Eine Frage der Liebe

Jeroen Verbruggen über Kunst, Zweifel und die Energie eines neuen Ensembles

PremierenfieberTanzLinzAmor&Psyche?

Im Gespräch mit Roma Janus, Dramaturgin und Leiterin von TANZ LINZ, erzählt der belgische Choreograf Jeroen Verbruggen von seinem künstlerischen Weg, seinen Eindrücken vom Ensemble TANZ LINZ und darüber, warum sein Stück Amor & Psyche? mehr fragt als es beantwortet.

Jeroen Verbruggen bringt mit Amor & Psyche? erstmals eines seiner Werke nach Österreich. Seine Tanzkarriere führte ihn vom Royal Ballet of Flanders zum Ballet d’Europe in Marseille und schließlich zum Ballet de Monte Carlo, wo er zehn Jahre lang tanzte und sich zum Choreografen weiterentwickelte. Seit 2014 hat er über 40 Choreografien für klassische und zeitgenössische Ensembles geschaffen.

Sie arbeiten erstmals mit TANZ LINZ. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Ich habe bisher noch nie in Österreich choreografiert oder meine Arbeit hier gezeigt, daher freue ich mich besonders auf diese Gelegenheit. TANZ LINZ ist ein starkes und vielseitiges Ensemble mit einer beeindruckenden Bandbreite an Stilen und Persönlichkeiten.

Schon in der Casting-Woche spürte ich, dass diese Tänzer:innen eine ganz eigene Energie mitbringen – sehr anders als die Compagnie in Mannheim, wo Amor & Psyche? im Jahr 2022 uraufgeführt wurde. Jede:r bringt eine andere Farbe, ein anderes Temperament und eine andere Sensibilität mit. Ich genieße es sehr, zu entdecken, wie sich das auf die Textur des Werks auswirkt. Für mich geht es immer eher um Qualität als um Quantität.

Amor und Psyche Konzeptionsprobe
Konzeptionsprobe von „Amor & Psyche?" | Foto: Philip Brunnader

Wird es Änderungen bei Amor & Psyche? mit TANZ LINZ geben?

Ja, absolut. Ich sehe jede Wiederaufnahme als Chance, ein Stück mit neuen Augen zu betrachten. TANZ LINZ hat zwei Tänzer:innen mehr als die ursprüngliche Besetzung, daher möchte ich für sie eine neue Rolle schaffen. Für mich geht es nie darum, ein Werk einfach zu reproduzieren, sondern es mit der Energie der neuen Künstler:innen weiterzuentwickeln. So bleibt Tanz lebendig.

Wie würden Sie Amor & Psyche? beschreiben? Was erwartet das Publikum in Linz?

Das Werk ist keine klassische Nacherzählung des antiken Mythos. Es ist vielmehr eine Reflexion – eine Frage. In Amor & Psyche? (und ja, das Fragezeichen ist beabsichtigt) besucht eine junge Frau eine Art museale Ausstellung über den antiken Mythos und erkennt nach und nach, dass sie selbst Psyche ist. Es ist eine Reise der Selbstfindung, des Lernens, sich selbst zu lieben, gespiegelt in verschiedenen musikalischen Texturen und Kontrasten zwischen Instrumenten und Komponisten. Das Stück endet mit einer offenen, ungelösten Frage, inspiriert von Charles Ives. Er erinnert uns daran, dass nicht alles im Leben beantwortet werden muss. Amor & Psyche? ist ein sehr persönliches Werk. Es ist eine Art emotionale Rückkehr – eine Meditation über Liebe, Verletzlichkeit und Selbstakzeptanz.

Der Mythos von Amor und Psyche

Die Geschichte von Amor und Psyche stammt aus dem spätantiken Roman Metamorphosen des Apuleius. Sie bildet das Zentrum des Romans und erzählt von der sterblichen Psyche, deren Schönheit die Göttin Venus herausfordert. Amor verliebt sich in sie, doch ihre Beziehung unterliegt einem Tabu: Psyche darf ihn nicht sehen. Als sie dieses Verbot bricht, verliert sie ihn und muss Prüfungen bestehen, bevor ihre Liebe anerkannt und Psyche in den Kreis der Unsterblichen aufgenommen wird. Der Mythos beschreibt damit nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern eine Reise zu Selbstwahrnehmung, Vertrauen und innerer Reife.

Obwohl sämtliche Motive des Mythos vorkommen – das Ungeheuer, die drei Schwestern, das Verbot, die Trennung und die Prüfungen – geht es nicht um deren erzählerische Darstellung. Die Bilder sind da, aber verschoben: Nicht die romantische Liebe steht im Zentrum, sondern die Frage der Selbstliebe.

Jeroen Verbruggen
Jeroen Verbruggen | Foto: Philip Brunnader

Ihre Arbeit ist bekannt für die Verbindung von Bewegung, Musik und Theatralität. Wie setzen Sie das hier um?

Ich konzipiere meine Stücke oft wie ein Musikalbum – mit unterschiedlichen Stilen und Komponist:innen. Verschiedene musikalische Texturen und Instrumente spiegeln die emotionalen Kontraste des Stücks wider. Hier ist das die Musik von Lukas Foss, Ralph Vaughan Williams, Jimmy López, Charles Ives, Thomas Adès, Gabriel Fauré, J. P. von Westhoff und Alkistis Protopsalti, gespielt vom Bruckner Orchester Linz unter der Musikalischen Leitung von Ingmar Beck.

Ich lasse die Tänzer:innen vom Anfang bis zum Ende auf der Bühne, um ihnen eine durchgehende Reise zu ermöglichen. Das Werk ist sehr körperlich, aber auch theatralisch. Es geht darum, Gefühle zu erleben, nicht alles zu verstehen. Tanz ist wie Musik – man muss ihn fühlen.

Musikalisch ist das Stück eine Suche: Wir wandern nicht durch Genres, sondern durch Klangfarben. Am Ende stehen die Trompeten von Charles Ives, die wie Fragen in den Raum gestellt werden – und die Flöten, die darauf antworten. Genau deshalb trägt das Werk ein Fragezeichen im Titel: Es fragt – Was ist Liebe? – und überlässt die Antwort der Wahrnehmung des Publikums.

Und wie sieht die visuelle Welt von Amor & Psyche? aus?

Das Kostümdesign stammt von Emmanuel Maria. Er brachte eine einfache, aber magische Idee mit, die wir auch in die Bühne integriert haben. Ich liebe diese Form von Zusammenarbeit, wenn verschiedene künstlerische Handschriften ineinandergreifen. So entsteht etwas Größeres als die Summe seiner Teile.

Was wünschen Sie sich vom Linzer Publikum?

Ich hoffe, dass die Zuseher:innen bereit sind, sich auf das Stück einzulassen, ohne alles verstehen zu wollen. Amor & Psyche? ist eine Einladung zum Fühlen, Hinterfragen, Reflektieren. Liebe und Selbstfindung sind wunderschöne Geheimnisse – man sollte sie nicht zu sehr erklären wollen.

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