Schnitzlers Gespür für das Unrecht

Arthur Schnitzlers Liebelei bei den Salzkammergut Festwochen Gmunden.

PremierenfieberLiebelei

Liebelei war 1895, im Jahre seiner Uraufführung im Burgtheater, eine Sensation. Schnitzlers Geliebte, Adele Sandrock, spielte die weibliche Hauptrolle, und das Stück war geradezu ein Akt des Exhibitionismus, so schonungslos gewährte Schnitzler, damals noch kein Star der Literaturwelt, Einblick in seine persönlichsten Verhältnisse.

Die Figur des Fritz ist ein besonders einprägsames Beispiel in einer ganzen Reihe von Selbstportraits, in denen sich der Autor im Lauf seines Schaffens immer wieder neu bespiegelt. Zwar findet Fritz im Stück einen frühen Tod im Pistolenduell, das ist aber auch schon der größte Unterschied zu seinem jungen Schöpfer. In Analogie zu Goethe und dessen unglücklichem Werther könnte man behaupten, Schnitzler lasse die Figur des Fritz an seiner Stelle sterben, um selbst zu überleben. Der überwältigende Erfolg des Dramas zeigt jedoch, dass es nicht nur das Abbild eines Individuums, sondern einer ganzen Generation junger Leute zeichnete: eine wohlhabende Wiener Jugend, der ein ganzes Reich zu Füßen liegt, und die sich dennoch weigert, das Erbe ihrer Väter treu zu schultern und zu mehren. Die stattdessen in den Tag hineinlebt und versucht, einen rätselhaften Schmerz, der bis zur Todessehnsucht geht, zu betäuben.

Dabei ist die Oberfläche glänzend, elegant die jungen Damen, geistreich und gewandt die jungen Herren. Die allgemeine Eleganz steht im Kontrast zu der Verzweiflung unter dieser Oberfläche, auch zur bitteren Kritik, die Schnitzler hier tatsächlich formuliert und die in späteren Jahrzehnten – nach Verlust des Weltreichs und in Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ – leicht übersehen werden konnte: Liebelei erzählt von den bequemen Arrangements, die wohlhabende junge Männer mit Frauen aus wirtschaftlich bedürftigen Verhältnissen eingehen, in denen sich die Männer zu gar nichts verpflichten, die Frauen aber – gepackt von ihrer Sehnsucht nach dem guten Leben und der Liebe – übervorteilt, hintergangen und zuletzt links liegen gelassen werden. Das alles vor dem Hintergrund einer Welt patriarchalen Größenwahns und intellektueller Misogynie. Man denke nur an Schriftsteller wie Otto Weininger und August Strindberg. Schnitzler selbst ist Teil dieser Männlichkeitskultur und scheint – von heute aus gesehen – ein schwarzer Schwan darin zu sein: Vermerkt er doch genau das Unrecht, bis zu kleinsten Verletzungen, das Frauen von seinesgleichen angetan wird, beobachtet er wie wenige andere den Narzissmus und die Ratlosigkeit der Männer seiner Zeit.  Es lohnt, die Liebelei wieder einmal neu zu lesen und sie – in der Regie von Anna Stiepani – im Theater neu zu sehen.

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