Genau vier Töne
Betty Comden und Adolph Green über Wonderful Town
(Aus: Leonard Bernstein Newsletter prelude, fugue & riff, Herbst 1994)
1953 feierte Wonderful Town im Winter Garden Theatre am Broadway Premiere – und wurde von der Kritik begeistert aufgenommen. Vierzig Jahre später besuchte ein Journalist das Songtexter-Duo des Stücks, Betty Comden und Adolph Green, zuhause bei Green in seiner mit Schallplatten und Büchern gefüllten Bibliothek mit Blick auf den Central Park.
Wie wurde aus Ruth McKenneys Geschichten über das bohemiènhafte Leben im Greenwich Village der 1930er Jahre ein Musical?
Comden: [Der Regisseur] George Abbott tat sich mit [den Buchautoren] Jerome Chodorov und Joseph Fields zusammen, um McKenneys Buch zu einem Musical mit dem Titel Wonderful Town zu adaptieren – aber sie kamen nicht recht weiter. Abbott rief mich eines Tages an und sagte: „Glauben Sie, Sie könnten die Gesangstexte schreiben?“ Adolph war gerade verreist – aber ich kontaktierte ihn, und er kam zurück. Abbott fragte: „Mit wem würden Sie zusammenarbeiten wollen?“ Wir sagten: „Vielleicht mit Leonard [Bernstein].“ Er meinte: „Gehen Sie hin und fragen Sie ihn“. Und kaum hatten wir unsere Wohnung erreicht, war Abbott schon wieder am Telefon. Green: Er schrie: „Ja oder nein?“ Und zu unserer großen Überraschung sagte Leonard: Ja. Comden: Wir waren überglücklich. Mit Leonard zu arbeiten war himmlisch.
George Abbott klang wie ein Regisseur, der es wirklich eilig hatte. Wie viel Zeit hatten Sie, um das Stück zu schreiben?
Green (grinst): Viereinhalb Wochen.
Rosalind Russell spielte in dieser ersten Produktion die Ruth. Wie gefiel ihr der Wechsel von Hollywood zum Broadway?
Comden: Sie mochte die Musik sehr. Aber eines Tages rief sie uns alle zusammen und sagte: „Adolph, Betty, Leonard, hört mal zu. Ich habe genau vier Töne, die ich gut singen kann, und ihr müsst meine Songs für genau diese vier Töne schreiben.“
Green: Und zwar nach dem Motto da-da-da-da – Gag, da-da-da-da – Gag.
Comden: Einen solchen Song hatten wir noch nicht, als wir in New Haven [dem ersten Tryout-Theater] eröffneten. Dann bekam Rosalind eine Halsentzündung und lag im Bett.
Hatte ihre Halsentzündung etwas mit dem Fehlen eines passenden Songs zu tun?
Comden (lacht): Nein, so war sie nicht. Adolph, Lenny und ich trafen uns und schrieben eine neue Nummer: 100 Easy Ways to Lose a Man (100 gold’ne Tipps, einen Mann zu verlier’n). Dann schoben wir das Klavier durch den Hotelflur …
Green: Direkt vor ihr Schlafzimmer …
Comden: Damit wir ihr das Lied vom Flur aus vorspielen konnten. Wir brüllten es ihr sozusagen ins Zimmer hinein. So hörte sie es zum ersten Mal.
Und natürlich wurde 100 Easy Ways to Lose a Man zum Publikumshit. Wonderful Town wurde ein Erfolg und gewann schließlich vier Tony Awards, darunter den für das beste Musical. Wie war die Premiere?
Comden: Nach der Premiere gab es eine große Party bei Joshua Logan [Regisseur und ein Freund von Rosalind Russell] zu Hause. Wir waren alle dort, ziemlich nervös, denn man weiß einfach nie, was die Kritiker schreiben werden.
Green: Dann kamen die triumphalen Rezensionen. Tatsächlich war es Marlene Dietrich, die zum Times Square gelaufen war, um die frischen Zeitungen zu holen.
Warum haben Sie die Handlung in die 1930er Jahre gelegt, statt in die 1950er, als das Musical geschrieben wurde?
Comden: Lenny setzte sich ans Klavier und begann, einen Vamp zu spielen, den Eddie Duchin, der große Orchesterleiter und Pianist der Dreißiger, verwendet hatte.
Green: Als Lenny das spielte, hat uns das inspiriert.
Comden: Wir wussten gleich, dass das Stück einen eigenen Stil haben und in dieser Epoche verwurzelt sein würde. Es würde eine Conga geben, Swing, Jazz – all diese wunderbare Musik, in der wir uns zu Hause fühlten.