Ihre Stimme
Wichtig war ihr, mit diesem Stück eigene Erfahrungen zu verarbeiten – und zugleich zu entdecken, wie sich solche Stoffe für die Bühne aufbereiten lassen. Mit Verräter hat sie ihre Stimme gefunden. „Seither kann ich queere Figuren schreiben“, erzählt die mittlerweile wieder in Wien lebende Dramatikerin. Dabei geht es ihr weniger um offene Rechnungen oder Anklagen als um das Erinnern und die ernsthafte Auseinandersetzung mit allen Figuren – selbst mit jenen, die nicht ihre Sympathie genießen. So zeigt Verräter sowohl die Mutter als auch den Priester (im Stück: „Vater“) als Menschen, die sich sorgen und es gut mit Josefine meinen. Sie handeln nicht aus Verachtung, sondern aus Fürsorge. Eine wichtige Erkenntnis, denn Aufarbeitung geht oft mit Schuldzuweisungen einher. In ihrem Stück wird hingegen sichtbar, dass sich die subtilste Form von Gewalt in Zuwendung verbergen kann – und mit schlechtem Gewissen operiert. Jo möchte weder die Mutter noch den „Vater“ enttäuschen; sie schämt sich ihrer Gefühle und gibt sich selbst die Schuld, den Erwartungen nicht zu entsprechen. Das schlechte Gewissen: ein Machtinstrument, das von innen wirkt.
Im Hier und Jetzt
Bemerkenswert an Verräter ist auch, dass es in der Gegenwart angesiedelt ist. Manches mag vergangen wirken, wie aus einer Zeit, die es nicht mehr gibt. Doch dieser Eindruck täuscht. Auch heute werden Menschen für ihre sexuelle Orientierung geächtet, betont die Autorin. Sie fragt: Ist es nicht immer noch so? Werden nicht weiterhin Menschen von der Anerkennung ihrer Identität ausgeschlossen? Solange sich diese Fragen nicht guten Gewissens verneinen lassen, will sie im Hier und Jetzt dazu ermutigen, sie immer wieder zu stellen und einen Erinnerungsprozess in Gang zu setzen. Denn nur im Erinnern erkennen wir uns selbst. Nur aus der Vergangenheit lassen sich jene Lehren ziehen, die wir heute brauchen, um dieselben Fehler nicht leichtfertig zu wiederholen. Gerade das Theater kann ein solcher Ort sein: ein Raum, der uns hilft, nachzudenken – über die Vergangenheit und für die Zukunft – und uns in Rücksichtnahme und Empathie zu üben.