Der Stern von Bethlehem, der den drei Weisen den Weg aus dem Morgenland zur Wiege des Jesuskinds gewiesen haben soll, ist wohl das bekannteste Himmelsphänomen, das mit einem irdischen Ereignis verknüpft gewesen sein soll. „Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihm zu huldigen“, erklären sie laut Matthäus ihre unerwartete Ankunft in Bethlehem, einem unscheinbaren Vorort der Hauptstadt Jerusalem. Der Stern sei vor ihnen hergezogen und dann über dem „Ort, wo das Kind war“, stehengeblieben.
DER STERN VON BETHLEHEM
Seit der Spätantike stellen Bibelexegetikerinnen, Astronomen und andere Expert:innen Theorien darüber auf, um welche Art von Himmelserscheinung es sich beim Stern von Bethlehem gehandelt haben mag – meist mit dem Ziel, das Geburtsjahr Jesu zu bestimmen. Neben einer Nova und auffälligen Konjunktionen mehrerer Planeten ist der heißeste Kandidat dafür ein Komet. Infrage kommt z. B. der Halley’sche Komet, der alle 75 Jahre in Erdnähe erscheint (zuletzt 1986, das nächste Mal 2061). Um den Jahreswechsel 12/11 vor unserer Zeitrechnung stand der berühmteste Schweifstern von allen wohl unübersehbar am (noch nicht durch Lichtverschmutzung weitgehend unsichtbaren) Sternenhimmel.
KOMETEN ALS VORBOTEN AUSSER-GEWÖHNLICHER EREIGNISSE
Weil sich gut sichtbare, helle Kometen so selten in Erdnähe herumtreiben, liegt es nahe, sie in eine kausale Verbindung mit außergewöhnlichen irdischen Vorkommnissen zu bringen, seien es Naturkatastrophen (Erdbeben, Vulkanausbrüche, Überflutungen, Stürme) oder eben historische Ereignisse (Kriege, politische Umwälzungen, Geburt oder Tod berühmter Persönlichkeiten). Mögen Physiker:innen noch so verbissen insistieren, ein Einfluss kleiner Himmelskörper (geschweige denn spezieller Konstellationen) auf irdische Körper sei aufgrund der verschwindend kleinen Wechselwirkungen vollkommen undenkbar – auch in modernen Zeiten lässt sich ein Großteil der Menschheit nicht von der Vorstellung abbringen, es gäbe diese Zusammenhänge.
DER GROSSE KOMET VON 1811 (ODER 1812)
So war es natürlich auch beim Großen Kometen von 1811 (der von Tolstoi für Krieg und Frieden aus dramaturgischen Gründen ins Jahr 1812 verlegt wurde und es auf diesem Umweg in den Titel unseres neuen Musicals gebracht hat). So sah sich ein unbekannter Autor 1811 sogar bemüßigt, eine Kurze Belehrung über die Cometen, veranlaßt durch den Cometen des Jahres 1811 zu verfassen, die beim Buchbinder Hüttenrauch in Hohenstein bei Zwickau erschienen ist.
„Die Cometen haben von jeher Veranlassung zum Aberglauben gegeben, und unter derjenigen Classe von Leuten, welche, wegen ihrer Erziehung und ihres mangelhaften Unterrichts, von diesen großen Weltkörpern keinen hinreichenden Begriff haben konnten, stets große Furcht erregt. Bisweilen haben auch große Naturbegebenheiten, oder auch wohl politische Ereignisse, welche letztere zufällig nahe oder fern auf sie erfolgten, und gewiß auch ohne ihre Erscheinung erfolgt seyn würden, diese Furcht genährt und fortgepflanzt.“
RUSSLAND ANFANG DES 19. JAHRHUNDERTS
Je unruhiger die Zeiten, desto eher flüchten sich die Menschen in scheinbar einfache, dafür absurd un- oder sogar antiwissenschaftliche Erklärungsmodelle, das wird uns ja aktuell im Zusammenhang mit der Pandemie, dem Überfall auf die Ukraine, der Energiekrise und der globalen Erhitzung überdeutlich vor Augen geführt. Auch Russland zu Beginn des 19. Jahrhunderts sah sich vielen Krisen gegenüber. Unter der Regentschaft Alexanders I. hatte sich ein zunächst durch Bewunderung geprägtes Verhältnis zu Napoleon (Frieden von Tilsit 1807) so verschlechtert, dass es 1812 zum Krieg kam. Das mächtige französische Heer geriet nach Anfangserfolgen (bis hin zur Eroberung Moskaus) vor allem durch den harten Winter in die Defensive und wurde schließlich fast vollständig vernichtet. Die politischen und militärischen Ereignisse zwischen 1805 und 1812 analysiert Tolstoi in Krieg und Frieden ausführlich und verquickt sie mit der „Mikrogeschichte“ mehrerer adeliger Familien. Das Musical basiert im Wesentlichen auf einer etwa 100-seitigen Episode des Romans.










