KUNST IST SCHÖN, MACHT ABER VIEL ARBEIT

KUNST IST SCHÖN, MACHT ABER VIEL ARBEIT

Betriebsdirektorin Helene von Orlowsky

  • 22. März 2021
  • |
  • Text: Anna Maria Jurisch

Bühnenstars stehen an einem Theaterhaus naturgemäß im Rampenlicht. Ein Betrieb wie das Landestheater Linz wird allerdings nicht alleine von der Performance auf der Bühne, sondern auch durch viele wichtige Rädchen hinter den Kulissen am Laufen gehalten. Diese „backstage“ Persönlichkeiten wollen wir Ihnen vorstellen. Diesmal treffen wir Helene von Orlowsky, die Betriebsdirektorin. Vorhang auf!

Natürlich erscheint in dieser Kategorie im Normalfall nur ein Text pro Foyer 5-Ausgabe, aber im Moment gibt es den Normalfall nicht, unsere Theaterwelt steht auch Kopf. Deswegen habe ich zwei Gespräche mit Helene von Orlowsky geführt, eines im Herbst, zu einem Zeitpunkt, an dem wir in ruhigem Fahrwasser waren, zumindest ein Hauch Normalität durch das Haus wehte. Und eines jetzt im Frühjahr, in dem wir nicht spielen, auch nicht ganz sicher sind, wann es wieder so weit ist und gerade Helenes Arbeit sich grundlegend geändert hat. Daher gibt es zwei „Hinter dem Vorhang“-Geschichten, die erste Version aus einer ruhigeren Zeit hier auf dem Blog, die zweite Version, die in größerer Ratlosigkeit entstanden ist, in der aktuellen Ausgabe unseres Theatermagazins.

Für gewöhnlich bekommt man, wenn man sich mit Kolleg*innen zu einem Interview für diese Rubrik trifft, vor allem eine sehr persönliche Erzählung von Leben – von Erinnerungen, Wendepunkten, Erlebnissen. Natürlich erzählt Betriebsdirektorin Helene von Orlowsky von diesen Dingen, aber unser Gespräch ist eben auch eine unterhaltsame und beinahe philosophische Betrachtung (nicht nur) über Theater und über die Unwägbarkeiten von Entscheidungen und Zufälligkeiten. Das bietet sich aber einfach an bei einer Karriere, die von einem idyllischen südschwedischen Städtchen, über Stationen am Mozarteum in Salzburg als blutjunge Studentin, das Stadttheater Bremerhaven als Sängerin (Stimmfach: Soubrette) und später, nach einem weiteren Diplomstudiengang als Kulturmanagerin,  an die Theater in Pforzheim und Lübeck in Deutschland (als Betriebsdirektorin), nach Linz und an das hiesige Landestheater geführt hat. Dieser Lebensweg ist nicht immer geradlinig, allerdings, und das zieht sich als roter Faden durch unsere beinahe zwei Stunden Unterhaltung, ist es ein Weg, der sich im Rückblick mit großer Sinnhaftigkeit beschreiben lässt. „Ist das der Weg, den ich mir ausgesucht habe, oder hat dieses Leben mich gefunden?“, fragt Helene und lächelt so hintergründig, dass man sofort beginnt, an all die Abzweigungen in der eigenen Biografie zu denken, an denen sich die Dinge entschieden haben könnten. 

Sie hat natürlich recht – gerade Theaterlebenswege sind selten geradlinig, man lebt mit einer gewissen Unberechenbarkeit: „Als Sängerin habe ich das auch selbst kennengelernt, nicht nur, dass man älter wird, die Stimme sich verändert, man lebt ja immer mit befristeten Verträgen, mit Intendanzwechseln und sich verändernden Konstellationen und muss sich im Grunde ständig neu beweisen.“ Der Wechsel von der Sängerin zur Betriebsdirektorin lag für Helene nach ihrer Karenz allerdings auf der Hand – sie kennt die künstlerischen Aspekte und Implikationen der Karriere aus eigener Erfahrung, ihrem Wesen hingegen entspricht das Ordnen, das Organisieren, das Planen. „Damit Kunst so leicht wirkt auf der Bühne, braucht es viel Arbeit, nicht nur durch die Künstler*innen, sondern auch schon lange vorher in der Planung der Spielzeit, der Abos, der Proben. Man muss alle Gewerke kennen, verstehen, wie der große Apparat ineinander greift und vor allem muss man ein Teamplayer sein, um all das umzusetzen. Karl Valentin sagte ‚Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit‘ und das trifft den Nagel auf den Kopf, gerade was meine Arbeit angeht.“

Und so geht es an einem späten Herbstnachmittag nicht nur um das Mädchen von sieben Jahren, das zu Hause verkündete, es wolle Opernsängerin werden, und um die Betriebsdirektorin, die in ihrer eigenen Familie – Ehemann Didier ist Regisseur und Professor, Sohn Till Opernsänger – die volle Theaterwelt lebt, sondern um die Gemeinschaft Theater und die Wachsamkeit und das Einfühlungsvermögen,  die es braucht, um all die Persönlichkeiten unter einen Hut zu bekommen, was im Grunde die Kernkompetenz der Betriebsdirektion ist. So sprechen wir über heimliche Berufswünsche, sprechen wir ein wenig über Søren Kierkegaard und ganz wichtig: darüber, was es bedeutet, im Herzen Schwedin zu sein und sich dennoch in Österreich zu Hause zu fühlen (und dabei auch Deutschland sehr zu schätzen). Das gehört schließlich auch zu den Dingen, die niemand vorhersagen kann – wo „landet“ man mit einem Theaterjob? 

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