Jugendfreundinnen
Und ja, Madita stammt aus dem Großbürgertum, lebt mit ihren beiden liebevollen Elternteilen auf einem Anwesen namens Birkenlund, einer Welt voller Möglichkeiten und Träume – auf den ersten Blick frei von Sorgen. Die Figur der Madita entwickelt sich über zwei Romane: Madita, der auf Deutsch 1961 erschien, und Madita und Pims aus dem Jahr 1976, in Vignetten, die dann aber doch klarmachen, dass Maditas Blick auf die Welt ein besonderer ist. Die Handlung der Bücher ist dabei nicht in den 60er- oder 70er-Jahren angesiedelt, sondern in der Zeit des ausgehenden Ersten Weltkrieges (also in der Kinderzeit der Autorin selbst). Die Figur ist angelehnt an Astrid Lindgrens Jugendfreundin Anne-Marie Ingeström, die anders als sie selbst aus dem Großbürgertum stammte. Durch diese Freundschaft eröffnete sich unter anderem die Option, dass Astrid, anders als für Töchter aus kleinen Verhältnissen damals üblich, eine weiterführende Schulbildung erhielt. In der Begegnung der Mädchen Anne-Marie und Astrid dürften auch Welten aufeinandergeprallt sein und aus diesem Augenblick entwickelt sich Jahrzehnte später Maditas Welt.
So wird in der Figur Maditas im Unterschied zu zahlreichen anderen Held:innen festgehalten, was es heißt, Zeug:in zu werden von Ungerechtigkeit, von lebensverändernden Entscheidungen, von Armut, von echten Risiken. Madita selbst ist behütet, aber sie ist voller Mitgefühl und Empathie für alle Menschen um sich herum. Durch die große zeitliche Distanz werden zudem andere Themen behandelt als in vielen anderen Büchern Lindgrens – Religiosität, prekäre Verhältnisse und soziale Differenzen sind so zentral für Madita, auch, weil sie sich an diesen Themen stellvertretend für eine Leser:innenschaft abarbeitet, als Betrachterin der Missstände. Wo sie anfangs nur ihre eigenen Familienmitglieder versteht und höchstens ahnt, dass beispielsweise ihr bester Freund Abbe aus einem gänzlich anderen, oft verworrenen Elternhaus kommt, lernt sie im Laufe der Romane, auch unter dem Einfluss ihres Vaters, der deutlich als Sozialist erzählt wird, die Realität, die in die heile Welt auf Birkenlund hereinbricht, einzuordnen. Dabei gelingt es ihr, ihre Berührungsängste mit dem Unbekannten, dem Unwägbaren zu über- winden.
Madita sucht nicht für sich selbst die Flucht in eine Traumwelt, ihre Umstände machen die Sehnsucht nach einer besseren Welt nicht unbedingt nötig – wenn sie zu träumen beginnt, dann von einer Welt, die gerecht für alle sein soll, in der Klassenunterschiede unwichtig werden, in der ihr eigenes Mitgefühl seinen Platz findet.
Von Gerechtigkeit träumen
So wird der Eskapismus hier andersherum ausgeführt: Nicht die Protagonistin sehnt sich nach einem geordneten Leben voller Freiheiten und Geborgenheit, sondern wir als Publikum können uns in Szenarien hineinlesen (und ab dem 6. Dezember im Großen Saal des Musiktheaters auch hineinhören) in eine Welt, in der das Miteinander und der Respekt für unsere Mitmenschen einen echten Unterschied machen. In der Sehnsuchtsorte entstehen, die nicht frei von Konflikten sind, diese sich allerdings mit Aufrichtigkeit, Empathie und der Entscheidung, es anders machen zu wollen, lösen lassen.
Dabei entstehen in den Werken Astrid Lindgrens eben nicht nur Sehnsuchtsorte, die manchmal in ihrer Klarheit der Beziehungen und Begegnungen, in den Kontrasten von Gut und Böse, etwas zu schön, zu simpel erscheinen, sondern auch Raum für Optimismus in der Gleichzeitigkeit und Ambivalenz unterschiedlichster Lebensentwürfe. So werden all die fordernden, traurigen, manchmal auch überwältigenden Erfahrungen und Emotionen, die auch für Kinder normal sein können, ernst genommen, ohne dass dabei Hoffnung oder Leichtigkeit auf der Strecke bleiben. Neben dem traumhaften Idyll steht dabei der Versuch, Kinder ernst zu nehmen, in allen Aspekten ihrer Lebenswirklichkeit.