19 | Warum es so schwer ist, Theater zu machen, wenn man kein Theater machen darf

19 | Warum es so schwer ist, Theater zu machen, wenn man kein Theater machen darf

  • 7. Juli 2020
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  • Text: Andreas Erdmann

Nach einer überaus erfolgreichen Saison 2019/20 musste das Landestheater Linz am 10. März 2020 von einem Tag auf den anderen wegen der Corona-Pandemie seinen Vorstellungsbetrieb einstellen. Und zwar bis zum 17. Juni.

Nachdem die Ansteckungsraten im Zuge der Lockerungsmaßnahmen wieder anstiegen, wurden ab dem 1. Juli bis Beginn der Schulferien wiederum alle Vorstellungen abgesagt.

Das war ein notwendiger Beitrag, um die explosive Ausweitung des Virus zu verhindern. Die Vorstellungsausfälle waren, nebenbei gesagt, auch ein Problem, das neben den Herausforderungen, die die Pandemie auf vielen anderen Ebenen brachte, überschaubar wirkte.

Von heute aus, nachdem unsere Gesellschaft eine große Arbeit getan hat, um das Schlimmste zu verhindern und ein Leben mit dem Virus zu erlernen, darf man aber auch mal sagen: Wir stellen fest, wie schrecklich das Theater fehlt, wenn keins gemacht wird. Es gehört zu unseren Gewohnheiten, zu unserer Kultur, zu unserer sozialen und geistigen Gesundheit. Und wir sehen, dass es, solange Menschen leben, auch Theater geben wird.

Warum es notwendig und sinnvoll war, den Vorstellungsbetrieb auszusetzen, muss ich hier nicht wiederholen. Trotzdem stellten einige Theatermacher*innen irgendwann Forderungen, die sich mit den Ratschlägen der Epidemiologen nicht ohne Weiteres vereinen ließen. Etwa in dem Sinn: Eine Bühne ist nur eine Bühne, wenn darauf alles erlaubt ist. Erstens müssten die Theater wieder aufgesperrt werden, zweitens dürfe es keine Auflagen für die Arbeitsweise der Schauspieler*innen auf den Proben und in Vorstellungen geben. Und wenn alles das nicht möglich sei, dann mögen drittens die Politiker*innen die Theater doch gleich endgültig zusperren.

Dass auf einer Bühne alles erlaubt sein muss (oder je gewesen wäre), ist theatergeschichtlich (aber auch juristisch gesehen) nicht völlig korrekt. Die im selben Zusammenhang erwähnte Eigenverantwortung der Schauspieler*innen scheint ebenfalls ein etwas schiefes Argument: Eigenverantwortung wäre dabei offenbar als Verkleinerungsform von Verantwortung gemeint: als müssten die Betreffenden eben nicht Verantwortung (für andere) tragen, sondern nur Eigenverantwortung (für sich selbst). Das müssen sie zwar auch, aber der Witz bei der Eindämmung einer Epidemie besteht ja eben darin, dass jeder, der sich selbst nicht infiziert auch niemand anderen infiziert: wer sich selbst schützt, schützt auch andere. Und somit gibt es keinen Unterschied zwischen Eigenverantwortung und Verantwortung.

In Wahrheit möchte ich die Kolleg*innen, die die oben formulierten Forderungen stellten, gar nicht kritisieren. Vielmehr muss man verstehen, dass diese Forderungen eine Art von Schmerzensschrei waren, der sich der gebeutelten Brust der Theatermacher*innen entrang, die kein Theater machen durften.

Und warum ist das so schwer?

Erstens ist es genauso schwer wie für alle anderen Menschen, nicht zur Arbeit gehen, nicht seinen Gewohnheiten obliegen, nicht die üblichen sozialen Kontakte pflegen zu können.

Zweitens fühlt es sich ein bisschen wie Apnoe-Tauchen für Menschen, die normalerweise höchstens in der Badewanne untertauchen, an. (Apnoe-Tauchen ist das, was Jean Reno in „Im Rausch der Tiefe“ macht: Hunderte von Metern tief tauchen ohne Sauerstoff.) Irgendwann hat man das Gefühl, man kommt da nicht mehr raus.

Drittens gibt es jenen großen Teil der Theaterszene, der nicht in ständigen Arbeitsverhältnissen, sondern von Werkvertrag zu Werkvertrag lebt. Das sind einerseits die Stars (die auch lieber normal weitergemacht hätten) und dann die sogenannten Freien: Schauspieler*innen und Künstler*innen, die durch den Lockdown einfach ohne Einkommen und ohne Arbeit sind. Die aber viel weniger als die Stars der Branche Gelegenheit hatten, finanzielle Polster anzulegen. Für diese Künstler*innen ist der Ausfall des Theaterbetriebs ausgesprochen schwer erträglich. Übrigens hängen auch die festen Kultur- und Theaterhäuser wie das Linzer Landestheater mit diesem Teil der Szene eng zusammen: So sind nahezu alle Regisseur*innen, Bühnenbildner*innen, Ausstatter*innen, die hier arbeiten, nach der oben genannten Definition freie Künstler*innen. Dazu kommen die Gäste, die in allen Sparten des Theaters – auf oder hinter der Bühne – auch ständig gebraucht werden. Die freie Szene hat also eine große Schnittmenge mit der Stadt- und Staatstheaterszene: Was die eine trifft, trifft immer auch die andere.

Und viertens stellt der Lockdown auch die festen Häuser, also die Theater mit einer Belegschaft von fix engagierten Künstler*innen und Mitarbeiter*innen vor ausgesprochen schwer zu lösende Aufgaben:

Erstens sind das finanzielle, da bei ausfallenden Vorstellungen auch die Ticketeinnahmen ausfallen. Diesen Ausfall können staatliche Theater in Österreich teilweise durch die Kurzarbeit ausgleichen.

Zweitens sind es planerische Schwierigkeiten.

Martin Kusej verglich das Burgtheater kürzlich im Interview mit einem Ozeanriesen, weil man den auch nicht plötzlich abbremsen oder beschleunigen kann. Das Herunter- und das Hochfahren eines solchen Betriebs braucht Zeit. Weil jedes Theater – auch wenn es nicht so groß ist wie das Burgtheater – das, was auf der Bühne stattfinden soll, zuerst planen muss. Und hat das Theater diese Planung abgeschlossen, muss es sie kommunizieren, weil auch die Besucher ihren Theaterbesuch planen müssen. Und erst dann können Tickets gekauft werden, und erst dann können Vorstellungen stattfinden. Und man ahnt schon das Problem: beinahe noch schwieriger als Pläne, die sich schlicht in Luft auflösen, sind Pläne, die sich ändern. In gewissem Sinn verlieren sie in unserem Zusammenhang ein Hauptcharakteristikum von Plänen, nämlich die Eigenart, dass sich verschiedene Parteien durch sie hinsichtlich zukünftiger Ereignisse koordinieren können.

Im Falle der Theater im Corona-Lockdown betrifft das logischerweise alle betroffenen Parteien: also Schauspieler, Publikum, alle Arten von betroffenem Personal und Zulieferbetrieben.

Und nachdem der absolute Lockdown der Theater irgendwann gelockert wurde, passierte genau das: Aufgrund der Sicherheitsbestimmungen konnten nicht einfach die Stücke aufgeführt werden, die die Theater ursprünglich für diese Daten angesetzt hatten. Die entsprachen nämlich meistens nicht den Sicherheitsauflagen. Nicht alle Theater hatten aber Stücke im Repertoire, die unter Corona-Bedingungen überhaupt spielbar waren, solche hätten also zuerst einstudiert werden müssen. Entsprechende Proben hatten aber während des Lockdowns nicht stattfinden können, da in Österreich in dieser Zeit auch der Probenbetrieb ausgesetzt worden war. Das ist der Grund, warum eine Reihe von Theatern in der Zeit der Lockerung im Juni keine Vorstellungen zeigen konnte, auch wenn das den Vorschriften nach wieder möglich, ja erwünscht gewesen wäre. Am Landestheater gab es dann eine Reihe von Künstlern, die Programme, welche sie in ihrem persönlichen Repertoire hatten und die als Soloabende stattfinden konnten, quasi ad hoc ins Programm hievten. Die Vorstellungen waren kraftvolle Demonstrationen der Vitalität dieses Theaters durch die Künstler aber ebenso auch durch ihr Publikum.

Nun wird Corona nach dem Sommer nicht vorüber sein. Die Änderung der Pläne schreibt sich fort. Es wird weiterhin Sicherheitsauflagen geben. Und für einige Projekte ist damit absehbar, dass sie nicht in der Form stattfinden können, für die sie eigentlich gedacht wurden. Darum wurden diese Vorhaben durch andere ersetzt, in der Hoffnung, dass man die den Auflagen dann anpassen kann. Wobei von diesen Auflagen heute auch noch niemand sagen kann, wie sie im Herbst dann genau aussehen. (Bitte lass es bloß Auflagen sein!)

Wieder andere Projekte, die eigentlich in der Zeit des Lockdowns hätten stattfinden sollen, sollen nachgeholt werden. Das allerdings führt, da jedes Theater in einer Saison nur eine begrenzte Zahl von Stücken produzieren kann, zu einer Kettenreaktion von Planänderungen. Und in dieser Kettenreaktion wirkt nicht nur jedes Theater auf sich selbst, verschiedene Theater sind durch die Zusammenarbeit mit denselben Künstler*innen planerisch miteinander verbunden: Wenn Theater A ein Stück der Regisseurin X in einen Zeitraum schieben will, in dem die Regisseurin am Theater B bereits eine Verabredung hat, ist guter Rat oft teuer. Wem soll sie jetzt den Vorzug geben? Wer kann welches Projekt leichter schieben? Und wenn das Theater B nun ebenfalls sein Projekt verschiebt, werden davon unter Umständen Verabredungen mit dem Regisseur Y tangiert und durch diesen wieder andere Theater, die mit diesem Regisseur Verabredungen haben.

Wenn man mehr Muße hätte, könnte man die Vorfahrtsregeln untersuchen, nach denen die Theater augenblicklich manchen Projekten den Vorrang vor anderen Projekten und nach denen die Künstler*innen manchen Theatern den Vorrang vor anderen Theatern geben. Am Ende werden in diesem Verschiebespiel nicht alle Verabredungen nur verschoben werden können. Manche lösen sich auch auf.

Beinahe noch unangenehmer am Corona-Loch ist aber außerdem die Unbestimmtheit seiner Grenzen. Die meisten Theater können klar sagen, wann das Loch für sie begonnen hat. Aber solange wir darin stecken, kann niemand mit Bestimmtheit angeben, wann es wieder zu Ende sein wird. Was das bedeutet, konnte man im Frühjahr sehen, als die Pläne der Theater zum ersten Mal ins Wanken kamen, aber alle hofften, dass in ein paar Wochen – später: ein paar Monaten – der Spuk wieder vorbei sein würde. Viel geistige Energie wurde in dieser Zeit in Pläne investiert, die dann niemals umgesetzt wurden. Verabredungen und Verträge mussten aufgelöst werden, oft nachdem man zuvor wochenlang darum gerungen hatte, sie zu retten.

Theater ist das Medium der „Echtzeit“, darum lebt es von Terminen. Termin heißt im Lateinischen das Grenzzeichen, übertragen auf die Zeit bezeichnet es ein bestimmtes Datum. Und eben das bietet die Pandemie nicht.

Wir werden also planen und akzeptieren, dass die Pläne – ähnlich Ludwig Wittgensteins Leitern zur Erkenntnis – nur Hilfsmittel sind, die wir am Ende wegwerfen können. Wir werden in unsere Pläne „Luft“ einbauen, also Sicherheitsabstand zu möglichen Problemen, die dann vielleicht auftauchen, vielleicht aber auch nicht.

Wir werden es so ähnlich machen müssen, wie die ganze Menschheit es zur Zeit tun muss.

Denn wir sehnen uns danach, dass die Rampenlichter wieder angehen, nach den Schauspielern, dem Publikum.

Die einzige Gewissheit, die wir haben, ist, dass es, solange Menschen leben, auch Theater geben wird.

Bleiben Sie gesund. Bis bald.