Freiheit bedeutet auch moralische Verantwortung.

Intendant Hermann Schneider im Interview

  • 2. September 2020
  • |
  • Text: Redaktion

Das Motto der Spielzeit 2020/2021 hat durch die Corona-Krise eine unvorhersehbare Aktualität bekommen. Unsere Freiheitsrechte wurden schon lange nicht mehr so oft und so kontrovers diskutiert wie in diesen Tagen. Im Gespräch mit Silvana Steinbacher spricht Intendant Hermann Schneider unter anderem über eine Neudefinition unseres bisherigen Freiheitsbegriffs, die Krise als Brandbeschleuniger des Kapitalismus und den Alltag im Theater als Jonglieren unter stets wechselnden Bedingungen.

Herr Intendant, Sie haben als Motto der kommenden Spielzeit den Begriff der Freiheit gewählt. Ich habe unter Google bei der Stichwortkombination Corona und Freiheit rund 35 Millionen Ergebnisse gefunden. Dieses nun sehr aktuelle Motto haben Sie allerdings schon vor der gegenwärtigen Krise gewählt.

Ja, schon vor fünf Jahren. Doch jetzt hat die Frage der Freiheit eine große neue Aktualität erhalten, weil wir alle den Eindruck haben, es gibt eine Art Freiheit nach den Einschränkungen. Plötzlich hat dieses Wort nicht nur eine philosophische Bedeutung, sondern auch eine praktische. Corona ist zu einer Art Brandbeschleuniger des Kapitalismus geworden, auch nach dem Prinzip des Survival of the Fittest, also wer ist getestet und wer nicht. Auch ich habe zwar die Verordnungen eingehalten, aber ich fand es hochspannend, dass die Leute die Einschränkungen in einem vorauseilenden Gehorsam befolgt haben. Ich habe mich gefragt, wie hätten die Menschen reagiert, wenn die vorangegangene Koalition diese Verordnungen getroffen hätte. Mit der FPÖ wären dieselben Verordnungen zu einem ganz anderen Statement geworden.

Freiheit hat für uns auf jeden Fall ein Gesicht bekommen, denke ich.

Auf jeden Fall hat Freiheit jetzt eine konkrete Bedeutung bekommen. Wir sind jetzt in der Lage zu sagen, welche bürgerlichen Freiheiten wir haben und welche existieren im Handumdrehen nicht mehr. Was ist der Preis für Freiheit? Die Biologie, um es so schnöde zu sagen, ist wichtiger als die Freiheit.

Foto: Herwig Prammer

Freiheit ist für die Generation, die ab den 1950er-Jahren in unseren Breiten geboren wurde, schon selbstverständlich geworden. Das hat sich durch die Corona-Krise erstmals verändert, denn die Freiheit wurde auch dadurch eingeschränkt, dass sich jeder Mensch nun nicht nur fragen musste, wie sehr er sich selbst gegenüber verantwortlich handelt, sondern auch anderen gegenüber.

Freiheit, so habe ich den Eindruck, wird oft mit Konsum verwechselt. Sie bedeutet aber ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Für mich ist die Grundsatzfrage nicht frei wovon, sondern frei wozu. Es ist auch ein Akt von Freiheit, anderen nicht schaden zu wollen. Freiheit bedeutet auch eine moralische Verpflichtung und Verantwortung, das wird oft als Gegensatz zu Freiheit gesehen, doch ich denke, das ist es nicht. Diese Themen sind auch für uns ein Auftrag, darüber müssen wir nachdenken und das müssen wir auf die Bühne bringen.

Freiheitsrechte bilden in der heutigen Zeit eine Kategorie der Grundrechte für jeden Menschen, in der Antike aber galten sie noch als Privileg der Gebildeten und der Oberschichten. Diese Konstellation konnten wir jetzt wieder beobachten.

Das ist richtig, auch wenn wir weit in der Geschichte zurückgehen zu den großen Pestepidemien, da sind bestimmte Kulturleistungen während einer Epidemie entstanden. Die Upper- class hat sich im 15. Jahrhundert aufs Land zurückgezogen. Dadurch hat sich auch die Architektur und der Lebensstil einiger Menschen verändert. Die berühmten Villen Palladios waren als Rückzugsort, als Landsitz gedacht, in dem man alles zur Verfügung hatte, was auch in Florenz beispielsweise möglich war.

Foto: Herwig Prammer

Damals versuchten jene, die es sich leisten konnten, sich ihr Leben so gut es geht am Land einzurichten, das ist in unserer digitalisierten Welt nicht mehr nötig. Auf den ersten Blick scheint auch die Verschiebung hin zu Homeoffice für viele eine Erleichterung zu sein. Es stellt sich die Frage: Erleichterung und auch Freiheit für wen?

Die Problematik der Arbeitswelt wird auf die Gesellschaft zurückprojiziert. Der Immobilienmarkt könnte sich verändern, wenn Familien noch ein zusätzliches Zimmer, ein Büro brauchen, wer aber zahlt diese größere Wohnung? So mancher Firmenchef, so manche Firmenchefin könnte feststellen, ich brauche gar nicht mehr so viele Büros, ich kann weniger investieren. Ein zweiter Aspekt sind die Videokonferenzen, sie gab es ja schon, aber sie hatten nicht die Relevanz wie in den vergangenen Monaten. Um ein Beispiel zu nennen, wir als Intendantengruppe der Theater haben während der Corona-Krise auch auf diese Weise kommuniziert, früher haben wir uns getroffen, das war natürlich viel persönlicher, wir sind danach etwa essen gegangen. Jetzt musste man immer maskenhaft gestylt bleiben, ist ständig unter Kontrolle.

Bei den ersten Veranstaltungen nach der Aufhebung einiger Einschränkungen war die einhellige Reaktion des Publikums, dass das Erleben vor Ort kein Online-Konzert je ersetzen kann. Wird das Theater, so wie wir es kennen, Ihrer Einschätzung nach weiter bestehen bleiben?

Ich komme mir ein bisschen altklug vor, einige junge Schauspieler*innen und Dramaturg*innen meinten, wir müssen streamen, wir müssen dieses und jenes. Das haben wir auch gemacht, denn ich wollte diesem Mitteilungsbedürfnis unserer Mitarbeiter*innen Rechnung tragen. Ich habe allerdings aus einem Kulturpessimismus heraus eine herzliche Abneigung gegen solche Umsetzungen. Die Lektüre eines Kochbuchs macht mich ja noch nicht satt. Die Handwerkskunst von uns wird dabei reduziert auf flimmernde Bildchen. Das ist eine Tendenz auf künstlerischer und politischer Seite unter der Devise, eigentlich bräuchten wir keine Theatergebäude, das wäre doch sogar für die Wirtschaft förderlicher. Diese Schilderungen sind natürlich eine ironische Dystopie. Das Schöne am Theater ist, dass Social Distancing eben nicht stattfindet, wenn ich gemeinsam etwas erfahre, mit meinem Sitznachbarn in der Pause über das Stück diskutiere. Wir sind kein Download, sondern man muss zu uns kommen.

Foto: Herwig Prammer

Mir scheint es erstaunlich, dass das Landestheater angesichts der zurückliegenden Ereignisse wieder mit einem Spielplan eröffnen kann, als wäre nichts geschehen. Wie war dies logistisch möglich?

Ab dem 18. Mai war es möglich, dass beispielsweise Einzelproben mit Sänger*innen stattfinden konnten. Auch die Tänzer*innen konnten sich in Form bringen. Seit Mitte Juni laufen die Proben. Dennoch ist vieles völlig anders. Alle nehmen ihre Kostüme mit nach Hause, es gibt viele hygienische Vorschriften, das bedeutet einen enormen Aufwand in jeder Hinsicht. Wir müssen an alles denken und alles regeln und manchmal immer wieder neu regeln. Der Einlass wird fast einem Boarding am Flughafen ähneln. Wir befinden uns ständig in einem Status der Unsicherheit. Auch die Fragen, wie wird die Garderobe geregelt, gibt es einen Mund-Nasen-Schutz und vieles mehr sind noch nicht restlos geklärt. Jetzt im Juni kennen wir viele Rahmenbedingungen zum Ticketing, Abstandsregeln etc. für den September noch nicht. Das ist für uns sehr problematisch, und ich hoffe, dass sich dies alsbald ändert.

Gegen Ende unseres Gesprächs möchte ich Ihnen noch eine persönliche Frage stellen. Sie haben eine Tochter im Kindergartenalter. Wird sie und ihre Generation Ihrer Meinung nach die „eingeschränkte Freiheit“ des Virus prägen und noch begleiten?

Meine Tochter weiß um Corona, sie trägt auch einen kleinen Mund-Nasen-Schutz. Im Gegensatz zu meiner Generation wird ihr wohl die Angstfreiheit, mit der ich aufgewachsen bin, fehlen. Meine Kindheitserinnerung ist ein Grundvertrauen unter der Devise: Mir kann nichts passieren! Das ist jetzt anders, wir müssen zu meiner Tochter sagen, komm den Leuten nicht zu nahe im Geschäft und auf der Straße. Natürlich hat sie auch bemerkt, dass ich wegen der Coronakrise zu Hause war. Ein Kind sollte aber in einer Atmosphäre des Grundvertrauens aufwachsen. Insofern glaube ich schon, dass die psychosozialen Folgen sich erst in einigen Jahren bemerken machen werden. Die Krise spiegelt unsere Gesamtsituation.

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