Das klingt interessant. Kannst du das noch mehr erklären?
Bei Brecht bleibt zwischen den Figuren und ihren Aussagen eine Distanz.
Die Verhältnisse sollen als veränderbar gezeigt werden.
Und in der Bettleroper stehen die Charaktere mittendrin in diesen Verhältnissen, sie leben diese Korruption und Amoralität, den Wahnsinn, die Verzweiflung. Die Charaktere sind keine Schablonen, es bleibt keine Distanz. Und das interessiert mich um einiges mehr.
Brecht wollte seinem Publikum zeigen, dass die Welt auch anders sein könnte. Siehst du das hier nicht so? Siehst du die Figuren der „Bettleroper“ in einer Art Schicksalhaftigkeit, aus der sie nicht herauskommen?
Die Ausstiegsmöglichkeiten aus dieser Gesellschaft, die im Stück geschildert wird, sehe ich für ihre Mitglieder bei null Komma null.
Das heißt, die Gesellschaftskritik setzt an einem anderen Punkt an?
Im Sumpf.
Was lernen wir von Wahnsinnigen und Verlorenen? Außer, wie man es nicht machen soll?
Ich weiß nicht, ob wir aus den Strategien der Figuren in diesem Stück etwas lernen können. Wir können darüber lachen und weinen …
Du schreibst das Stück von John Gay und Christoph Pepusch neu, wie stark lehnst du dich an die Vorlage an? Oder schreibst du eigentlich ein ganz neues Stück?
Die Grundkonstellationen übernehme ich, die sind auch großartig. Natürlich habe ich aber auch stark eingegriffen. Die Musik wird ganz neu komponiert und auch die Liedtexte sind andere als bei Gay und Pepusch. Sagen wir, ich hab das Ganze angeschärft. Und insbesondere den Frauen der Handlung mehr Raum gegeben – in ihrem Willen zu überleben oder auch in ihrem Willen, das nicht zu tun.
Ist das ein ähnlicher Prozess wie bei der Inszenierung eines Klassikers, den man schon oft gesehen hat und den du, wenn du ihn inszenierst, neu erfinden musst?
Es geht ein bisschen weiter. Es geht hier auch um die Erfindung einer Form, gerade in der Sprache. Das beschäftigt mich schon lange. Eigentlich schon immer: Wie bezeichnet Sprache gesellschaftliche Schichten? Wie wird sie reduziert auf Codes? Das ist wie bei dem Unterschied zwischen Oxford Englisch und Cockney. Das sind verschiedene gesellschaftliche Schubladen, da kann man nicht von einer in die andere springen. Dazu sind die Menschen, durch ihren stark ausgeprägten Soziolekt, nicht befähigt. Die Erfindung solcher Sprachformen, das Aufspüren davon, macht mir großen Spaß.
Hast du eigentlich immer schon geschrieben oder schreibst du nur, wenn du den Text selbst inszenieren willst?
Ich schreibe schon immer, es gibt auch schon Bearbeitungen von mir, aber es war immer im Zusammenhang mit einer eigenen Inszenierung.
Kannst du dir auch vorstellen, Stücke für andere Regisseur:innen zu schreiben?
Ja. Durchaus. Wenn ich noch älter werde. (lacht)
Du schreibst an der „Bettleroper“ zusammen mit dem Musiker und Komponisten Gilbert Handler, mit dem du schon lang zusammenarbeitest. Schreibst du die Songtexte und dann vertont er sie, oder wie darf ich mir das vorstellen?
Wir denken zuerst inhaltlich über eine Szene nach, machen uns Vorschläge, dann singt Gilbert Stücke an, manchmal hat er auch schon eine Komposition vorbereitet und wir legen die Texte drauf. Das Verfahren ist unterschiedlich. Das ist eine sehr schöne Zusammenarbeit.
Du kennst auch das Linzer Schauspielensemble gut. Ist das ein Vorteil?
Das ist etwas sehr Schönes. Man hat beim Schreiben schon Bilder von den Schauspieler:innen im Kopf, kennt ihre Fähigkeiten, manchmal will man etwas Neues ausprobieren mit jemandem. Wenn ich Schauspieler:innen noch nicht kenne, habe ich nur die Vorstellung von der Figur im Stück, wenn ich jemanden schon kenne, sind die Bilder anders. Die Figuren bewegen sich im Kopf, sie haben eine andere Körperlichkeit.