Den Atem fließen lassen!

Die Sopranistin Erica Eloff im Interview

  • 20. September 2022
  • |
  • Text: Redaktion

Die südafrikanische Sopranistin Erica Eloff sorgt seit zwei Jahren auf der Bühne des Linzer Musiktheaters für Gänsehaut. Als Leonore, Mimì, Figaro- Gräfin oder zusammen mit Piotr Beczała beim Salzkammergut-Open-Air hinterließ die Sängerdarstellerin unvergessliche Eindrücke. In Korngolds Die tote Stadt ist sie jetzt als Marie / Marietta zu erleben.

Erica Eloff ist schon von weitem zu erkennen. Mit beschwingtem Schritt, großem Sonnenhut und leichtem Sommerkleid naht sie unserem Treffpunkt. Die Morgensonne brennt bereits erbarmungslos vom Himmel, als wir nach einem geeigneten Ort für unser Gespräch suchen. Bei Cappuccino und Croissant sind auch wir schnell auf Betriebstemperatur.

Interview: Katharina John | Fotos: Philip Brunnader

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Die Musik und du, wann hat diese Liebesgeschichte begonnen? Gab es da eine Initialzündung?

Es gab nicht diesen einen Moment. Meine Mutter war Musiklehrerin, dadurch war immer Musik bei uns im Haus. Schon im Alter von drei, vier Jahren habe ich angefangen, Geige und Klavier zu lernen, und dabei bin ich geblieben. In meinem letzten Schuljahr, als ich 17 war, sang ich auch in einem Jugendchor. Eines Tages kam die Bibliothekarin meiner Schule zu mir. Sie hatte in der Zeitung von einem Gesangswettbewerb gelesen und meinte, ich sollte mich bewerben. Das tat ich auch und wurde angenommen. Die Veranstalterin, meine spätere Gesangsprofessorin, nahm meine Mutter dann zur Seite und forderte sie auf, mich bei ihr zum Studium anzumelden. Dass wir kein Geld für eine kostspielige Ausbildung hatten, war kein Hinderungsgrund. Mit einem Stipendium begann ich dann in Potchefstroom (Südafrika) Gesang, Gesangspädagogik, Klavier und Geige zu studieren. 

2003 zogen wir nach Frankreich und nach einem knappen Jahr weiter nach England. Dort habe ich dann begonnen, mir ein Netzwerk aufzubauen, denn ich hatte nach mehreren Diplomen keine Lust mehr, noch weiter zu studieren. Mittlerweile hatte ich zwei Kinder unter fünf und musste Geld verdienen. Ich habe dann beim Young Classical Artists Trust (Anm. d. Red.: eine Stiftung zur Unterstützung von Musiker:innen zu Beginn ihrer Karriere) vorgesungen. In der Endrunde war ich richtig krank. Doch die Ausscheidung fand in Wigmore-Hall statt und nichts hätte mich davon abhalten können, trotzdem dort zu singen. Zwar wurde ich nicht aufgenommen, habe aber offenbar doch Eindruck hinterlassen, denn eine der Verantwortlichen versprach, Arbeit für mich zu finden, und so ist meine Karriere ganz langsam angelaufen. 

Erica Eloff
Foto: Philip Brunnader

Gab es einen Zeitpunkt, zu dem dir klar geworden ist, dass dir mit deiner Stimme ein besonderes Instrument zur Verfügung steht?

Es war eher eine organische Entwicklung. Das Instrument Stimme ist immer spannend. Jede Stimme ist anders, hat andere Möglichkeiten, einen anderen Umfang und sie verändert sich. Es wird einem nie langweilig. Eine Stimme ist einer natürlichen Entwicklung unterworfen, Stillstand gibt es nicht. Als Sängerin ist es wichtig, kontinuierlich weiterzuarbeiten. Man kommt nie an.

Jede Stimme ist anders und deine Stimme hat viele Möglichkeiten. Welches Stimmfach ist deines?

Für mich ist es schwer zu sagen, ich bin ein lyrischer oder ein jugendlich dramatischer oder vielleicht auch ein dramatischer Sopran. Ich habe viel Konzerte gesungen und da ist der Spielraum ein wenig größer, die Notwendigkeit, sich festzulegen, weniger gegeben. Zu singen ist harte Arbeit und ich bin froh, dass mir Vieles relativ leichtfällt. Ich führe das zu einem großen Teil auf meine hervorragende Ausbildung zurück. Ich kann sehr gut vom Blatt singen und bin froh, dass ich eine sehr technische Herangehensweise beherrsche. Auch bin ich mir der Bedeutung meines Atems sehr bewusst. Meine Gesangslehrerin hat mir immer gesagt: „Hole Luft und benutze sie! Halte sie nicht fest, sondern lasse deinen Atem fließen!“ Andernfalls erzeugt man überall im Körper Spannung und das ist sehr hinderlich – nicht nur fürs Singen!

Die Marietta in Korngolds Die tote Stadt ist eine Partie, in der ein Sopran dramatisches Potenzial zeigen muss.

Ich selbst habe mich nie in dem Fach gesehen, in dem ich jetzt eingesetzt werde, meine Lehrerin schon. Sie hat bereits von Beginn unserer Zusammenarbeit an, vor zehn bis zwölf Jahren gesagt, „du benutzt nur einen Teil deiner Stimme. Wir müssen dich dazu bringen, deine ganze Stimme einzusetzen“ und das ist es, woran ich gerade arbeite.

Diese Entwicklung führt dich zu den ganz großen und aufregenden weiblichen Opern- partien. Bis du eine Operndiva? Kannst du mit dem Begriff etwas anfangen?

Ich habe gar keine Zeit, eine Diva zu sein, denn im Leben geht es um mehr als nur ums Singen. Meine Arbeit als Sängerin ist wichtig, es ist ein Job und ich muss ihn gut machen. Und wer auf der Bühne Allüren hat, der hat sie auch im richtigen Leben.

Erica Eloff
Foto: Philip Brunnader

Das Singen ist nur ein Teil dessen, was eine Opernsängerin leisten muss. Welche Bedeutung hat für dich das Spielen?

Es ist wichtig, dass ich in diesem Bereich, bei der Erarbeitung meiner Figur, gefordert und unterstützt werde. Als ich zum Beispiel das erste Mal die Tosca gesungen habe, hatte ich nur die flachen Bilder und Vorstellungen einer traditionellen Aufführung im Kopf. Der Regisseur sagte mir dann: „Nein, das ist nicht Tosca: Tosca steht kurz vor dem Burnout, sie ist nervös, schluckt Pillen, weil sie unter einem enormen Druck steht, sie ist leicht hysterisch – nein, ich brauche mehr von dir!“ und es hat enormen Spaß gemacht, diese Figur in all ihren Dimensionen zu entdecken und zu spielen!

Paul, die männliche Hauptpartie in Korngolds Die tote Stadt, trauert um seine verstorbene Ehefrau. Als er der Tänzerin Marietta begegnet, die ihm wie eine Doppelgängerin der Toten erscheint, will er sie ganz zu ihrem Ebenbild machen. Wie näherst du dich der Partie der Marietta?

Wenn sie das erste Mal auftritt, erinnert sie mich an mich selbst als 19-jährige Studentin. Sie ist voller Energie und Aufbruch und fasziniert von all den Möglichkeiten, die das Leben bietet. Die Begegnung mit ihr wird in unserer Inszenierung für Paul zum Anlass, in Marietta immer mehr seine tote Frau Marie zu sehen. Er kombiniert die beiden Frauen zu einem Phantom, einer Projektion seines Hirns. Damit ändert sich im 2. und 3. Bild auch ihr Charakter. Marietta wird ganz zu einer fixen Idee Pauls. Er erschafft sich eine Person nach seinen eigenen Bedürfnissen. Meine Figur wird somit von einer realen zu einer Projektion seiner Lebens- erfahrung.

Welche Hinweise gibt denn Korngold in der Musik auf den Charakter von Marietta?

Im ersten Akt beginnt sie spontan zu tanzen. Sie ist eine idealistische Träumerin: „Hier bin ich, das bin ich und das tue ich.“ – und Paul ist einfach hingerissen von ihr und versteht gar nicht richtig, was ihm widerfährt. In seiner Fantasie, in seinen Träumen verformt er sie dann zu seinem Ideal, nähert sie dem Bild seiner Frau an. Diese Traumsequenzen sind in der Musik deutlich hörbar und so orchestriert, dass es klingt, als wäre es weit weg, wie von einem anderen Planeten.

Der 23-jährige Korngold scheint die hungrige Maßlosigkeit eines jungen Menschen besessen zu haben. Beide Partien, Paul und Marietta, stellen hohe Ansprüche an die interpretierenden Sänger:innen. 

Ich habe so eine Partie bisher noch nicht gesungen: In der Führung der Melodie orientiert sich Korngold stark an der gesprochenen Sprache. Der Sänger des Paul, Andreas Hermann, und ich müssen über weite Strecken in einer sehr unbequemen Lage, im Passaggio- Bereich, dem Übergangsbereich zwischen den Stimmregistern singen.  Dieser ist leicht nach oben und unten zu durchqueren, aber sich permanent dort aufzuhalten ist mörderisch. 

Worauf darf sich das Publikum bei dieser Oper freuen, was ist das Spannende an der Toten Stadt? 

Diese Oper ist ein faszinierender Albtraum. Für mich ein Opern Psycho-Thriller – und ich mag das sehr! Als ich angefangen habe, meine Partie und das Stück zu lernen, habe ich mir in meinem Kopf eigene Bilder gemacht und ich stellte mir Kostüme im Stil des Steampunk vor, dunkel, gothic, eine düstere Geschichte. Es gibt viele Parallelen zu Hitchcocks Vertigo und die Musik geht atmosphärisch in Richtung The Turn of the Screw: Mysteriös, dunkel, aber auch voller Leidenschaft – ein Psychothriller! Es wird ein spannender Abend!

Gibt es „Traumpartien“, auf die du hinarbeitest oder die du dir wünschst, eines Tages singen zu können?

Ja, das Belcanto-Repertoire reizt mich sehr. Norma – das würde ich lieben und Elvira in I  Puritani, oder Amina aus Bellinis La Sonnambula. 

Inwiefern hat die Covid-19-Epidemie dein Leben als Künstlerin verändert?

Für mich hat diese Zeit tatsächlich ein paar Dinge verändert: Zum Besseren, muss ich gestehen, das klingt schrecklich. Kurz vor dem Ausbruch der Pandemie hatte ich mein Vorsingen in Linz und wurde angenommen. Andernfalls hätte ich in dieser Zeit kein Auskommen gehabt, da ich vorher immer selbständig war und von der Hand in den Mund gelebt habe. Wie so oft im Leben, spielt es eine große Rolle, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

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