Wider das Denken in Schubladen!

Wie die Fantasy-Oper Gormenghast Grenzen überwindet

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Keine:r mag sie. Jede:r gibt vor, sie zu ignorieren. Und doch hat sie sich hartnäckig in den Köpfen der Menschen (zumindest bei den Menschen des deutschsprachigen Raums) festgesetzt: Die Rede ist von der Trennung zwischen der so genannten „U-Musik“ und der „E-Musik“, zwischen „Unterhaltungsmusik“ und „Ernster Musik“. Diese Grenzziehung ist bei Lichte betrachtet genau so absurd, wie wenn es bei Lebensmitteln Kategorien wie „seriöse Erdäpfel“ und „alberne Erdbeeren“ geben würde.

Die ganze Sache wird nicht weniger grotesk, wenn man nachforscht, woher diese musikalischen Schubladen stammen. Ursprünglich handelt es sich nämlich um ein rein bürokratisches Konstrukt: In der Welt der so genannten Verwertungsgesellschaften vom Schlage der AKM oder der GEMA und deren Vorgängerinstitutionen musste irgendjemand entscheiden, welche Musik in welchem Maße zu vergüten ist – und schon war sie da, die große Scheidelinie zwischen Beethoven und Beatles, zwischen Mahler und Metallica.

Gormenghast
Foto: Petra Moser

Was als erbsenzählerische Formalität begann, wurde zu einer Art Ideologie, die sich ebenso in den einzelnen Spartenzuschreibungen von Rundfunk- oder Fernsehsendern fortschrieb wie letztendlich auch in der Programmierung der meisten Veranstaltungsorte von Musik- und Theateraufführungen. Das Linzer Musiktheater darf sich da keinesfalls ausnehmen, wenn man bedenkt, dass hier bislang genauso wenig eine Heavy-Metal-Band aufgetreten ist, wie beim legendären Festival in Wacken niemand auf die Idee gekommen ist, etwa die Vier letzten Lieder von Richard Strauss auf das Programm zu setzen. Warum aber eigentlich nicht? Denn es gibt genug Beispiele, die zeigen, wie sich die Kunstschaffenden selbst danach sehnten, diese letztendlich willkürlichen Grenzen zu überwinden. So gab und gibt es etwa immer wieder Künstler:innen, die man vorrangig aus dem Rock- und Popbereich kennt, die starre Kategorisierungen mit der größten Lust ignorieren.

Die Geburt der Rockoper

Eine Vorreiterrolle spielte hier die Band The Who, die ihre Alben Tommy (1969) und Quadrophenia (1973) nicht als eine Kombination einzelner, voneinander unabhängiger Songs konzipierte, sondern vom ersten bis zum letzten Track eine durchgehende Geschichte erzählte und damit ein Genre etablierte, das diejenigen, die eben gerne in Schubladen denken, gerne mit dem Titel „Rockoper“ bedachten. Zu der Zeit, in der The Who die beiden genannten Alben veröffentlichte, mischten auch in Deutschland zwei Grenzgänger die Musikszene auf: Irmin Schmidt und Holger Czukay waren beide Studenten des Komponisten Karlheinz Stockhausen, einem der wildesten Köpfe der so genannten „Neuen Musik“ (wieder so eine Schublade!). Doch statt auf elitären Festivals für zeitgenössische Kompositionen ihr Dasein zu fristen, gründeten sie die Band Can, die sich keiner bestimmten Stilrichtung zuordnen lassen wollte und damit die nach Freiheit riechende Aufbruchstimmung jener Jahre zu ihrem Programm erhob.

Gormenghast
Foto: Petra Moser

Oper jenseits der Konvention

Doch Schmidt, der seine Karriere immerhin als klassischer Dirigent begonnen hatte, zeigte Ende der 1990er-Jahre abermals, dass stilistische Beschränkungen dazu da sind, ignoriert zu werden, als er mit Gormenghast eine veritable Oper schuf. Als Vorlage diente ihm hier Mervyn Peakes sowohl von Literaturkritiker:innen als auch von Fantasy-Fans geschätzte gleichnamige Romantrilogie (erschienen 1946 bis 1959). Wie bei Irmin Schmidt nicht anders zu erwarten, präsentiert sich Gormenghast aber nicht als typische Oper, sondern als eine Mischung unterschiedlicher Stile, von Rock über Musical, klassischer Musik bis zu psychedelischen Gothic-Anmutungen. Aber auch hier gilt: Jede Klassifizierung bedeutet eine Einschränkung im Denken. Also überzeugen Sie sich selbst, was Gormenghast eigentlich ist, wenn dieses bemerkenswerte Werk der Musiktheaterliteratur ab dem 31. Oktober im Schauspielhaus auf dem Spielplan steht.

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