Produktionen ohne Premierenaussicht

Interview mit Hermann Schneider, Thomas Königstorfer und Markus Poschner

  • 18. März 2021
  • |
  • Text: Redaktion

Im Linzer Landestheater bleibt der Vorhang derzeit geschlossen. Was passiert in den Häusern, probt das Ensemble eigentlich und wie sieht der Alltag aus? Das sind Fragen, die sich auch das Publikum des Linzer Landestheaters stellt. Silvana Steinbacher im Gespräch mit Intendant Hermann Schneider, Geschäftsführer Thomas Königstorfer und dem Chefdirigenten des Bruckner Orchesters Markus Poschner über Produktionen im Warteraum, Hindernisse und mögliche Perspektiven.

Herr Intendant Schneider, das Wiener Burgtheater hat während der Pandemie bisher vier Spielpläne entwickelt, die nicht realisiert werden konnten. Wie sieht es dahingehend im Linzer Landestheater aus?

Im Unterschied zum Burgtheater haben wir sieben Spielpläne entwickelt. Wir erleben seit vergangenem Herbst eine Stop-and-go-Politik. Diese Entscheidungen und Revisionen von Entscheidungen sind psychotechnisch, aber auch ökonomisch sehr belastend. Seit dem Jahreswechsel haben wir dann nicht mehr mit einer fixen Planung gerechnet. Inzwischen sind 15 Produktionen zur Premierenreife gebracht, und wir befinden uns in der absurden Situation, diese Produktionen zu „beproben“. Das heißt, wir haben sie, um es mit einem Bild zu verdeutlichen, ins Tiefkühlfach gelegt, wir können sie aber jetzt nicht einfach nur in die Mikrowelle stellen, sondern müssen sie dann immer auch ein wenig neu zubereiten und darin besteht auch unsere bildhaft gesprochen gastronomische Tätigkeit.

Die Künstler*innen wissen also nicht, wann und ob sie überhaupt auftreten können. Ich kann mir vorstellen, dass dies für das Ensemble irritierend wirkt.

Schneider: Ja, es entstehen Verletzungen. Die Stimmung im November war ausgezeichnet, die Künstler*innen konnten wieder proben, das hatten sie im Frühjahr nicht. Jetzt aber wissen sie, dass all das, was sie an Probenarbeit investieren, möglicherweise niemanden erreicht. Unser Werk vollendet sich aber nur durch das Publikum. Man sät, aber man erntet nicht, und das ist verheerend, ein Schmerz! Ich merke, dass die Künstler*innen dünnhäutig, deprimiert werden. Die ästhetische Vermittlung bekommt keine Erfüllung. Wir sind sozusagen um unser Zentrum gebracht.

Herr Poschner, unter welchen Bedingungen arbeiten Sie als Chefdirigent des Bruckner Orchesters mit den Musikerinnen und Musikern. Tragen Sie während der Proben Masken?

Wir proben und spielen alle mit Maske. Das ist für einen Dirigenten schon ziemlich kurios, denn ich agiere ja auch mit Mimik. Die Situation ist aber auch nicht angenehmer für die Streicher*innen beispielsweise. Unser Bereich ist sehr sensibel, und das ist eine neue Ausgangslage für uns alle, auf die wir uns einstellen mussten.

Foto: Herwig Prammer

Herr Königstorfer, die Häuser müssen gewartet werden, es gibt eine Kernmannschaft, die durchgehend arbeitet, und auch die Verwaltung hat, nehme ich an, ein großes Pensum zu absolvieren. Wie sieht die finanzielle Situation derzeit aus?

Was uns nüchtern betrachtet fehlt, sind die Karten, die wir sonst verkaufen, was unsere Gastronomie anbietet, die Programmhefte, all diese Erlöse fehlen. Natürlich haben wir nicht so viel an Geld auszugeben, wenn wir nicht jeden Abend spielen. Im Gegensatz zu anderen Kulturveranstaltern sind wir jedoch ein Ensemble- und kein Bespieltheater, was heißt, dass Ensembles wie auch die technische Crew im Hintergrund weiter beschäftigt sind. Die Kosten sinken nicht von hundert auf null. Es gilt daher die wirtschaftlichen Perspektiven zu justieren, um die betreffenden Ressourcen zu sichern. Es gibt Gott sei Dank auch die Bereitschaft des Landes als Eigentümer, uns mit einem Betrag von zusätzlichen 4,3 Mio. Euro zu unterstützen. Durch dieses wirtschaftliche Geflecht werden wir gestützt. So fallen wir nicht ungesichert. Die große Frage ist, wann wir wieder mit einer Normalität zu rechnen haben. Es bleibt eine Herausforderung, wie dieser Weg uns in die nächste Spielzeit führen wird.

Herr Königstorfer und Herr Schneider, Sie haben gemeinsam mit Vertreter*innen großer Kulturhäuser Österreichs Mitte Jänner einen Forderungskatalog an die Politik gerichtet, der unter anderem die Forderung enthält, es möge keine Schlechterstellung gegenüber der Gastronomie erfolgen, und, es mögen die Präventionskonzepte anerkannt werden. Haben sich darauf Konsequenzen oder Reaktionen gezeigt?

Königstorfer: In unserer Wahrnehmung ist der Dialog mit der Politik in Oberösterreich stets ein guter, und mit dem Bund hat er sich verbessert. Wichtig ist für uns nicht allein, wann wir öffnen, sondern viel mehr auch, unter welchen Rahmenbedingungen wir wieder öffnen werden können. Seit dem Jahreswechsel ist die Situation zunehmend verworren. Letztes Frühjahr stand die Frage im Raum: Wann geht es wieder los? Jetzt dreht sich alles um die Frage: Wie geht es wieder los? Viele Punkte sind nicht geklärt, beispielsweise die Frage des Abstands. Müssen wir einen oder zwei Meter Abstand halten? Wir wissen nicht, ob die nächtliche Ausgangssperre aufrechtbleiben wird. All das hat enorme Auswirkungen auf die dispositionelle Planung. Wir würden so gerne mit unseren Besucher*innen kommunizieren, aber alles, was wir sagen können, lautet: Bitte halten Sie uns die Treue, auch wir wissen nicht, wann und wie es weitergeht. Um zu Ihrer Frage zurückzukommen: Aus unserem Forderungskatalog hat sich noch nichts erfüllt, doch ich habe immerhin den Eindruck, dass man ein tieferes Verständnis für unseren Bereich bekommen hat. Wir hoffen jedenfalls, dass wir möglichst zeitgleich mit der Gastronomie die Theatersäle wieder öffnen dürfen.

Foto: Herwig Prammer

Herr Poschner, es wurde von vielen Kunst- und Kulturschaffenden beklagt, dass der Kunst- und Kulturbereich seitens der Politik eher stiefmütterlich behandelt wird. Was denken Sie darüber?

Mittlerweile gibt es ja schon beinah realsatirische Umstände. Wir müssen uns nur vor Augen führen, dass unsere Arbeit unter Freizeitkultur gehandelt wurde. Aber wenn diese Pandemie für eines, was jetzt absurd klingt, gut war, dann dafür, dass wir unser eigenes Tun verstärkt hinterfragen. Wir müssen zeigen, dass das Theater tatsächlich für das Zusammensein, das Seelenheil enorm wichtig ist. Ob mit oder ohne Virus, das ist unser tägliches Brot.

Herr Schneider, ein Begriff, der sich im vergangenen Jahr als ein prägender etabliert hat, ist Systemrelevanz. Im Sinne des bestehenden Spielzeitmottos Freiheit stellt sich auch die Frage, wie systemrelevant ist die Kultur?

Ich sträube mich ein bisschen gegen diesen Begriff, weil er impliziert, dass die Kunst systemrelevant sein sollte. Es würde bedeuten, dass wir Teil des Systems sind, so eine Art Hofnarren, um dem System zu dienen. Es geht aber vielmehr darum, dass wir grundlegend relevant und Teil der menschlichen Identität sind. Gestört hat mich die verkennende Wahrnehmung durch die Politik, doch ich denke, dass das aus Unbeholfenheit und Populismus formuliert wurde. 

Was hat Ihnen während der Lockdowns beruflich gesehen am meisten Sorgen bereitet? 

Schneider: Die Hauptsorge, die ich habe, ist die, dass wir über den Zeitraum nicht hinwegschauen können, nicht wissen, wie lange wir mit der Pandemie zu leben haben. Ich denke, wir werden das Virus nicht mehr völlig los, und die Risikominimierung wird immer unwahrscheinlicher, das ist meine Sorge. Das hat Auswirkungen auf uns als Gesellschaft, natürlich auch auf das Theater. Das Theater ist ein Nukleus, ein Kraftwerk in einer Gesellschaft. Die Vorstellung, dass die Gesellschaft ein Bezugssystem, ein Zentrum verliert, erfüllt mich mit Sorge.

Foto: Herwig Prammer

Mir scheint es erstaunlich, dass das Landestheater angesichts der zurückliegenden Ereignisse wieder mit einem Spielplan eröffnen kann, als wäre nichts geschehen. Wie war dies logistisch möglich?

Ab dem 18. Mai war es möglich, dass beispielsweise Einzelproben mit Sänger*innen stattfinden konnten. Auch die Tänzer*innen konnten sich in Form bringen. Seit Mitte Juni laufen die Proben. Dennoch ist vieles völlig anders. Alle nehmen ihre Kostüme mit nach Hause, es gibt viele hygienische Vorschriften, das bedeutet einen enormen Aufwand in jeder Hinsicht. Wir müssen an alles denken und alles regeln und manchmal immer wieder neu regeln. Der Einlass wird fast einem Boarding am Flughafen ähneln. Wir befinden uns ständig in einem Status der Unsicherheit. Auch die Fragen, wie wird die Garderobe geregelt, gibt es einen Mund-Nasen-Schutz und vieles mehr sind noch nicht restlos geklärt. Jetzt im Juni kennen wir viele Rahmenbedingungen zum Ticketing, Abstandsregeln etc. für den September noch nicht. Das ist für uns sehr problematisch, und ich hoffe, dass sich dies alsbald ändert.

Gegen Ende unseres Gesprächs möchte ich Ihnen noch eine persönliche Frage stellen. Sie haben eine Tochter im Kindergartenalter. Wird sie und ihre Generation Ihrer Meinung nach die „eingeschränkte Freiheit“ des Virus prägen und noch begleiten?

Meine Tochter weiß um Corona, sie trägt auch einen kleinen Mund-Nasen-Schutz. Im Gegensatz zu meiner Generation wird ihr wohl die Angstfreiheit, mit der ich aufgewachsen bin, fehlen. Meine Kindheitserinnerung ist ein Grundvertrauen unter der Devise: Mir kann nichts passieren! Das ist jetzt anders, wir müssen zu meiner Tochter sagen, komm den Leuten nicht zu nahe im Geschäft und auf der Straße. Natürlich hat sie auch bemerkt, dass ich wegen der Coronakrise zu Hause war. Ein Kind sollte aber in einer Atmosphäre des Grundvertrauens aufwachsen. Insofern glaube ich schon, dass die psychosozialen Folgen sich erst in einigen Jahren bemerken machen werden. Die Krise spiegelt unsere Gesamtsituation.

Haben sich in dieser Zeit, die auch Flexibilität und Kreativität von allen erfordert, Perspektiven oder ansatzweise positive Aspekte erschlossen, die Sie davor vielleicht so gar nicht bedacht haben?

Königstorfer: Ja, auch wenn manches nicht mehr als ein Puzzlesteinchen ist. Die Tatsache, dass unser Publikum die Getränke vor der Vorstellung bestellen musste, hat dazu geführt, dass die Pausen total entspannt abliefen, das wird über Corona hinaus einfließen, um den Komfort der Besucher*innen zu verbessern.

Poschner: Ich denke, es wird uns vieles noch mehr bewusst werden. Dass Theater auch ein Ritual als solches ist, dass es die berühmte atemlose Stille braucht, den Jubel, der nach dem Verklingen des Schlussakkords ausbricht. Und dass der Mensch erst dann berührt wird, wenn er sich in einer Gemeinschaft befindet. Wir vermissen es, Resonanz zu haben, das ist nicht über den Bildschirm reproduzierbar. Resonanz funktioniert nur über die Gemeinschaft.

Schneider: Die Blickrichtung besteht darin, dass wir multiperspektivisch denken und andere Ausdrucksformen und Themen finden. All die großen Räder, die gedreht wurden bei den Theater-Workshops, sind ja eigentlich obsolet geworden. Das heißt, die Bedeutung des Theaters ist wichtig, denn das Theater ist für sich stehend wichtig, weil die Menschen eine große Sehnsucht haben. Da müssen wir nun gar nichts mehr durch zeitgeistige Themen erzählen. Wir müssen dem Theater nicht mehr von außen eine Bedeutung implementieren.

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