Roma Janus im Gespräch mit Stephanie Lake und Robert Tinning über Auto Cannibal
Divine Mattter
Zwei Choreografinnen, zwei Perspektiven auf Schöpfung, Transformation und Erneuerung.
Roma Janus im Gespräch mit Stephanie Lake und Robert Tinning über Auto Cannibal
Roma Janus im Gespräch mit Stephanie Lake und Robert Tinning über Auto Cannibal
Mit Auto Cannibal gelangt eine international gefeierte Arbeit der australischen Choreografin Stephanie Lake erstmals auf eine europäische Bühne. Das Stück wurde 2019 in Beijing und Tianjin uraufgeführt, als Auftragswerk von ADC (Australasian Dance Collective) und Beijing Dance/LDTX für Matrix, einen Doppelabend mit dem chinesischen Choreografen MA Bo. Nun erlebt es mit TANZ LINZ seine Europäische Erstaufführung. Einstudiert hat es Robert Tinning, der selbst das Stück in Australien getanzt hat, gemeinsam mit der Choreografin Stephanie Lake.
Roma Janus: Der Titel macht das Publikum sehr neugierig. Wenn wir über Auto Cannibal sprechen – bezieht sich das auf die Bewegung?
Stephanie Lake: Ja, genau. Es geht nicht um Kannibalen, nicht darum, dass Menschen Menschen essen. Es geht um die Idee der Erneuerung, um das Wiederbeleben von Dingen, die man bereits hat. Als ich das Stück entwickelt habe, habe ich viel über Wiederholung nachgedacht – und über die Angst, die wir als Künstler:innen manchmal haben, uns zu wiederholen, immer wieder dasselbe zu machen oder unser eigenes Werk zu kannibalisieren, um ein neues zu schaffen. Ich habe das lange als etwas Negatives empfunden. Aber eigentlich finde ich es positiv: Es ist der Aufbau eines Stils, einer Handschrift, einer Stimme. Durch Wiederholung findet man seine choreografische Stimme. Die Entwicklung von Werken über die Zeit ist eher ein iterativer Prozess – sie sind alle Kapitel eines einzigen Buches. Man muss nicht bei jeder neuen Produktion das Rad neu erfinden. Jedes Stück ist Dünger für das nächste. Der Titel war einfach eine Möglichkeit, diese Idee auszudrücken.
Roma Janus: Auto Cannibal wurde ursprünglich von ADC und Beijing Dance/LDTX für den Doppelabend Matrix in Auftrag gegeben. Sie brachten das Stück dann nach Australien und nun nach Linz zu TANZ LINZ, wo es seine Europäische Erstaufführung erlebt. Was bedeutet Ihnen diese Reise des Werks?
Stephanie Lake: Ich finde es sehr passend zu den Themen des Stücks, dass es so viele unterschiedliche Leben in verschiedenen Teilen der Welt führt und sich mit jeder neuen Besetzung weiterentwickelt. Das ist eine meiner liebsten Eigenschaften des Tanzes: dass er um die Welt reisen und von Publikum überall verstanden werden kann, weil er nicht auf Sprache angewiesen ist.
Roma Janus: Stephanie, wie ist es für Sie, in Europa zu arbeiten?
Stephanie Lake: Oh, ich liebe es, es ist großartig. Es ist anders, es gibt Unterschiede zu Australien, aber ich finde es sehr inspirierend. Ich arbeite sehr gern mit neuen Tänzer:innen, das hält alles lebendig. Denn Tanz ist eine Kunstform, die lebt und atmet, die lebendig sein muss. Wenn ich sehe, wie meine Arbeit von neuen Tänzer:innen neu interpretiert wird, bleibt sie für mich am Leben. Aber es gibt eine andere Sensibilität: Europäische Tänzer:innen haben eine etwas andere Physis, einen anderen Ausbildungshintergrund, andere Einflüsse. Und das mag ich, denn so bekommt die Arbeit eine leicht andere Färbung. Das finde ich interessant, besonders bei diesem Stück, weil es um Wiederbelebung und Erneuerung geht. Es an neuen Tänzer:innen weiterleben zu sehen, ist also genau richtig. Sie sind wunderbar, und wie Robbie gesagt hat: Sie lösen Probleme sehr aktiv und übernehmen viel Verantwortung für sich selbst. Weil sie so reif sind und sich so gut kennen, gibt es eine echte, aktive Aneignung ihrer Rolle und des Stücks. Das schätze ich sehr.
Roma Janus: Robert, Sie haben in dem Stück selbst getanzt und kennen es aus Australien. Wie ist es, hier in Österreich, in Europa, daran zu arbeiten? Was ist anders?
Robert Tinning: Das ist interessant, weil ich mich in meiner eigenen Praxis besonders für Kulturelles interessiere, für das, was mit meiner tänzerischen Herkunft und meinem Hintergrund zu tun hat. Und gerade weil die Compagnie so international ist, ist es spannend, all die unterschiedlichen Bewegungstraditionen zu sehen – und darüber hinaus die kulturellen Bewegungstraditionen, die mit jeder verbunden sind. Da gibt es die große italienische Gruppe, unseren Brasilianer, die Spanier:innen … Sogar die kulturelle Art zu kommunizieren, dieses Temperament, fließt unweigerlich in die Art ein, wie man sich bewegt und tanzt. Das war für mich besonders unterhaltsam mitzuerleben – und dann zu sehen, wie es sich entwickelt. Denn sie haben diese Kameradschaft, fast wie eine Familie, weil sie so viel Zeit miteinander verbringen. Am Ende des Tages hat das für mich immer etwas Positives. Aber es gibt natürlich auch all die Schwierigkeiten, die entstehen, wenn man als Gruppe so viel Zeit miteinander verbringt, sozial, künstlerisch. Im Vergleich zu Australien ist das eine ältere Besetzung – bei uns liegt die Mitte der Karriere vielleicht bei Mitte zwanzig, und hier sind die meisten um die dreißig. Es ist schön, die Reife zu sehen, mit der sie diesen Raum navigieren. Es war beeindruckend zu beobachten, wie sie mit dieser so intensiven künstlerischen Beziehung zueinander umgehen und Probleme, die auftauchten, in Echtzeit lösen. Ich musste nichts managen. Dadurch konnte ich mich ganz auf den Tanz konzentrieren, und ich habe gesehen, dass auch sie sich ganz auf den Tanz konzentrieren wollten. Für alle, die etwas unterrichten, ist das wahrscheinlich eines der schönsten Gefühle, weil man sich im Raum wertgeschätzt fühlt. Und ich habe mich von ihnen wirklich wertgeschätzt gefühlt. Ich hatte eine phänomenale Zeit, zumal sie alle auch phänomenale Tänzer:innen sind – in beiden Stücken, und ich kann mir vorstellen, in jedem Stück, das sie tanzen. Es war eine phänomenale Gruppe, mit der ich arbeiten durfte, und ich bin euch beiden sehr, sehr dankbar für diese Erfahrung.
Roma Janus: Welche Rolle spielt die Gruppe als kollektiver Körper in diesem Stück?
Stephanie Lake: Die Beziehung zwischen den einzelnen Tänzer:innen und der kollektiven Gruppe steht im Zentrum dieser Arbeit. Zwischen den Tänzer:innen besteht eine starke gravitative Anziehung – sie stehen immer in Beziehung zueinander, immer in körperlicher Kommunikation. Ob explizit in Form von Duetten und anderen Partnerarbeiten oder in engem Unisono: Die Energie des Ensembles ist die treibende Kraft des Stücks.
Roma Janus: Darf ich Sie fragen, warum Ihnen die Wahl der Kostüme so wichtig ist? Sie sind sehr minimalistisch.
Stephanie Lake: Ich glaube, das erlaubt, dass die Choreografie im Mittelpunkt steht. Ein Werk wie dieses verlangt nach einer gewissen Einfachheit, weil die Komplexität in der Bewegung, im Detail und im Sound liegt. Die Schlichtheit und Einheitlichkeit des Bildes hilft dem Publikum, dieses Element an einem ganz einfachen Ort ruhen zu lassen – damit die Komplexität der Bewegung und der Beziehungen im Vordergrund steht. Gäbe es zu viele komplexe Elemente, wäre es schwieriger, die choreografische Information aufzunehmen. Mir gefällt also diese Schlichtheit des Bildes. Es ist wahrscheinlich sogar das minimalistischste Design all meiner Stücke. Normalerweise habe ich viele Kostümwechsel, große Bühnenbilder oder starke visuelle Statements. Aber dieses Stück ist ganz bewusst visuell sehr einfach gehalten, damit Choreografie und Klangwelt im Vordergrund stehen. Robbie, du warst in vielen meiner Stücke mit vielen Kostümwechseln und viel visueller Information – aber hier bin ich einen anderen Weg gegangen.
Roma Janus: Was wünschen Sie sich, dass das Publikum aus der Vorstellung mitnimmt?
Stephanie Lake: Ich hoffe, dass es Freude daran hat, in eine ungewöhnliche Welt entführt und auf eine überraschende Reise mitgenommen zu werden. Ich hoffe, das Publikum wird von der Musik berührt und ist erstaunt über das Können und die Kunstfertigkeit der Tänzer:innen.
Roma Janus: Welche Themen beschäftigen Sie derzeit als Künstlerin am meisten?
Stephanie Lake: Ich denke viel darüber nach, wie kleine Details eigentlich die größte Bedeutung tragen – ein bisschen wie im Leben. Ich denke oft über Dualitäten nach: Leben und Tod, Geborgenheit und Konflikt, Kälte und Wärme. Ich denke über neue, spannende Kollaborationen nach und über die Arbeit mit Elementen außerhalb meiner Komfortzone. Ich bin immer fasziniert von Liebe und Beziehungen, aber auch vom feinen Tanz zwischen individueller Freiheit und der Verantwortung gegenüber dem Kollektiv. Vor allem aber denke ich darüber nach, welches Privileg es ist, Künstlerin zu sein – und welche Freude der Tanz bereitet, sowohl im Tun als auch im Zusehen.
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