Heute ist das Morgen von gestern

Wie eine Wahrsagerin 1595 einen Blick in unsere Zukunft wirft.

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London, 1595. Die Theatertruppe um das Brüderpaar Nick und Nigel Bottom ist fast bankrott, denn ganz London will nur einen sehen: den Renaissance-Superstar William Shakespeare. In seiner Verzweiflung wendet sich Nick an eine Wahrsagerin, um herauszubekommen, was in der Zukunft die Leute vor den Theaterkassen Schlange stehen lassen wird. Nancy Nostradamus ist von ihrer Prophezeiung selbst überrascht: Theaterstücke, in denen Dialog nahtlos in Gesang übergeht, zu dem auch noch frenetisch getanzt wird. In einem Wort: Musicals!

Ihr Name ist Nostradamus. Nancy Nostradamus. Sie lebt im London des Jahres 1595 und bietet ihre Dienste als Wahrsagerin an. Zugegeben, ganz zuverlässig sind ihre Prophezeiungen nicht immer …

Hey, Fremder! Ihr wollt wissen, was die Zukunft bringt? Tretet ein, kommt in mein Zelt! Ich schaue für Euch in die Kristallkugel, lese in den Eingeweiden meines Huhns, lege die Karten und erkläre Euch Wort für Wort die Syntax meines Kaffeesatzes.

Mein Name? Nostradamus! Recht vernommen habt Ihr. Gewiss, ich bin eine Frau, das habt Ihr korrekt erkannt. Und? Ich bin die Nichte. Nancy Nostradamus. Mein Oheim, der große Michel de Nostredame, hat mir zwar nicht einen Shilling vererbt, dafür aber die Gabe, der Zukunft zumindest ein paar Fakten abzuringen.

Na, habe ich Euer Interesse geweckt? Wir schreiben das Jahr 1595 nach der Geburt unseres Herrn Jesu Christi, und sicher wollt Ihr erfahren, welche Ereignisse Euch bis zur Wende zum 17. Jahrhundert erwarten, nicht wahr? Oder steht Euch der Sinn eher nach dem Ergründen der ferneren Zukunft? Meine Orakelkunst reicht zwar nicht wie die meines berühmten Verwandten bis ins Jahr 3797, aber ein erhellender Blick in das erste Viertel des 21. Jahrhunderts sollte schon möglich sein – ich habe heute Nacht wohl geruht, mein Geist ist empfangsbereit.

Ah, der werte Herr trachtet nach einer Prophezeiung über die Zunft der Theatermacher und Schauspieler im 21. Jahrhundert? Bemerkenswertes Spezialinteresse, wenn Ihr mir das zu sagen erlaubt. Setzt Euch, mein Freund. Ich brauche ein wenig Ruhe und Konzentration, um in die Sphären der zukünftigen Ereignisse einzutauchen. Habt Geduld, ich nehme Verbindung auf … ins Jahr 2024!

EIN PROPHETISCHER BLICK AUS DEM JAHR 1595 IN EIN THEATER DES JAHRES 2024

Uh, ah, oh! Welch gleißend’ Licht mir die Netzhaut sengt! Und welch lärmend’ Getös’ mein Trommelfell peinigt! Ich sehe – whoa! – was ich niemals sah zuvor. Da ist ein heftig mit den Armen fuchtelnder Mann in einem großen, dunklen Loch an einer kleinen Orgel, deren Gebraus’ trotz ihrer Winzigkeit den heftigsten Orkan übertönen würde. Mit ihm im Loch ein Dutzend Musikanten mit schillernden Lauten, goldglänzenden Schalmeien und vielfach gewundenen Hörnern, die sich mit vereinten Kräften anschicken, den fuchtelnden Organisten zu übertönen. Die Bühne über ihnen wird von Myriaden kalt brennender Fackeln erhellt, darauf Schauspieler, neben Männern auch Weibsvolk, und sie brüllen gegen den von der Kapelle erzeugten Radau an. Und was für Stimmen sie haben! Stimmen so laut wie die Jehovas, als er Moses die zehn Gebote verkündete, Stimmen so laut wie der Donner nach einem todbringenden Gewitterblitz oder dem Ausbruch eines Vulkans!

Doch halt, was geschieht jetzt? Zu den brüllenden Akteuren gesellt sich ein gutes Dutzend leicht bekleideter Tänzerinnen, die von ihren muskulösen Partnern in die Luft geschleudert werden. Ob Mädel, ob Bursch’, ihre Schuhe sind mit Eisenplatten beschlagen, mit denen sie rhythmisch auf den Boden stampfen. Sie alle grinsen wie irrgewordene Possenreißer über das große Loch mit der Kapelle darin zu einem guten Tausend Bürgersvolk hinunter, das durch Klatschen und Johlen das ohrenbetäubende akustische Chaos komplettiert und samt und sonders taub sein muss, liefe es doch sonst in alle Himmelsrichtungen davon.

Verzeiht, Herr, aber die Vision ist zu überwältigend. Ich muss mich ihr entziehen, indem ich dem tobenden Saal entfliehe, durch eine schwere Schwingtür hinaus. Ich werfe sie hinter mir zu, und das Gebrüll, das Getöse und Eisenschuhgeklapper erstirbt. Mir klingelt es noch in den Ohren, und die Augen flirren mir ob der blendenden, farbigen Lichter. Das ist die Zukunft des Theaters?

Was ist das an der Wand dort? Eine Art Kristallkugel, aber nicht rund, sondern flach und rechteckig, darin erscheinen wechselnde Bilder und lateinische Lettern – ist es Magie? Und was steht da? „SOMETHING ROTTEN! – Hamlet oder Omelett, das ist die Frage.“ Ein Bannspruch? Eine geheime Losung? „Deutschsprachige Erstaufführung 16. November 2024!“, spricht die flache Kugel nun zu mir. Tatsächlich, mein Weissagungssinn scheint bis ins 21. Jahrhundert zu reichen! Aber dieser sechste Sinn hilft mir nicht viel dabei, den Sinn des Rausches zu erfassen, den mir meine ersten fünf Sinne in diesem Theater vermittelt haben.

DAS PARADIES AUF ERDEN?

Doch was für ein Rausch das war! Ja, es war laut und überwältigend, aber mit ein bisschen Abstand erscheint mir das, was ich dort im Saal erlebte, als das pure Entzücken. „Musical“ nennen die Menschen des 21. Jahrhunderts diese Kunstform. Wie glücklich sie sein müssen! Alle Epidemien samt der Pest sind ausgerottet, die kleingeistigen Puritaner, denen jede Farbe des Regenbogens ein Gräuel ist, sind Geschichte, nur die Allerbesten und -fähigsten werden ausgewählt, um die Geschicke der Völker zu leiten, und im Theater laufen nur noch Stücke, die allen gefallen. Was ich dafür gäbe, in diesem Paradies zu leben!


 

London, 1595. Die Theatertruppe um das Brüderpaar Nick und Nigel Bottom ist fast bankrott, denn ganz London will nur einen sehen: den Renaissance-Superstar William Shakespeare. In seiner Verzweiflung wendet sich Nick an eine Wahrsagerin, um herauszubekommen, was in der Zukunft die Leute vor den Theaterkassen Schlange stehen lassen wird. Nancy Nostradamus ist von ihrer Prophezeiung selbst überrascht: Theaterstücke, in denen Dialog nahtlos in Gesang übergeht, zu dem auch noch frenetisch getanzt wird. In einem Wort: Musicals! Der erste Versuch der Bottom-Truppe mit dem Titel „Die Schwarze Pest“ will jedoch nicht recht zünden. Darum fragt Nick Nancy diesmal, was Shakespeares größter Theatererfolg sein wird. Ihre Antwort ist leider nur nah dran: „Omelett!“ Die offenbar schlechte Verbindungsqualität führt letztlich zu einem hanebüchenen Stück rund um Eierspeisen, Hefekränze und andere Frühstückszutaten, das erstaunlicherweise zum Hit wird. Die unerwartete Konkurrenz ruft Will Shakespeare persönlich auf den Plan, der von modernem Urheberrecht wenig hält und gnadenlos Nigels Ideen stiehlt.

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