Seit es Menschen auf der Welt gibt, gibt es die Liebe. Und seit es das Fernsehen als Massenmedium gibt, gibt es Dating-Shows. Bereits seit den 1960er Jahren wird auf der Mattscheibe gekuppelt, was das Zeug hält. Und das Publikum scheint sich auch über die Jahrzehnte hinweg nicht daran sattsehen zu können. Im Gegenteil: Spätestens seit der Corona-Pandemie, als analoges Dating schwer möglich war, nimmt die Anzahl der TV-Formate von Jahr zu Jahr zu, Ende nie.
Was in den USA mit The Dating Game, der Ahnin aller Dating-Shows, begann, setzte sich im deutschsprachigen Raum mit Herzblatt fort: Ein Single beliebigen Geschlechts saß auf der einen Seite einer Trennwand und stellte, angeleitet durch den Moderator, mehr oder minder beknackte Fragen an drei Single-Kandidat:innen auf der anderen Seite der Trennwand. Der- oder diejenige mit den geistreichsten Antworten machte das Rennen. Die Liebesquote war gering – von 3.704 Flirtkandidat:innen der deutschsprachigen Ausgabe heirateten am Ende nur zwei Paare – der Publikumserfolg der Sendung dafür ungleich größer. Erst 2005 wurde das Format nach 18 Jahren eingestellt.
Liebesg‘schichten und Heiratssachen
Bereits genauso lang läuft Liebesg‘schichten und Heiratssachen, eine der erfolgreichsten ORF-Produktionen überhaupt. Ein Ende ist bisher nicht abzusehen. Dank des hohen Identifikationspotentials der Kandidat:innen und der ehrlich-liebevollen Präsentation durch Elizabeth T. Spira wurde die Sendung Kult.
Reality-Formate der Gegenwart
Von Einfühlsamkeit kann bei Formaten wie Der Bachelor wiederum keine Rede sein. Seit 2003 verteilt ein begehrenswerter Junggeselle mittlerweile schon seine Rosen unter jeweils 20 bindungswilligen Bewerberinnen, die an paradiesischen Orten um seine Gunst buhlen. Dank prächtiger Quoten gibt es die Sendung selbstverständlich auch als Bachelorette, wo sich wiederum eine absolute Überfrau zum Objekt des Begehrens macht, bevor sie aus 20 konkurrierenden Herrschaften in knallharten Ausschlussrunden den einen Mann ihres Herzens erwählt.
Und dann gibt es da ja noch das aktuell weltweit populärste Format überhaupt, das der Streamingdienst Netflix franchiseartig in unterschiedlichen Ländern dieser Welt anbietet: Love Is Blind. Hier lernen die Teilnehmenden einander zunächst nur über Gespräche kennen, ohne ihr Gegenüber zu sehen. Erst wenn auf diese Phase ein Heiratsantrag folgt – der selbstverständlich vom männlichen Teilnehmer ausgeht – stehen sich die Kandidat:innen das erste Mal Aug in Aug gegenüber und können nun vor laufenden Kameras ihre Kompatibilität im „Alltag“ prüfen.
Warum wir zuschauen
Vielleicht nicht besonders überraschend: Keines der besagten Formate kann auf eine besondere Erfolgsquote in Sachen langfristiger Pärchenvermittlung verweisen. Das hält das Publikum dennoch nicht davon ab, an den Verkupplungsversuchen fremder Menschen weiterhin rege Anteil zu nehmen. Wann hat man sonst schon mal die Möglichkeit, bei intimsten Momenten anderer hautnah dabei zu sein? Der Mensch ist schließlich ein Voyeur.
Zumal es diese Formate erlauben, im geschützten Rahmen der eigenen vier Wände eigenes Verhalten, eigene Vorlieben und Sehnsüchte mit denen der konkurrierenden Kandidat:innen abzugleichen. „Theory of Mind“ ist hier das Stichwort des Erfolgs: Die Zuschauer:innen versetzen sich in die Lage der Kandidat:innen und simulieren für sich durch, was die anderen tun, ohne sich selbst blamieren zu müssen.
Die Kandidat:innen als Marke
Doch nicht nur der Konsum dieser Formate hat einen stetig wachsenden Markt, sondern auch die Teilnahme daran. Das zeigt sich schon allein daran, dass immer wieder auch Liebesanwärter:innen von einer Sendung zur nächsten tingeln. Das Ziel scheint also nicht nur das Finden der großen Liebe zu sein. Womöglich flirtet die eine oder der andere vor allem mit einer Karriere zwischen lukrativen Werbeverträgen, Instagram-Performance und Reality-TV-Star. So war die letzte deutsche Bachelorette vorher bereits Teilnehmerin der Dating Show Too hot to handle. Und auch der Mann, der am Ende ihre letzte Rose bekam, war zuvor und danach in anderen Reality-TV-Formaten zu sehen.
Nicht nur ihre eigenen – zumeist bis in die letzte Faser durchtrainierten – Körper machen die Kandidat:innen dabei zu einem Produkt, das am (Beziehungs-)Markt gehandelt wird. Auch das eigene Begehren und die eigenen Sehnsüchte werden in aller Öffentlichkeit ausgestellt. Durchoptimiert performen sie sich durch ihr gnadenlos ausgeleuchtetes Leben und sind dabei radikale Unternehmer:innen ihrer selbst.
Theater trifft Reality-TV
Eine solche radikale Unternehmerin des Begehrens ist auch Célimène in Anita Augustins herrlich gegenwärtiger Überschreibung von Molières Komödienklassiker Der Menschenfeind. Als professioneller Single verdient sie ihr Geld damit, sich zum Objekt männlicher Fantasien zu machen und die Erwartungen des Publikums zu bedienen – und treibt damit den sie liebenden Alceste, den Menschenfeind, an den Rand der Verzweiflung. Die Wiener Regisseurin und Musikerin Anna Marboe, die dem Landestheater Linz schon so viele kluge und humorvolle Inszenierungen bescherte, unternimmt in dieser Saison einen Ausflug hinter die Fassaden des Reality-TV-Geschäfts.










