder Einsamkeit auf, während in weiten Teilen des restlichen Kanons Versöhnung, Kompromiss und Empathie zur Deeskalation mahnen und die Erzählstränge von Leichtigkeit getragen werden.











