Die zwei Gesichter des Ödön von Horváth

Glaube, Liebe und ihr Gegenteil

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Ödön von Horváth teilt das Schicksal vieler (wenn nicht aller) österreichischen Theaterklassiker: Wie bei Arthur Schnitzler, Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek (um nur die zu nennen) werden seine Stücke, wenn nicht gleich verboten, so doch bei ihrem Herauskommen als Nestbeschmutzungen verschrien. Das werden sie aber nur, um wenige Jahrzehnte später in das Kernrepertoire der österreichischsten aller Bühnen, des Theaters in der Josefstadt aufgenommen zu werden (und damit geradewegs ins immaterielle österreichische Kulturerbe). Man könnte sagen, wenigstens an dieser Merkwürdigkeit ist Ödön von Horváth unschuldig. Er ist aber auch darüber hinaus ein entschieden doppelgesichtiger Autor, dessen Person und Werk von Widersprüchen häufig wie zerrissen scheint.

Um bei seiner Person zu bleiben: Berühmt ist Horváth heute nicht zuletzt für seine scharfsichtige Warnung vor den Nazis und vor dem Faschismus. Tatsächlich geht er 1934 aus freien Stücken von Wien nach Deutschland, wo er dem nationalsozialistischen Reichsverband Deutscher Schriftsteller beitritt. In seinen guten Jahren ist er ein Gesellschaftskritiker und Aufklärer, der Dummheit und Irrationalität anprangert. Zugleich ist er sein Leben lang sehr abergläubisch, nur um schließlich wirklich, der Prophezeiung einer Wahrsagerin folgend, von dem berühmten herabfallenden Ast in den Champs-Élysées erschlagen zu werden.

Das Horváthsche Fräulein

Wie kein anderer schildert Horváth die Sorgen und die ungeschönte Welt der kleinen Leute, seine Zeitgenossen werfen ihm Ironie und Kälte gegen die Objekte seines Interesses vor. Gerade die Genauigkeit in der Beobachtung scheint sich nicht mit Mitgefühl zu vertragen, wird als Spott und Bloßstellung empfunden. Und dann die Obsession für das „Horváthsche Fräulein“: Die sich durch viele Erzählungen seines Werks ziehende Saga von der aufbegehrenden, am Ende unterliegenden jungen Frau aus einfachsten Verhältnissen, die an Prostitution grenzende Beziehungen zu Männern eingeht, immer in der Hoffnung, als die Siegerin aus dem Geschlechterkampf hervorzugehen, um es dann aber doch nur zur schönen Leich’ zu bringen. So Elisabeth in seinem Stück Glaube Liebe Hoffnung. Ist das Feminismus? Ist es Fetischismus? Die Elisabeth ist keine Unbeteiligte, eher eine Mitschuldige, eine Korrumpierte. Mitläuferin eines Systems, zu dessen Verliererinnen sie doch schließlich zählt.

Als man Horváths Leiche findet, auch das keine Neuigkeit, steckt in seiner Manteltasche ein Stapel weiblicher Aktfotografien. Vielleicht ist es, bei aller Bild- und Tonschärfe seiner Theaterszenen, gerade die moralische Unklarheit, seine Mit-Hinein-Bezogenheit in die unklaren Verhältnisse seiner Epoche, die ihn uns zeitlos interessant, die ihn so wirklich macht.

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