Die Kraft der Erinnerung

Lisa Wentz im Porträt

PremierenfieberVerräter

Wer mit Lisa Wentz über Theater spricht, spürt sofort ihre Begeisterung für das „Kraftwerk der Gefühle“ – so nennt es der Schriftsteller Alexander Kluge. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen stets die Figuren: ihr Ausdruck im Hier und Jetzt, ihr Agieren in der konkreten Situation. Ein Agieren, das Emotionalität und Biografie widerspiegelt. Aus diesem Kern entwickelt die Autorin ihre Geschichten.

Diese Geschichten können – für das Drama eher ungewöhnlich – große Zeitspannen umfassen: In Adern, mit dem sie 2021 den Retzhofer Dramapreis gewann, begleitet man ein Paar vom Kennenlernen bis zum Tod; Azur oder die Farbe von Wasser wiederum entfaltet die Geschichte eines homosexuellen Malers über drei Jahrzehnte. Trotz filmischer Inspirationsquellen und mancher „filmischer“ Anmutungen bleibt für Wentz das Gegenwärtige im Dialog der Anker ihrer Arbeit. Hier, wo Theater unmittelbar wirkt – emotional wie intellektuell –, wird es auch politisch.

Lisa Wentz
Lisa Wentz | Foto: Stefanie Freynschlag

Ihr Durchbruch

Ihr Weg führte sie, folgerichtig, zunächst auf die Bühne: Aufgewachsen in Schwaz in Tirol, absolvierte sie von 2014 bis 2017 eine Schauspielausbildung in Wien. 2018 wurde sie in den Studiengang Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin aufgenommen, den sie im Sommer 2022 abschloss. Den Durchbruch markierte Adern: Im März 2022 erlebte das Stück am Akademietheater seine Uraufführung – inszeniert von David Bösch, dem Linzer Schauspieldirektor. Auch ihr zweites Stück brachte Bösch auf die Bühne des Theaters in der Josefstadt; nun folgt am Landestheater Linz die Uraufführung von Verräter, diesmal in der Regie von Anna-Katharina Wurz. Dieses Stück liegt Wentz besonders am Herzen: Mit ihm schloss sie ihr Studium in Berlin an der UdK ab. Zugleich bündelt dieses frühe, sehr persönliche Werk im Kern alles, was ihr Schreiben heute auszeichnet.

Melodie der Sprache

Wentz’ Texte werden oft als modernes Volkstheater bezeichnet. Mit großer Empathie verortet sie ihre Geschichten im ländlichen Raum und lässt dort Stimmen zu Wort kommen, die quer zu konservativen wie patriarchalen Strukturen stehen. Sprachlich setzt sie auf Mündlichkeit; der Dialekt – der originäre Ausdruck ihrer Figuren – ist ihr Werkzeug, ohne den Boden der Orthografie zu verlassen. Es geht ihr um die Melodie der Sprache, nicht um die exakte Wiedergabe eines Lokalkolorits. Das gilt besonders für Verräter, in dem wir der jungen Josefine (Jo) begegnen, die sich zu Frauen hingezogen fühlt; ihre Mutter schickt sie deshalb zum örtlichen Priester. Eine berührende Geschichte zwischen Selbstgeißelung und Reflexion entfaltet sich; behutsam bringt die Autorin verdrängte Geheimnisse ans Licht.

Probenbesuch
Autorin Lisa Wentz zu Besuch bei einer Probe von „Verräter"

Ihre Stimme

Wichtig war ihr, mit diesem Stück eigene Erfahrungen zu verarbeiten – und zugleich zu entdecken, wie sich solche Stoffe für die Bühne aufbereiten lassen. Mit Verräter hat sie ihre Stimme gefunden. „Seither kann ich queere Figuren schreiben“, erzählt die mittlerweile wieder in Wien lebende Dramatikerin. Dabei geht es ihr weniger um offene Rechnungen oder Anklagen als um das Erinnern und die ernsthafte Auseinandersetzung mit allen Figuren – selbst mit jenen, die nicht ihre Sympathie genießen. So zeigt Verräter sowohl die Mutter als auch den Priester (im Stück: „Vater“) als Menschen, die sich sorgen und es gut mit Josefine meinen. Sie handeln nicht aus Verachtung, sondern aus Fürsorge. Eine wichtige Erkenntnis, denn Aufarbeitung geht oft mit Schuldzuweisungen einher. In ihrem Stück wird hingegen sichtbar, dass sich die subtilste Form von Gewalt in Zuwendung verbergen kann – und mit schlechtem Gewissen operiert. Jo möchte weder die Mutter noch den „Vater“ enttäuschen; sie schämt sich ihrer Gefühle und gibt sich selbst die Schuld, den Erwartungen nicht zu entsprechen. Das schlechte Gewissen: ein Machtinstrument, das von innen wirkt.

Im Hier und Jetzt

Bemerkenswert an Verräter ist auch, dass es in der Gegenwart angesiedelt ist. Manches mag vergangen wirken, wie aus einer Zeit, die es nicht mehr gibt. Doch dieser Eindruck täuscht. Auch heute werden Menschen für ihre sexuelle Orientierung geächtet, betont die Autorin. Sie fragt: Ist es nicht immer noch so? Werden nicht weiterhin Menschen von der Anerkennung ihrer Identität ausgeschlossen? Solange sich diese Fragen nicht guten Gewissens verneinen lassen, will sie im Hier und Jetzt dazu ermutigen, sie immer wieder zu stellen und einen Erinnerungsprozess in Gang zu setzen. Denn nur im Erinnern erkennen wir uns selbst. Nur aus der Vergangenheit lassen sich jene Lehren ziehen, die wir heute brauchen, um dieselben Fehler nicht leichtfertig zu wiederholen. Gerade das Theater kann ein solcher Ort sein: ein Raum, der uns hilft, nachzudenken – über die Vergangenheit und für die Zukunft – und uns in Rücksichtnahme und Empathie zu üben.

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