„Die Ausstiegsmöglichkeit liegt bei null Komma null.“

Andreas Erdmann im Gespräch mit Susanne Lietzow, Regisseurin von Die Bettleroper

PremierenfieberDieBettleroper

Die Regisseurin Susanne Lietzow inszeniert am Landestheater Linz Die Bettleroper nach John Gay und Johann Christoph Pepusch. Das Singspiel aus dem Jahr 1728 schildert den Kampf zweier Könige der Londoner Unterwelt, des Hehlers Peachum mit dem Räuber Macheath. Die Rivalität eskaliert, als Macheath die Tochter Peachums, Polly, heiratet. Susanne Lietzow hat das Stück, zusammen mit dem Musiker und Komponisten Gilbert Handler, neu geschrieben. Wir treffen sie kurz vor Probenbeginn im Landestheater.

Wovon handelt „Die Bettleroper“ und warum interessiert sie dich?

In der Bettleroper von John Gay und nach John Gay schauen wir in eine Unterwelt, in der jegliche Norm und Moral ausgehebelt wird. Wir schauen einem prekären Überleben zu, die durchschnittliche Lebenserwartung der Figuren liegt bei 35 Jahren. Begriffe wie Wahrheit oder Moral finden in einer völlig verqueren Variante statt. Die Kommunikation ist zu 70 Prozent gelogen. Wir schauen einem kriminellen System zu, dessen Bewohner auf teilweise absurde, teilweise tragikomische Weise versuchen, mit ihrem kleinen Leben durchzukommen – in diesem System, zu welchem sie verurteilt sind. Es ist eine Unterwelt.

Inwiefern passt das nach Linz, inwiefern passt es in die heutige Zeit?

Prekariat gibt es überall.

Du kennst Linz und Oberösterreich sehr gut. Darf ich fragen, seit wann und wodurch?

Ich bin mit süßen 20 ans Theater Phönix gekommen, da habe ich Linz kennengelernt.

Dort warst du Schauspielerin?

Ja genau. Dann ging ich ans Nationaltheater Weimar und dort habe ich auch angefangen selbst zu inszenieren, im Anschluss habe ich auch im Phönix inszeniert.

Und dann hast du dich ganz aufs Inszenieren verlegt, überall in Österreich und Deutschland. Du kennst das Linzer Publikum sehr gut. Und das Linzer Publikum kennt dich. Ist das ein Vorteil für die Arbeit hier?

Wenn ich ein Kunstwerk vorbereite, denke ich im ersten Moment nicht an das Publikum, sondern an das, was ich da machen möchte. Die Linzer:innen sind für mich natürlich ein sehr treues und geliebtes Publikum.

„Die Bettleroper“ könnte auch „Der Vater der Braut“ heißen.

Es gibt mehrere Väter von mehreren Bräuten.

Das stimmt. Und die Hauptfigur, Peachum, lehnt den Bräutigam seiner Tochter aus Eifersucht nicht nur ab, er würde ihn am liebsten am Galgen sehen. 

Nicht aus Eifersucht. Aus Geschäftssinn. Er verliert eins seiner besten Rennpferde. Wir schauen in ein Kriminal hinein. Die einzige Geschäftsmöglichkeit für Frauen ist die Prostitution. Es gibt sehr wenige Ausnahmen von Frauen, die in einer kriminellen Gesellschaft aufsteigen. Insofern ist die Gewaltenteilung zwischen den Geschlechtern massiv.

Es geht also nicht um Eifersucht, Peachum würde seine Tochter durch deren Ehe mit dem Captain Macheath verlieren, sie wird ihm eigentlich gestohlen und würde dann einfach für eine andere Firma arbeiten.

Genau. Und sie weiß auch zu viel über die Machenschaften ihrer Eltern. So sehen sie es. So tief hängen die alle in der Korruption drin. Oder wie Peachum sagt: „Sein Job ist es, Leute zu ermorden, unserer ist es, Mörder zu verpfeifen – da ist doch nichts Persönliches dabei.“ So funktioniert diese Gesellschaft. Peachum sagt zu seiner Tochter, sie kann alles machen, nur nicht sich verlieben oder heiraten. Täte sie eins davon, verlöre sie ihren Status für ihn.

Woran liegt es, dass wir auf der Bühne so oft Kriminelle oder Wahnsinnige sehen? Das sind ja nicht Normalfälle menschlicher Existenz.

Nicht wirklich, würde ich sagen. Ich finde unseren Alltag immer wahnsinniger werdend. Und viele der Personen, die uns regieren, sind im Moment gerichtsanhängig … Aber natürlich ist es interessant, ins für uns „Normalos“ Unmögliche hineinzuschauen. Und die Bettleroper hat etwas Absurdes. Und das ist der große Unterschied zu Brechts Dreigroschenoper, jedenfalls für mich: In der Dreigroschenoper wird eine Amoralität vorgeführt, in der Bettleroper wird diese Amoralität gelebt.

Susanne Lietzow
Susanne Lietzow | Foto: Philip Brunnader

Das klingt interessant. Kannst du das noch mehr erklären?

Bei Brecht bleibt zwischen den Figuren und ihren Aussagen eine Distanz.

Die Verhältnisse sollen als veränderbar gezeigt werden.

Und in der Bettleroper stehen die Charaktere mittendrin in diesen Verhältnissen, sie leben diese Korruption und Amoralität, den Wahnsinn, die Verzweiflung. Die Charaktere sind keine Schablonen, es bleibt keine Distanz. Und das interessiert mich um einiges mehr.

Brecht wollte seinem Publikum zeigen, dass die Welt auch anders sein könnte. Siehst du das hier nicht so? Siehst du die Figuren der „Bettleroper“ in einer Art Schicksalhaftigkeit, aus der sie nicht herauskommen?

Die Ausstiegsmöglichkeiten aus dieser Gesellschaft, die im Stück geschildert wird, sehe ich für ihre Mitglieder bei null Komma null.

Das heißt, die Gesellschaftskritik setzt an einem anderen Punkt an?

Im Sumpf.

Was lernen wir von Wahnsinnigen und Verlorenen? Außer, wie man es nicht machen soll?

Ich weiß nicht, ob wir aus den Strategien der Figuren in diesem Stück etwas lernen können. Wir können darüber lachen und weinen …

Du schreibst das Stück von John Gay und Christoph Pepusch neu, wie stark lehnst du dich an die Vorlage an? Oder schreibst du eigentlich ein ganz neues Stück?

Die Grundkonstellationen übernehme ich, die sind auch großartig. Natürlich habe ich aber auch stark eingegriffen. Die Musik wird ganz neu komponiert und auch die Liedtexte sind andere als bei Gay und Pepusch. Sagen wir, ich hab das Ganze angeschärft. Und insbesondere den Frauen der Handlung mehr Raum gegeben – in ihrem Willen zu überleben oder auch in ihrem Willen, das nicht zu tun.

Ist das ein ähnlicher Prozess wie bei der Inszenierung eines Klassikers, den man schon oft gesehen hat und den du, wenn du ihn inszenierst, neu erfinden musst?

Es geht ein bisschen weiter. Es geht hier auch um die Erfindung einer Form, gerade in der Sprache. Das beschäftigt mich schon lange. Eigentlich schon immer: Wie bezeichnet Sprache gesellschaftliche Schichten? Wie wird sie reduziert auf Codes? Das ist wie bei dem Unterschied zwischen Oxford Englisch und Cockney. Das sind verschiedene gesellschaftliche Schubladen, da kann man nicht von einer in die andere springen. Dazu sind die Menschen, durch ihren stark ausgeprägten Soziolekt, nicht befähigt. Die Erfindung solcher Sprachformen, das Aufspüren davon, macht mir großen Spaß.

Hast du eigentlich immer schon geschrieben oder schreibst du nur, wenn du den Text selbst inszenieren willst?

Ich schreibe schon immer, es gibt auch schon Bearbeitungen von mir, aber es war immer im Zusammenhang mit einer eigenen Inszenierung.

Kannst du dir auch vorstellen, Stücke für andere Regisseur:innen zu schreiben?

Ja. Durchaus. Wenn ich noch älter werde. (lacht)

Du schreibst an der „Bettleroper“ zusammen mit dem Musiker und Komponisten Gilbert Handler, mit dem du schon lang zusammenarbeitest. Schreibst du die Songtexte und dann vertont er sie, oder wie darf ich mir das vorstellen?

Wir denken zuerst inhaltlich über eine Szene nach, machen uns Vorschläge, dann singt Gilbert Stücke an, manchmal hat er auch schon eine Komposition vorbereitet und wir legen die Texte drauf. Das Verfahren ist unterschiedlich. Das ist eine sehr schöne Zusammenarbeit.

Du kennst auch das Linzer Schauspielensemble gut. Ist das ein Vorteil?

Das ist etwas sehr Schönes. Man hat beim Schreiben schon Bilder von den Schauspieler:innen im Kopf, kennt ihre Fähigkeiten, manchmal will man etwas Neues ausprobieren mit jemandem. Wenn ich Schauspieler:innen noch nicht kenne, habe ich nur die Vorstellung von der Figur im Stück, wenn ich jemanden schon kenne, sind die Bilder anders. Die Figuren bewegen sich im Kopf, sie haben eine andere Körperlichkeit.

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