Interview mit Henry Mason und Thomas Zaufke, dem Autorenteam hinter der Musical-Uraufführung Der Hase mit den Bernsteinaugen
Henry, vor etwa zweieinhalb Jahren bist du an Matthias Davids und mich mit der Idee herangetreten, ein Musical nach Edmund de Waals Der Hase mit den Bernsteinaugen zu schreiben. Wir beide hatten das Buch gelesen und dachten: „Wie soll das denn gehen?“ Wieso hast du geglaubt, du kannst das?
Henry Mason (lacht) Im Laufe meiner Karriere habe ich immer wieder Stücke über Familie, Erinnerung und Gleichzeitigkeit verschiedener Zeitebenen gemacht. Eine solche Erzählweise fasziniert mich. Kürzlich bin ich über eine Rede de Waals gestolpert, wo er sagt, es gehe ihm darum, was „Zuhause“ bedeuten könnte. Es ist eine Geschichte über eine Familie, die auseinandergerissen und über Europa verstreut wird. Das Nicht-Dazugehören hat eine gewisse Resonanz mit meiner eigenen Biografie; als Sohn eines Engländers und einer Neuseeländerin, der in Österreich aufgewachsen ist, fühlte ich mich schon früh entwurzelt. Wenn man ein paar Generationen zurückgeht, ist ja jeder von uns eigentlich ein Heimatloser. In de Waals Buch stecken gewaltige theatrale Möglichkeiten, weil man Figuren aus verschiedenen Zeiten aufeinandertreffen lassen kann. Durch die Verschränkung der Zeitebenen sah ich die Chance, dem Buch etwas hinzufügen zu können.
Thomas Zaufke Genau das ist für mich das Faszinierende. Die Figuren aus verschiedenen Generationen in Diskussion treten zu lassen, ist natürlich auch musikalisch interessant. Wir müssen nicht chronologisch erzählen, was für das Musiktheater eine tolle Sache ist.
Mason Für de Waal als Keramiker hat das Taktile eine große Bedeutung, und diese Liebe zum Taktilen, zum Haptischen spürt man in seinen Worten. Für das Lyrische in seiner Prosa – so dachte ich sofort – ist Musik eine wunderbare Entsprechung.
Dass man eine Vorlage toll findet, heißt ja nicht, dass man unbedingt ein Musical daraus machen sollte. Warum schreit der Hase nach Musik?
Zaufke Das erschließt sich schnell. Das Buch braucht ja ein ganzes Smörgåsbord unterschiedlicher Musikstile. Da kann kein Komponist widerstehen. Es gibt russisch-jüdische Einflüsse, Impressionismus, Fin de siècle, Charleston, Swing bis ins Tokio der 1950er-Jahre, dazu die Klammer der Moderne. Das macht natürlich irrsinnig Spaß. Man muss nur sehen, dass das Ganze nicht auseinanderfällt. Es sollen nicht nur Stilkopien der einzelnen Epochen herauskommen; es braucht einen Rahmen. Wir haben daher viel mit Motiven gearbeitet.
So viele Musikstile, aber vor allem, Henry, so viele Figuren! Im Roman sind es – mutig geschätzt – wohl an die tausend. Du hast sie im Musical auf etwa 175 reduziert, die von 15 Erwachsenen und 5 Kinderdarsteller*innen gespielt werden. Wie hast du es geschafft, den Überblick zu behalten?
Mason Ich hatte immer eine Liebe zu epischen Stoffen, und ich habe in meinem Ausstatter Jan Meier einen kongenialen Partner mit einem Hang zum Historischen gefunden. Wir haben viel Erfahrung darin, komplexe Stücke zu meistern. Ich bin da ein wenig schizophren, weil ich finde, der Autor sollte nicht zu viel vom Regisseur wissen und umgekehrt. Wenn ich meine eigenen Stücke inszeniere, versuche ich, das zu trennen und mir als Autor nicht zu viele Sorgen darum zu machen, wie man das Stück später realisiert. Natürlich war schon beim Schreiben eine wahnsinnige Logistik zu bewältigen. Wir wussten ja, wir haben nur so und so viele Leute zur Verfügung, die Umzüge müssen sich ausgehen …










