Sabine Sandberg im Interview

Über Clownsvisiten im Kinderspital und Theater hinter Gittern

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Im Gespräch mit Silvana Steinbacher erzählt Sabine Sandberger von wunderbaren Momenten als Cliniclownin und erstaunlichen Fortschritten der Insassen auf der Bühne.

Frau Doktorin Sandberger, Sie gehen in Ihrer Freizeit oft ins Theater, können Sie sich an Theaterbesuche erinnern, die Sie ein wenig von der Realität weggetragen haben?

Ja, das passiert immer wieder. Bei mir sind es vor allem Tanzstücke und auch nonverbale Stücke, bei denen vieles offen bleibt und die mir genügend Raum für meine eigene Interpretation lassen. Ich mag es, wenn einiges abstrakt bleibt.

Sie arbeiten seit 30 Jahren als Cliniclownin in oberösterreichischen Spitälern. Wie haben Sie als ausgebildete Psychologin die Liebe zum Clown gefunden?

Ich habe aus Interesse an der Sommerschule in Graz drei Wochen Pantomime belegt und zum Abschluss ein Stück mit Clowns gesehen. Als Kind im Zirkus mochte ich die oftmals brachialen Clowns eigentlich nicht, aber in Graz verliebte ich mich in diese skurrilen, schrägen und vor allem naiven Figuren. Darum belegte ich im nächsten Jahr den Clownworkshop. Der Leiter meines Kurses hat gegen Ende gemeint, er erkenne bei mir ein Clownpotenzial, und hat mich gefragt, ob ich eine Cliniclownin werden möchte.

Wie verläuft Ihr Kontakt mit den Patient:innen im Krankenhaus?

Wir erkundigen uns zuerst beim Personal nach den Patient:innen, dabei möchte ich nicht die Krankengeschichte wissen, sondern eher, ob jemand spezielle Bedürfnisse hat. Wir versuchen dann im Spiel darauf Rücksicht zu nehmen. Wir improvisieren ja immer im Kontakt mit den Patient:innen und spielen keine einstudierten Szenen.

Können Sie sich an besondere Erlebnisse erinnern?

Ich kann mich etwa an einen vierjährigen krebskranken Buben erinnern. Er ist, als wir Clowns mit ihm gespielt haben, mit seiner Chemotherapie-Infusion ausgelassen im Bett herumgehüpft. Wir hatten den Eindruck, er vergisst auf einmal völlig seine Krankheit und darf nun wieder ein unbeschwertes Kind sein. Als Cliniclownin erlebe ich manchmal wunderbare Momente. Ich habe dieses Bild von ihm jetzt noch vor Augen.

Kinder besitzen noch die Gabe, unbändige Freude zu empfinden, und glauben manchmal auch noch an Wunder. Fällt Ihnen dazu eine Situation ein?

Bei einem Buben ganz besonders. Er wartete auf ein Spenderherz, war lange auf der Kinderstation und hat viel mitgemacht. Er hat es geliebt, bei jedem Besuch für uns zu zaubern. Einmal waren wir lange bei ihm im Zimmer, und weil es uns so schwerfiel zu gehen, baten wir ihn, uns aus dem Zimmer zu zaubern. Nachdem er seinen Zauberspruch beendet hat, geht plötzlich die Tür auf, und die anderen beiden Clowns, wir sind immer zu viert im Kinderspital auf Clownsvisite, kommen herein. Nie werde ich seinen erstaunten Blick vergessen. Sein Zauber hatte funktioniert. Welch ein magischer Moment für uns alle!

Sabine Sandberger | Foto: Herwig Prammer

In der Justizanstalt Garsten haben Sie als Psychotherapeutin nicht nur therapeutisch mit den Insassen gearbeitet, sondern auch eine kreative Beschäftigung für sie entwickelt. Wie kann man sich das vorstellen?

Gestartet hat alles 1998 mit der Gründung der Theatergruppe „Ruhestörung“. Ich musste anfangs sehr darum kämpfen und bin auf viel Widerstand gestoßen. Schließlich konnte ich unter widrigen Umständen beginnen. Die Arbeit mit den Insassen war dafür einfacher als gedacht. Sie genossen es, einen Raum zu haben, in dem sie Gefühle rauslassen konnten, was im Justizalltag oft nicht so leicht möglich ist. Ich habe meist mit ihnen ein eigenes Stück erarbeitet, auch um mehr auf die Möglichkeiten und Talente Einzelner Rücksicht nehmen zu können. Die Handlung drehte sich oft ums Gefängnis selbst.

Konnten sich die Insassen innerhalb des Stückes ihre Rollen wählen?

Nicht ganz. Sie konnten mitbestimmen, aber die letzte Entscheidung lag dann bei mir. Aber es war interessant, denn keiner mochte der Böse sein, alle wollten die Guten spielen. Als Häftling in einem Hochsicherheitsgefängnis wird man meist von außen auf das Böse und das Negative reduziert. So wollten sie nicht vom Publikum wahrgenommen werden.

Ich stelle es mir für Sie unter diesen Voraussetzungen schwierig vor, ein Stück zu inszenieren, in dem nur gute Charaktere auf der Bühne stehen, denn es fehlen dann die Gegenpole, auch die Spannung.

Ja, natürlich. Doch einmal spielten wir ein Stück über Gott und den Teufel. Interessanterweise war die kriminelle Vergangenheit des Darstellers des Teufels im Stück nicht schwerwiegend. Er hat den Bösen besonders überzeugend gespielt, und einzelne Personen im Publikum meinten, er müsse eine besonders schreckliche kriminelle Tat begangen haben.

Haben Sie durch diese kreativen Angebote bei den Insassen Entwicklungen beobachtet, die Sie nicht vermutet hätten?

Insgesamt habe ich mich manchmal gewundert, wohin sie sich entwickelt haben. Das war für mich erstaunlich, da Insassen im Gefängnis oft ein Image des „Coolen“ aufbauen. Sie sind bemüht, das Gesicht nicht zu verlieren. Manchmal müssen sie sich auch schützen, da auch gewalttätige und sexuelle Übergriffe passieren.

Fanden nach den Theaterstücken auch noch Gespräche zwischen den Besucher:innen und den Insassen statt, die in diesem Fall die Schauspieler waren?

Ja, immer. Das Publikum konnte Fragen zum Stück stellen. Einmal wollten die Besucher:innen aus Neugierde wissen: „Wer von euch ist am längsten in der Justizanstalt?“ Einer hat geantwortet: „Die Frau Sandberger“. Was auch richtig war. Denn die Insassen mit einer lebenslangen Haftstrafe können nach 15 Jahren um bedingte Entlassung ansuchen, und ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon fast 30 Jahre in der Justizanstalt gearbeitet.

Sabine Sandberger | Foto: Reinhard Winkler

Als Cliniclownin erlebe ich manchmal wunderbare Momente.

Sie haben das coole Image erwähnt, das die Insassen manchmal aufbauen. Dauert es auch bei den Einzeltherapien lange, bis Sie ein Vertrauensverhältnis zu den Insassen aufbauen können?

Es braucht Zeit, bis sie Vertrauen aufbauen. Ich starte nie mit der Straftat, da würden sie mir und sich eine geschönte Version erzählen. Ich beginne mit der Kindheit und dem Werdegang, damit ich ein Gefühl bekomme, wie dieser Mensch tickt.

Sie sind bei den Therapien allein mit den Insassen, gab es schon Situationen, in denen Sie ängstlich wurden?

Ängstlich nicht, aber vorsichtig. Einmal bei einem Erstgespräch fragte ich gegen meine Gewohnheit einen Insassen, der seine Freundin umgebracht hatte, aus dem Bauch heraus, wie denn diese Freundin ausgesehen hat. Und er hat geantwortet: „So wie Sie“. In so einem Moment ist es besser für mich und den Klienten, ihn an einen Kollegen oder eine Kollegin weiterzuvermitteln, da eine gefährliche Übertragung passieren kann.

Ich kann mir vorstellen, dass der Gefängnisalltag, die Therapien und auch Ihre Arbeit als Cliniclownin oft an Ihrer Substanz zehren. Was baut Sie in diesen Situationen wieder auf?

Es ist manchmal sehr viel. Aber es ist auch ein großes Privileg, wenn sich Menschen einem anvertrauen. Und manchmal bin ich ganz berührt, wenn Menschen mit einer sehr traumatischen Lebensgeschichte, bei denen ich mich nicht gewundert hätte, wenn sie durch ihre Vorgeschichte ins Gefängnis oder für lange Zeit in die Psychiatrie gekommen wären, trotz allem dann ein bemerkenswert gutes Leben geschafft haben. Ich denke dabei vor allem an eine ältere Frau in meiner freien Praxis mit einem furchtbar sadistischen Vater und einigen Schicksalsschlägen, die eine großartige Tochter großgezogen hat und über viel Humor und eine große Portion Lebensfreude verfügt. Wenn Menschen, die in ihrer Kindheit wenig Sicherheit hatten und dennoch fest und zufrieden im Leben stehen, dann grenzt das für mich oft fast an ein Wunder.

Sabine Sandberger | Foto: Herwig Prammer

Sabine Sandberger ist 1968 in Linz geboren und studierte in Wien Psychologie sowie in New York Schauspiel und absolviert regelmäßig Weiterbildungen als Clownin. Seit 30 Jahren ist Sabine Sandberger Psychotherapeutin in der Justizanstalt Garsten und war dort Leiterin eines kreativen Projekts. Seit einigen Jahren arbeitet sie auch in freier Praxis.

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