Blaues Blut vs. Theaterblut

Skandale und Liebesgeschichten von Fürsten und Künstlerinnen

PremierenfieberOperetteDieCsárdásfürstin

Wien/Budapest 1914. Höchste Aufregung in den Kreisen der Hocharistokratie. Edwin, der Spross der angesehenen Fürstenfamilie Lippert Weylersheim setzte sich bei der Wahl seiner Partnerin über alle Standesgrenzen hinweg und verlobte sich mit der Bürgerlichen Sylva Varescu. Wäre das schon Anlass genug für einen Skandal, kommt erschwerend hinzu, dass besagte Dame in Budapest der Welt des Varietés angehört und dort in diesen anrüchigen Kreisen als Chansonette und Tänzerin gefeiert wird.

Wien/Budapest 1914. Höchste Aufregung in den Kreisen der Hocharistokratie. Edwin, der Spross der angesehenen Fürstenfamilie Lippert Weylersheim setzte sich bei der Wahl seiner Partnerin über alle Standesgrenzen hinweg und verlobte sich mit der Bürgerlichen Sylva Varescu. Wäre das schon Anlass genug für einen Skandal, kommt erschwerend hinzu, dass besagte Dame in Budapest der Welt des Varietés angehört und dort in diesen anrüchigen Kreisen als Chansonette und Tänzerin gefeiert wird.

So oder ähnlich könnte man den zentralen Konflikt, der die Handlung von Emmerich Kálmáns beliebter Operette Die Csárdásfürstin bestimmt, in einer fingierten Pressemitteilung zusammenfassen.

Charme und Charisma

Klingt diese Geschichte von der Liaison eines Grafens mit einer Tänzerin nicht zu sehr nach unglaubwürdigem Operettenklischee? Durchaus nicht! Denn die Historie hält etliche Beispiele solcher Partnerschaften und Liebesbeziehungen bereit. Das überrascht eigentlich in keiner Weise, denn wo gab es früher schon Gelegenheiten, bei denen Bürgerliche und Adlige in einer Konstellation aufeinandertrafen, in denen Standesunterschiede nur bedingt eine Rolle spielten und in denen Frauen überhaupt die Gelegenheit hatten, ihr Charisma, ihre Begabung und ihr Können zu präsentieren? Das war eben im Theater der Fall, wo die Persönlichkeit der Darstellerin ihre volle Entfaltungskraft entwickeln konnte, ihr bürgerlicher Stand hinter der Rolle aber verschwand.

So ist es eben kein Wunder, dass die Beziehung eines Adligen mit einer Künstlerin auffallend häufig in der Vergangenheit konstatiert werden konnte. Man denke nur an Fanny Elßler, die mit ihren Tanzkünsten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz Europa begeisterte. So soll nicht nur der Prinz von Salerno der Vater ihres Sohnes gewesen sein, sondern sie war auch lange Jahre mit dem Chevalier Friedrich von Gentz liiert, der als Sekretär des Fürsten Metternich von großem politischen Einfluss im damaligen Wien war.

Foto: KI-generiert von Christoph Blitt

Der Grossherzog und die Diva

Wilde Spekulationen gab es seinerzeit auch über die Beziehung des Opernstars Mafalda Salvatini zu dem Großherzog Adolf Friedrich VI. von Mecklenburg Strelitz. Der galt zu Beginn des 20. Jahrhunderts als einer der reichsten und begehrtesten Junggesellen in Europa. Entsprechend groß war das Interesse der Klatschpresse, als man am 24. Februar 1918 die Leiche des gutaussehenden Großherzogs im Kammerkanal der Residenzstadt Neustrelitz fand. Da die Umstände seines Todes bis heute nicht geklärt werden konnten, schossen schon damals wilde Vermutungen ins Kraut: Wurde er als vermeintlicher Spion in Kriegszeiten vom Geheimdienst ermordet? Kam er in einem Duell ums Leben? War es Selbstmord? Warum hat er aber seinem Leben ein Ende gesetzt? War er vielleicht gar schwul und wollte einer Entdeckung seines Begehrens ausweichen? Oder hatte ihn der Opernstar Mafalda Salvatini unter Druck gesetzt, dass er sich zu ihr und ihren beiden Söhnen als deren Vater bekennen sollte? Zumindest der letzte Punkt kann sicher widerlegt werden, wurden Mafaldas Kinder doch geboren, bevor sie Adolf Friedrich kennenlernte. Aber auch hier kann man sehen, dass eine – wie auch immer geartete – Beziehungen eines Adligen zu einer Künstlerin der Bühne oftmals für besonders wilde Spekulationen bei Klatschpresse und in der Gesellschaft sorgten.

Der Kaiser und die Schauspielerin

Oder wie genau war noch einmal die Verbindung von Kaiser Franz Joseph zu der Schauspielerin Katharina Schratt? War er wirklich nur ein Bewunderer ihrer überragenden Darstellungskunst oder spielten Fragen der Libido eine größere Rolle, als die Geschichtsschreibung gemeinhin zugestehen will? Und wie kann man dann das Engagement der Kaiserin Sisi verstehen, die die Verbindung ihres Gatten zu Katharina Schratt aktiv beförderte?

Die Liste ließe sich noch weiter fortsetzen: Man könnte etwa noch über die Tänzerin Lola Montez schreiben, deren Beziehung zum Bayernkönig Ludwig I. im Revolutionsjahr 1848 zu einem Politikum wurde; über die Ballerina Matilda Kschessinskaja, die angeblich den Zaren Nikolaus II. entjungfert haben soll; über die (Nackt-)Tänzerin Mata Hari, die als vermeintliche Doppelagentin und Liebhaberin hoher Politiker zu einem wahren Mythos aufstieg; oder über die Schauspielerin Grace Kelly, die als Gracia Patricia zur Fürstin von Monaco aufgestiegen ist.

In diesen modernen Zeiten jedoch, in denen ehemalige Komiker wie Wolodymyr Selenskyj seriöse Präsidenten werden können und in denen Präsidenten zu Clowns mutieren (hier werden jetzt keine Namen genannt), haben die Geschichten über die Verbindungen von Potentaten und Künstlerinnen zum Glück an Brisanz verloren. Dennoch haben sie nichts von ihrem Reiz eingebüßt, wie man an dem anhaltenden Erfolg von Kálmáns Csárdásfürstin erkennen kann.

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