5 | Die sogenannte Fassung

5 | Die sogenannte Fassung

  • 18. November 2019
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  • Text: Andreas Erdmann

In den letzten Teilen dieses Blogs habe ich versucht herauszuarbeiten, inwiefern Stück-Besetzung und Verhandlungen über die Besetzungen heute einen großen Teil der Arbeit der Theaterleitungen ausmachen, und wie diese Arbeit durch Veränderungen im System der Stadttheater mehr geworden ist.

Hier noch mal in einer Nussschale: Die verschiedenen Stückbesetzungen beeinflussen einander, tatsächlich beeinflusst jede Rollenentscheidung im Laufe einer Spielzeit jede andere. Alles hängt mit allem zusammen. Da die Theaterleitungen heute mit mehr Regisseur*innen im Lauf einer Saison zusammenarbeiten, und da die Regisseur*innen sich meistens parallel auf Inszenierungen in drei oder vier verschiedenen Städten vorbereiten, sind die Rollen-Besetzungen bei Verabschiedung des Spielplanes nicht fertig. Da aber jede Besetzung mit jeder anderen zusammenhängt, sind die Besetzungen erst fertig, wenn die letzte Rolle einer Produktionsphase (nennen wir sie „Premierenrunde“) vergeben ist. Das heißt, wenn der letzte Regisseur seine Fassung gemacht und alle Rollen in seinem Stück verteilt hat.

Da der Spielplan allerdings viel früher, bis zu einem Jahr oder auch noch früher, veröffentlicht wird, muss das Theater in der Zwischenzeit mit Planspielen und -entwürfen arbeiten. Um zum Beispiel Fragen zu beantworten wie: welches Stück kann neben welchem anderen Stück geprobt werden, können zwei bestimmte Stücke gleichzeitig besetzt werden, passen deren Rollen zum Ensemble usw. Die Pläne, welche die Theaterleitungen gemeinsam mit den Dramaturg*innen zu diesem Zwecke anfertigen, zeigen aber nicht das Endszenario an, sondern sollen Aufschluss über die grundsätzliche Realisierbarkeit aller Ideen in der vorgeschlagenen Reihenfolge geben. Wenn die Planspiele der späteren Realität relativ nahe kommen, ist das gut. Wenn sie den Widerspruch der Regisseur*innen provozieren, die sich die Besetzungen ihrer Stücke völlig anders vorstellen, ist das auch gut. Das bedeutet, dass sich die Verhandlungen zwischen Theater und Regie lange über den Termin der Spielplanvorstellung hinaus fortsetzen. Und diese Verhandlungen enthalten auch noch eine Reihe weiterer Positionen. Um nur einige zu nennen: die Verabredung der Probenzeiten (wann ein Regisseur überhaupt zur Verfügung steht – das ist normalerweise die erste Frage), die Besetzung des sogenannten Leading-Teams (Regie, Bühne, Kostüm, gibt es einen Musiker? Braucht es Choreografie? Video? Sonst noch etwas?), wie sehen die Proben-, insbesondere die Endprobenbedingungen aus (wie und wann stehen die Schauspieler*innen zur Verfügung, wann spielen sie andere Vorstellungen) und so weiter und so fort.

Und ein Element, das hier wesentlichen Einfluss nimmt – und das ebenfalls meist erst im Laufe der Verhandlungen Gestalt annimmt –, ist die sogenannte Fassung. Ich hatte ja schon angedeutet, dass die Dramaturg*innen heute nicht mehr einfach ins Regal greifen, ein Stück herausziehen, Seite 3 aufschlagen und dann alle Rollen, so wie sie da stehen, durchbesetzen. Jetzt werden Sie womöglich fragen: Aber warum spielen Sie denn nicht Stücke, die Sie so, wie sie geschrieben wurden auch besetzen können? Ja, wieso eigentlich nicht? Bei einigen modernen Stücken, sagen wir: den Well Made Plays des 20. Jahrhunderts geht das sogar. Bei den Klassikern geht es eben nicht. (Außer bei den alten Griechen, aber da kommt immer noch ein Chor dazu, den muss man auch erst einmal haben.) Und bei aktuellen Stücken (unter Dramaturgen gern auch „Texte“ genannt) findet sich als Personenangabe immer häufiger die Formel „Besetzung variabel“. 

Die zeitgenössische Dramatik reagiert ebenfalls auf die strukturellen Umwälzungen an den Schauspielhäusern. Theaterformen insgesamt werden diverser, mit ihnen die Angebote der Theater an das Publikum, und alles trägt sich zu unter der Herrschaft dessen, was im In- und Ausland als „Deutsches Regietheater“ bekannt ist: eine Theaterform, die, kurz gesagt, den Regisseur als den zentralen Künstler in dem Kollektiv, das eine Aufführung erarbeitet, betrachtet und in der der Regisseur zum Ko-Autor sowohl des Dramentexts als auch der Rollenarbeit seiner Darsteller*innen aufsteigt. Und alle diese Entwicklungen schlagen sich auch auf der Ebene der gespielten Texte, also jener „Textfassungen“ nieder, auf die wir uns hier langsam zuarbeiten: Da können Stücke komplett umgeschrieben, nachgedichtet, in der dramaturgischen Form aufgelöst werden – aus Dialogen werden Chortexte oder gar die sogenannten „Textflächen“. Und insbesondere die Klassiker überstehen all diese Eingriffe mit ewig jugendlicher Frische und werden heute sogar wieder in Versionen aufgeführt, die sich den Vorstellungen der Autoren annähern. (Das wird – naturgemäß – ein eigenes Kapitel: Regietheater versus „Werktreue“. Aber das kommt noch.)

Ein besonderes Phänomen der letzten Jahre, das das Thema Textfassung und dramaturgische Textarbeit geradezu zusammenfasst, ist die beliebte und berüchtigte Romanbearbeitung. Was es aber damit auf sich hat, warum seit ein paar Jahren landauf landab Romane (oder Spielfilme oder Filme nach Romanen oder Romane nach Filmen) auf die Bühnen gebracht werden und warum nun ausgerechnet diese Romanbearbeitungsaufführungen unter den unzähligen Spielarten unseres Theaters uns besondere Einsichten in das Theatersystem und das Denken seiner Dramaturg*innen geben sollen, diesem Thema will ich mich im nächsten Teil zuwenden.    

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„Nichts ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist“, steht in einem Roman, dessen Titel mir gerade entfallen ist. Und eigentlich sollte man denken, dass Fragen hinsichtlich von Macht, Repräsentanz und Fairness, über die sich dieser Blog in Bezug auf das Theater in den letzten Wochen beugte, in einer demokratischen Gesellschaft immer aktuell sind. Dasselbe müsste auch für Fragen nach Geschlechtergerechtigkeit und Präsenz von Frauen gelten. Tatsächlich haben Arbeitsgruppen seit den Nuller-Jahren unseres Jahrhunderts intensiv daran gearbeitet, diese Themen ins Bewusstsein der Gesellschaft (und der Theaterleute) zu heben. Diese Ideen wurden demnach mächtig, weil ihre Zeit gekommen war. Aber warum ist das eigentlich gerade jetzt?

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Da wir schon einmal bei aktuellen Schocker-Themen sind, kommt heute gleich das nächste: Böse Klassiker. In den vergangenen Jahrzehnten galt am deutschsprachigen Stadttheater die Faustregel, dass zwar die deutschen Nationalklassiker manchmal irren (also Schiller immer dann, wenn er sexistisch, nationalistisch oder antisemitisch ist), dass aber eine Bastion existiert, die in ihrer Undurchschaubarkeit und Tiefe immer Recht behalten muss, quasi der Urmeter des europäischen Theaters: William Shakespeare. Las man Shakespeares Stücke lang und aufmerksam genug, musste man zu dem Schluss kommen, dass Shakespeare bereits alles wusste und wir Heutigen es im Zweifelsfall weniger gut wissen.

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Nun haben wir in drei Teilen das Thema Theater und Macht in handlichen Paketen abgefrühstückt. Aus der Innenperspektive ist die selbstkritische Revision, die die deutschsprachigen Bühnen gerade durchmachen, allerdings ein Riesenthema, das auch noch an viele andere Gebiete – Gendergerechtigkeit, politische Korrektheit, kontaminierte Klassiker usw. – angrenzt. Die Theater werden damit also so bald nicht fertig sein. Einige der erwähnten angrenzenden Themen sollten wir uns in den nächsten Wochen auch noch anschauen.

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  • 1. Dezember 2022

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Im letzten Teil haben wir gesehen, dass das Theater auf die eine oder andere Art immer schon vom Staat abhängig war (und wo kein Staat war, waren Fürsten) – beziehungsweise abhängig gehalten wurde. (In einer Gesellschaft mit bedingungslosem Grundeinkommen wäre natürlich auch das Theater frei.) Das Wesen dieser Abhängigkeit bestand stets in der Kontrolle über die Inhalte des Spiels. Diese Zensur wurde dadurch erleichtert, dass die Theater entweder ein Repertoire geschriebener Stücke hatten oder Improvisationen, die aus wiederkehrenden Versatzstücken bestanden. Wer die Kontrolle über diese Texte hatte, hatte auch die Macht über die Köpfe der Zuschauer:innen.

Schauspiel 21 | Die Macht und das Theater
  • 25. November 2022

21 | Die Macht und das Theater

Im Blog der letzten Woche habe ich kurz umrissen, inwiefern Macht in unseren Theaterstücken, also innerhalb der Bühnenhandlungen, häufig Thema ist. Bestes Beispiel Shakespeare – unruhig ruht das Haupt, das eine Krone trägt – , bei dem geht’s eigentlich kaum je um etwas anderes. Und wenn er scheinbar Liebesdramen schrieb, ging’s immer noch darum. Mussten aber Königinnen und Könige sich schon dauernd auf der Bühne dargestellt sehen, sorgten sie zumeist dafür, dass die Theatermacher wenigstens von ihnen abhängig waren, so dass sie, die König:innen, ein bisschen Einfluss auf die künstlerischen Blüten hatten, welche die Komödienmuse unablässig trieb.
Und damit wären wir bei der zweiten Ebene der Macht, die wir hier verhandeln wollen: Der Macht über das Theater.

Schauspiel 20 | Theater und Macht
  • 17. November 2022

20 | Theater und Macht

Weil die letzte Folge schon viel zu lange her ist, möchten wir nun wieder starten und die Reihe „Was machen Dramaturg:innen?“ auf unserem Blog fortsetzen. Jede Woche gibt Andreas Erdmann, leitender Schauspieldramaturg, in seiner Kolumne wieder spannende Einblicke in die Welt des Theaters und die Arbeit eines/einer Dramaturg:in. Die ersten der neuen Folgen widmen sich dem Thema „Theater und Macht“ und beleuchten deren Verhältnis auf und hinter der Bühne.

Schauspiel 17 | Shakespeare
  • 14. April 2020

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Für einen Stadttheaterdramaturgen habe ich nun in untypischem Ausmaß der Werktreue das Wort geredet. Dass Theaterprofis gegen diese häufig grundsätzliche, theoretisch unumgängliche Vorbehalte hegen, habe ich hinlänglich erklärt, dass das Theaterpublikum die Vorbehalte nicht im gleichen Maße teilt, ebenfalls.

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  • 27. März 2020

16 | Werktreue

Nachdem wir in den letzten Teilen unseres Blogs viel über die innere Verfassung unserer Stadttheater gehört haben, über den Preis, den die Theaterschaffenden für die Wahl ihres Berufes zahlen, über die Rolle, die die Direktor*innen in diesem System spielen, wäre es heute eigentlich daran gewesen, auf die Kritik einzugehen, die (auch) aus dem Inneren dieses Systems kommt, und die, mitunter aus verschiedenen Richtungen, meistens auf die Machtverteilung und den Machtgebrauch im Theater zielt.

Schauspiel 15 | Aufwand und Autorschaft
  • 3. März 2020

15 | Aufwand und Autorschaft

Ich wuchs also in einem katholischen Umfeld auf. Hin und wieder kam ich dadurch in Berührung mit Angehörigen des Jesuitenordens. Nachher wurde ich dann meistens von Familienmitgliedern auf die Besonderheit des Lebens der Soldaten Christi hingewiesen.

Schauspiel 12 | Proben und Probieren
  • 13. Januar 2020

12 | Proben und Probieren

Es gibt verschiedene Parameter, deren Schwanken man betrachten kann, um jene besonderen Ressourcen zu verstehen, die den Theatern deutscher Sprache in den 70ern und 80ern des vorigen Jahrhunderts zu Gebote standen: Werfen wir doch einmal einen Blick auf die Probenzeiten, die den Produktionsteams jener Tage für einzelne Inszenierungen eingeräumt wurden.

Schauspiel 11 | Die wilden 70er
  • 9. Januar 2020

11 | Die wilden 70er

Die wilden 70er: Unrasierte Nackte stürmen die Theaterbühnen, Stückzertrümmerungen, Publikumsbeschimpfungen, Theater werden leer gespielt, ganze Generationen Abonennt*innen in die Flucht geschlagen, wenn die Intendant*innen nicht das vollständige Abonnementsystem gleich mit der Wurzel ausreißen.

Schauspiel 10 | Regietheater
  • 27. Dezember 2019

10 | Regietheater

Wäre das ein Lehrbuch für Dramaturgie, sollte ich der Systematik halber nun vielleicht auf Fassungen von ganz normalen Stücken eingehen. Also Textfassungen, welche nicht aus Romanen destilliert wurden, sondern aus schon fertig vorliegenden Dramentexten.

Schauspiel 9 | Aristoteles und Stadelmaier
  • 17. Dezember 2019

9 | Aristoteles und Stadelmaier

Hintergründig haben Sie es wahrgenommen: Romanbearbeitungen auf der Bühne sind ein Reizthema. Dabei haben wir gelernt, dass Regisseur*innen durchaus Argumente kennen, sich lieber einen Bestseller der Prosaliteratur vorzuknöpfen als einen Klassiker des Dramenkanons.

Schauspiel 7 | Romanbearbeitungen
  • 2. Dezember 2019

7 | Romanbearbeitungen

Liebe kommt am besten von zwei Seiten. Und so liebten die Theater der vergangenen Jahrzehnte nicht allein, wenn Regisseur*innen berühmte Romantitel verwursteten, die Regisseur*innen taten das, wie es aussah, auch ganz gern.

Schauspiel 4 | Lufthansa
  • 11. November 2019

4 | Lufthansa

Nachdem ich in Teil 3 versuchte zu verdeutlichen, welchen Unterschied für die Besetzungsarbeit der Übergang des Stadttheaters vom Betrieb mit „Hausregisseur*innen“ zum Betrieb mit Gastregisseur*innen macht (und die Besetzungsarbeit macht laut Peter Zadek an der Inszenierungsarbeit 90 Prozent aus), möchte ich heute einen kleinen Exkurs zu diesem Thema machen.

Schauspiel WAS IST EIGENTLICH EIN DRAMATURG?
  • 21. Oktober 2019

WAS IST EIGENTLICH EIN DRAMATURG?

Die Frage, die mir wohl am häufigsten gestellt wird (und die ich normalerweise nicht beantworten kann) lautet: „Was macht eigentlich ein Dramaturg?“ Oder noch profunder: „Was ist eigentlich ein Dramaturg?“ Und diese Frage wird nicht nur mit Unterton (dem Unterton von „Braucht’s die überhaupt?“) gestellt.