10 | Regietheater

10 | Regietheater

  • 27. Dezember 2019
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  • Text: Andreas Erdmann

Wäre das ein Lehrbuch für Dramaturgie, sollte ich der Systematik halber nun vielleicht auf Fassungen von ganz normalen Stücken eingehen. Also Textfassungen, welche nicht aus Romanen destilliert wurden, sondern aus schon fertig vorliegenden Dramentexten.

Im Zusammenhang mit Fragen der Besetzung haben wir das Thema weiter oben schon einmal gestreift. Und Tatsache ist: Auch „richtige“ Theaterstücke kommen häufig nicht genauso auf die Bühne, wie sie Philipp Reclam oder Friedrich Schlegel in gedruckter Form vorlegen. Dieses aber führt uns in ein anderes Gebiet, zu dem zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal zurückzukommen ich schon angekündigt hatte.

Dies Gebiet umreißen die Begriffe „Werktreue“ und „Regietheater“: Weiter oben habe ich behauptet, das verstärkte In-Erscheinung-Treten von Dramaturg*innen in der Theatergeschichte werde häufig mit dem Siegeszug des Regietheaters in Zusammenhang gebracht. Und bevor ich nun darüber spekuliere, warum das so sein könnte, sollten wir uns den Begriff Regietheater etwas näher anschauen.

Das Wort kommt aus den 70ern, obwohl es Regisseure schon viel früher gab, vielleicht sogar die größten Regisseure (Piscator, Reinhardt, Stanislawski, usw.). Womöglich also brauchte es bloß die Jahrzehnte, bis die wirkliche Bedeutung der Funktion der Regisseur*innen von einem breiten Publikum erfasst wurde. Dann bezeichnet der Begriff allerdings auch nicht einfach jegliches Theater, das von Regisseur*innen inszeniert wird, sondern nur eine bestimmte Sorte davon. Und zuletzt ereigneten sich in den 70ern womöglich Dinge, die dieses Regietheater wirklich erst zu dem machten, was wir – wenigstens heute – darunter verstehen. Schauen wir uns eines nach dem anderen an:

1.) Das langsame Eindringen der Regisseur*innen

Regisseure, Spielleiter, gewinnen an Bedeutung, sobald die europäischen Theater sich Repertoires von Stücken früherer Epochen zulegen bzw. Stücke wiederaufnehmen, die lange genug nicht in ihren Spielplänen waren, dass die Aufführungsweise sich aus gegenwärtigen Theaterkonventionen nicht mehr ohne weiteres erschließt. Johann Wolfgang Goethe, selbst Theater-Regisseur, beschreibt diese Entwicklung am Ende des 18. Jahrhunderts in seinem Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ mit der Schilderung einer „idealen“ Hamlet-Inszenierung, die der Titelheld, begeistert von der Shakespeare-Lektüre, mit einer Theatertruppe erarbeitet. Wilhelm Meister entwickelt jede Szene, Bühne und Kostüm aus den starken Eindrücken seiner Lektüre und erfindet so eine Methode, die verhindert, dass die in der Truppe einflussreichen Schauspieler die Aufführung nur aus den Blickwinkeln von einzelnen Figuren oder den Interessen ihrer Darsteller gestalten. Man könnte sagen: Wo der Autor lange genug tot ist oder weit genug entfernt, tritt der Regisseur auf den Plan. Ähnliches gilt hundert Jahre später umso mehr, da es keine einheitlichen Spielstile mehr gibt. Nun muss ein Spielleiter entscheiden, an welche Mode, welche Konvention eine Aufführung sich anlehnt, welche Klammer überhaupt noch das Zusammenspiel der Schauspieler gewährleistet. Je größer die formalen Möglichkeiten der Theater, desto wichtiger wird – logisch – der Entscheider, der die Wahl darunter trifft. Dabei versteht der Regisseur, wie Goethe, sich zunächst als der verlängerte Arm des Dramatikers, dessen Geist er sich verpflichtet fühlt. Er löst damit den Schauspielprinzipal ab, also den regieführenden Hauptdarsteller, der – gewissermaßen von der Bühne aus – die Regiefunktionen innehatte, ehe diese ausgegliedert und in den Zuschauerraum (ans Regiepult) verlegt wurden. Dabei soll nicht unterschlagen werden, dass auch Goethe schon als Regisseur am Willen großer Schriftsteller vorbeiinszenierte: Berüchtigt ist der Reinfall mit der Uraufführung des „Zerbrochnen Krugs“, für die Goethe so lang an dem Stück herumgedoktert hatte, bis es durchfiel und zu Lebzeiten des Autors das Licht der Bühne nicht mehr wiedersah. Da in diesem Fall der Regisseur (Goethe) berühmter als der Autor (Kleist) war, blieb der Misserfolg an letzterem hängen. Nun differenzieren sich im 19. Jahrhundert, auch durch bühnentechnische Erneuerungen, die Ästhetiken der Bühnen soweit aus, dass die Nutzung und Gestaltung dieser neuen Möglichkeiten, also das gesamtästhetische Design der Inszenierung, neben der Verwaltung der Autorenabsichten, zur zweiten, wichtigeren Aufgabe des Regisseurs wird. (Da wir immer noch das 20. Jahrhundert nicht erreicht haben, muss es noch ein bisschen bei der männlichen Form der Berufsbezeichnung bleiben.) Diese zweite Aufgabe, die Festlegung oder Erfindung der Gesamtästhetik aber macht die Regisseure Schritt für Schritt zu Koautoren, ihr Einfluss auf das Endergebnis einer Aufführung wird immer größer. Mit der Jahrhundertwende setzt die große Zeit der Theaterregisseure ein, einige Namen habe ich, in Klammern, weiter oben schon erwähnt. Und alle Möglichkeiten, allerdings auch Aufreger des Regietheaters, die noch heute gerne leidenschaftlich diskutiert werden, gehen schon in diesen Jahren durch die Feuilletons: Unerwünschte Dauer oder unerwünschte Kürze von Theateraufführungen, Modernisierungen („Hamlet im Frack“), scheußliche Kostüme, Nackte, auffällige Sprachbehandlung, Überdeutlichkeit, Unverständlichkeit, usw. usf. Notabene: Der Begriff Regietheater existiert noch gar nicht.

2.) Der Begriff Regietheater

Das Wort ist offenbar ein Kampfbegriff. Geprägt in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, subsumierend Phänomene, die älter sind als das Jahrzehnt. Und zunächst abwertend gemeint. Bezogen auf eine Ermächtigung der Regisseur*innen, die als zu weit gehend empfunden wird. Gern verbunden mit der Sehnsucht nach einem Theater, in dem Autor*innen und Schauspieler*innen wichtiger, die Regisseur*innen unwichtiger waren. Das Wesen eines Kampfbegriffes ist, dass ihn eher nicht verwendet, wer größtmögliche Objektivität anstrebt. Regisseur*innen und Theatermacher fühlen sich von der Debatte missverstanden. Wirklich sind die Argumente alt und die Auseinandersetzung ähnelt stark den Diskussionen um das Regietheater der Zwischenkriegszeit.

3) Aber was ist denn dann in den 70ern passiert im Stadttheater?

Die naheliegendste Erklärung: Die 70er waren geprägt von der Studentenbewegung des Jahrs 1968. (Die Rede ist von deutschsprachigen Ländern diesseits des Eisernen Vorhangs.) Die Aufarbeitung von Krieg und Naziherrschaft, war – auch im Theater – in den ersten 20 Jahren nach dem Krieg eher zaghaft angelaufen. 1968 führt auch auf der Bühne eine radikale Hinterfragung nicht allein von Inhalten sondern auch von Mitteln und von Form herbei. Bald entwickelt beinah jeder Bruch mit Sehgewohnheiten antifaschistisches Potenzial. Der Regisseur Peter Zadek, der sich am rhetorischen „Reichskanzleistil“ professionell ausgebildeter Staatsschauspieler stößt, ermutigt seine Darsteller zu undeutlichem Sprechen, gar zum „Nuscheln“. Schillers jugendliche Helden, welchen immer schon gewisse nationale, hochfahrende Töne eigneten, werden auf der Bühne abgeklopft auf ihre Psychopathologie. Die ausgewiesenen Bösewichte in der Schiller-Welt, Franz Moor, Philipp der Zweite, werden umgekehrt mitunter rehabilitiert. Alles steht Kopf. Die politische Agenda befördert und bekräftigt den Regiemutwillen. Aber war das bereits eine neue Qualität? Womöglich. Allerdings darf die explosive Wirkung, die manche Regieprovokation auf das Publikum und die Kritik hat, nicht isoliert gesehen werden vom kollektiven Trauma, dass die jungen Regisseure adressieren, und das sich – gerade da, wo es nur indirekt berührt wird – in umso heftigeren Reaktionen äußert. Das heißt: nicht nur die Regisseure wurden frech, ein Teil des Publikums war für diese Frechheit vielleicht auch empfindlicher als das Publikum anderer Epochen es gewesen wäre. Aber heißt das, der Begriff Regietheater wurde eigentlich von alten Nazis geprägt, die sich im Theater nach schmerzloser Unterhaltung sehnten? Oder radikalisierten sich – demgegenüber – auch die Regisseur*innen und die Theatermacher*innen, bis die Bühne eine andere Sprache sprach als ihr Publikum? Für die weitere Erörterung dieser Frage bitte ich um etwas Geduld. Es geht gleich weiter.

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Fassungen für das Theater werden aus den unterschiedlichsten Vorlagen: Es gibt Fassungen von ganz normalen Stücken, von Romanen und von Filmen. Selbst sogenannte Stückentwicklungen oder freie Projekte, die im Lauf der Proben entstehen, brauchen Fassungen, da müssen dann die Dramaturg:innen und Assistent:innen – und Hospitant:innen – auf den Proben dauernd alles mitschreiben und nachts (von einer Probe auf die andere) ins Reine schreiben. Eine grauenhafte Arbeit übrigens. Gut, dass so was heute nicht mehr möglich ist.

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Im echten Leben kann man sie verlieren oder schraubt sich eine Glühbirne hinein, im Theater (und noch mehr im Dramaturg:innenalltag) ist die Fassung ein alles entscheidendes, zentrales Ding, direkt nach der Besetzung und noch vor dem Programmheft. „Hast du schon die Fassung?“ – „Wann machen wir die Fassung?“

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  • 23. Februar 2023

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Vergangene Woche war ich leichtsinnig genug zu versprechen, diese Woche eine Liste von Problemen vorzulegen, die in unserem Stadttheatersystem das Eingreifen einer Theaterleitung in den Probenprozess rechtfertigen.

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  • 16. Februar 2023

33 | Nicht Eingreifen

Vor einiger Zeit schrieb ein Theaterkritiker, der Autor dieser Zeilen hätte in seiner Funktion als Produktionsdramaturg bei einer Inszenierung „eingreifen müssen“. Hätte der Kritiker geschrieben, der Dramaturg habe seine Arbeit nicht getan, würde mir das zwar auch nicht gefallen, ich könnte aber nichts dagegen sagen. Der Ausdruck „Eingreifen“ hingegen (der sicher anders gemeint war, als ich ihn im Folgenden interpretiere) erinnert allerdings an Vorstellungen, denen Dramaturg:innen immer wieder begegnen – nicht nur bei Journalist:innen, auch bei Vorgesetzten –, dass Dramaturgie nämlich so etwas wie eine Theaterpolizei sei, die auf den Proben rumsitzt, um dann, wenn der Unfug überhandnimmt, einzuschreiten und dem Regisseur „auf die Finger zu klopfen“. Wie eine strenge Klavierlehrerin in den 1970er Jahren.

Schauspiel 32 | Programmhefteschreiben
  • 10. Februar 2023

32 | Programmhefteschreiben

Nahm man vor 30 Jahren das Programmheft einer Stadttheaterinszenierung in die Hand, dann wog dies in der Regel etwas schwerer als ein heutiges Programmheft, war weniger bunt und ein großer Teil der darin enthaltenen Texte stammte von französischen Philosophen (männlich), die der Schule des Poststrukturalismus zugerechnet werden konnten. Also Namen wie Baudrillard, Deleuze, Derrida und Žižek. Irgendwo fand sich mit großer Wahrscheinlichkeit ein gedichtartig gesetztes Zitat aus dem Buch Fragmente einer Sprache der Liebe von Roland Barthes. Wir reden hier übrigens nicht von den Programmheften einer bestimmten Art oder eines bestimmten Genres von Sprechtheater, sondern von Programmheften deutschsprachigen Sprechtheaters im Allgemeinen.

Schauspiel 31 | Stückelesen
  • 2. Februar 2023

31 | Stückelesen

Nachdem wir in den ersten Jahren dieses Blogs die großen Themen der Dramaturgie gewälzt haben, wollen wir jetzt mal eine Weile etwas kleinere Brötchen backen und auf unsere Eingangsfrage zurückkommen, nämlich: Was machen eigentlich Dramaturg:innen? Dramaturg:innen machen nämlich viele inhaltlich zwar irgendwie zusammenhängende, im praktischen Vollzug aber sehr wohl zu unterscheidende Dinge. Die wollen wir nun Kapitel für Kapitel durchgehen.

Schauspiel 30 | Zuviel Toxik?
  • 27. Januar 2023

30 | Zuviel Toxik?

Vor einigen Jahren arbeitete ich an einem anderen Theater, als ich den Brief einer Zuschauerin zur Beantwortung bekam. (Das ist übrigens eine besonders schöne Aufgabe der Dramaturg:innen – Zuschriften beantworten. Dabei ist, was in den Zuschriften zu lesen ist, manchmal durchaus interessant. Manchmal allerdings auch nicht.) Der Brief, der mir damals auf den Schreibtisch flatterte, war allerdings sehr interessant, auch wenn mir das nicht unmittelbar klar war.

Schauspiel 29 | Soll ein Film nicht mehr gezeigt werden, weil einer seiner Schauspieler straffällig geworden ist?
  • 23. Januar 2023

29 | Soll ein Film nicht mehr gezeigt werden, weil einer seiner Schauspieler straffällig geworden ist?

Österreich und seine Kulturszene werden vom Skandal um einen Schauspieler erschüttert, der uns nicht allein mit den Verfehlungen dieses Einzelnen konfrontiert, sondern der den Vorhang über einer kriminellen Szene wegreißt, die Kinder missbraucht und sie für ihr Leben schädigt. Niemand kann gegen die Vorwürfe, die hier erhoben werden, kalt bleiben. Die große, nicht nur mediale Erschütterung deutet allerdings auch darauf hin, dass wir es normalerweise schaffen, die Problematik, welche keine Unbekannte ist, zu verdrängen, wenn uns nicht ein prominenter Fall wie der genannte daran hindert.

Schauspiel 28 | Diskurs und Quote
  • 12. Januar 2023

28 | Diskurs und Quote

Evolution unseres Theaters lautete die Forderung in der letzten Woche. Und Evolution ist nicht genau dasselbe wie Revolution, sie ist eher: Revolution, aber langsam. So langsam, dass sie niemandem wehtun muss. Und Evolution, klar, wollen sowieso alle. Es kann ja nichts so bleiben, wie es ist. Bleibt nurmehr die Frage: Evolution wohin? Und auch da könnte man meinen, solange ein Projekt der Aufklärung bestand, hätte es im Stadttheatersystem einen breiten Konsens gegeben, dass 1.) das Theater Teil dieses Projekts sein müsse und dass 2.) der Ruf nach „Aufklärung“ notwendig mit gewissen Grundbekenntnissen einhergeht, nämlich denen zu einer gerechteren, humaneren, an einem freien Diskurs interessierten Gesellschaft.

Schauspiel 27 | Frauen
  • 5. Januar 2023

27 | Frauen

„Nichts ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist“, steht in einem Roman, dessen Titel mir gerade entfallen ist. Und eigentlich sollte man denken, dass Fragen hinsichtlich von Macht, Repräsentanz und Fairness, über die sich dieser Blog in Bezug auf das Theater in den letzten Wochen beugte, in einer demokratischen Gesellschaft immer aktuell sind. Dasselbe müsste auch für Fragen nach Geschlechtergerechtigkeit und Präsenz von Frauen gelten. Tatsächlich haben Arbeitsgruppen seit den Nuller-Jahren unseres Jahrhunderts intensiv daran gearbeitet, diese Themen ins Bewusstsein der Gesellschaft (und der Theaterleute) zu heben. Diese Ideen wurden demnach mächtig, weil ihre Zeit gekommen war. Aber warum ist das eigentlich gerade jetzt?

Schauspiel 26 | Überschreibungen
  • 29. Dezember 2022

26 | Überschreibungen

Überschreibung ist das neue Reizwort, das einige Theaterfreunde heute auf die Palme bringt wie zuletzt das Wort Romanbearbeitung und zuvor Regietheater. Eine Überschreibung findet statt, wenn ein:e Autor:in ein älteres (meist klassisches) Stück nimmt, liest und dann beginnt, etwas Neues zu schreiben, das von der Lektüre des anderen Texts spürbar beeinflusst ist. Dabei kann ein Stück entstehen, das die Klassikerhandlung behutsam in die Gegenwart und dort in ein neues aber ähnliches Milieu wie das verlegt, in dem der Klassiker spielt (so in Ewald Palmetshofers Vor Sonnenaufgang, Maja Zades ödipus).

Schauspiel 25 | Die Kraft der Narrative
  • 22. Dezember 2022

25 | Die Kraft der Narrative

Wir waren bei zwei Paradebeispielen kontaminierter Klassiker, bei William Shakespeares Stücken Der Kaufmann von Venedig und Othello. Beide führen uns ethnische und religiöse Außenseiter einer christlich abendländischen Gesellschaft vor, im ersten Fall den mord- und geldgierigen Juden Shylock und im zweiten Fall den Afrikaner Othello, der zum Frauenmörder wird, weil er vor Eifersucht zu denken aufhört.

Schauspiel 24 | Kontaminierte Klassiker
  • 15. Dezember 2022

24 | Kontaminierte Klassiker

Da wir schon einmal bei aktuellen Schocker-Themen sind, kommt heute gleich das nächste: Böse Klassiker. In den vergangenen Jahrzehnten galt am deutschsprachigen Stadttheater die Faustregel, dass zwar die deutschen Nationalklassiker manchmal irren (also Schiller immer dann, wenn er sexistisch, nationalistisch oder antisemitisch ist), dass aber eine Bastion existiert, die in ihrer Undurchschaubarkeit und Tiefe immer Recht behalten muss, quasi der Urmeter des europäischen Theaters: William Shakespeare. Las man Shakespeares Stücke lang und aufmerksam genug, musste man zu dem Schluss kommen, dass Shakespeare bereits alles wusste und wir Heutigen es im Zweifelsfall weniger gut wissen.

Schauspiel 23 | Die guten alten schlechten Angewohnheiten
  • 8. Dezember 2022

23 | Die guten alten schlechten Angewohnheiten

Nun haben wir in drei Teilen das Thema Theater und Macht in handlichen Paketen abgefrühstückt. Aus der Innenperspektive ist die selbstkritische Revision, die die deutschsprachigen Bühnen gerade durchmachen, allerdings ein Riesenthema, das auch noch an viele andere Gebiete – Gendergerechtigkeit, politische Korrektheit, kontaminierte Klassiker usw. – angrenzt. Die Theater werden damit also so bald nicht fertig sein. Einige der erwähnten angrenzenden Themen sollten wir uns in den nächsten Wochen auch noch anschauen.

Schauspiel 22 | Die Macht im Theater
  • 1. Dezember 2022

22 | Die Macht im Theater

Im letzten Teil haben wir gesehen, dass das Theater auf die eine oder andere Art immer schon vom Staat abhängig war (und wo kein Staat war, waren Fürsten) – beziehungsweise abhängig gehalten wurde. (In einer Gesellschaft mit bedingungslosem Grundeinkommen wäre natürlich auch das Theater frei.) Das Wesen dieser Abhängigkeit bestand stets in der Kontrolle über die Inhalte des Spiels. Diese Zensur wurde dadurch erleichtert, dass die Theater entweder ein Repertoire geschriebener Stücke hatten oder Improvisationen, die aus wiederkehrenden Versatzstücken bestanden. Wer die Kontrolle über diese Texte hatte, hatte auch die Macht über die Köpfe der Zuschauer:innen.

Schauspiel 21 | Die Macht und das Theater
  • 25. November 2022

21 | Die Macht und das Theater

Im Blog der letzten Woche habe ich kurz umrissen, inwiefern Macht in unseren Theaterstücken, also innerhalb der Bühnenhandlungen, häufig Thema ist. Bestes Beispiel Shakespeare – unruhig ruht das Haupt, das eine Krone trägt – , bei dem geht’s eigentlich kaum je um etwas anderes. Und wenn er scheinbar Liebesdramen schrieb, ging’s immer noch darum. Mussten aber Königinnen und Könige sich schon dauernd auf der Bühne dargestellt sehen, sorgten sie zumeist dafür, dass die Theatermacher wenigstens von ihnen abhängig waren, so dass sie, die König:innen, ein bisschen Einfluss auf die künstlerischen Blüten hatten, welche die Komödienmuse unablässig trieb.
Und damit wären wir bei der zweiten Ebene der Macht, die wir hier verhandeln wollen: Der Macht über das Theater.

Schauspiel 20 | Theater und Macht
  • 17. November 2022

20 | Theater und Macht

Weil die letzte Folge schon viel zu lange her ist, möchten wir nun wieder starten und die Reihe „Was machen Dramaturg:innen?“ auf unserem Blog fortsetzen. Jede Woche gibt Andreas Erdmann, leitender Schauspieldramaturg, in seiner Kolumne wieder spannende Einblicke in die Welt des Theaters und die Arbeit eines/einer Dramaturg:in. Die ersten der neuen Folgen widmen sich dem Thema „Theater und Macht“ und beleuchten deren Verhältnis auf und hinter der Bühne.

Schauspiel 17 | Shakespeare
  • 14. April 2020

17 | Shakespeare

Für einen Stadttheaterdramaturgen habe ich nun in untypischem Ausmaß der Werktreue das Wort geredet. Dass Theaterprofis gegen diese häufig grundsätzliche, theoretisch unumgängliche Vorbehalte hegen, habe ich hinlänglich erklärt, dass das Theaterpublikum die Vorbehalte nicht im gleichen Maße teilt, ebenfalls.

Schauspiel 16 | Werktreue
  • 27. März 2020

16 | Werktreue

Nachdem wir in den letzten Teilen unseres Blogs viel über die innere Verfassung unserer Stadttheater gehört haben, über den Preis, den die Theaterschaffenden für die Wahl ihres Berufes zahlen, über die Rolle, die die Direktor*innen in diesem System spielen, wäre es heute eigentlich daran gewesen, auf die Kritik einzugehen, die (auch) aus dem Inneren dieses Systems kommt, und die, mitunter aus verschiedenen Richtungen, meistens auf die Machtverteilung und den Machtgebrauch im Theater zielt.

Schauspiel 15 | Aufwand und Autorschaft
  • 3. März 2020

15 | Aufwand und Autorschaft

Ich wuchs also in einem katholischen Umfeld auf. Hin und wieder kam ich dadurch in Berührung mit Angehörigen des Jesuitenordens. Nachher wurde ich dann meistens von Familienmitgliedern auf die Besonderheit des Lebens der Soldaten Christi hingewiesen.

Schauspiel 12 | Proben und Probieren
  • 13. Januar 2020

12 | Proben und Probieren

Es gibt verschiedene Parameter, deren Schwanken man betrachten kann, um jene besonderen Ressourcen zu verstehen, die den Theatern deutscher Sprache in den 70ern und 80ern des vorigen Jahrhunderts zu Gebote standen: Werfen wir doch einmal einen Blick auf die Probenzeiten, die den Produktionsteams jener Tage für einzelne Inszenierungen eingeräumt wurden.

Schauspiel 11 | Die wilden 70er
  • 9. Januar 2020

11 | Die wilden 70er

Die wilden 70er: Unrasierte Nackte stürmen die Theaterbühnen, Stückzertrümmerungen, Publikumsbeschimpfungen, Theater werden leer gespielt, ganze Generationen Abonennt*innen in die Flucht geschlagen, wenn die Intendant*innen nicht das vollständige Abonnementsystem gleich mit der Wurzel ausreißen.

Schauspiel 9 | Aristoteles und Stadelmaier
  • 17. Dezember 2019

9 | Aristoteles und Stadelmaier

Hintergründig haben Sie es wahrgenommen: Romanbearbeitungen auf der Bühne sind ein Reizthema. Dabei haben wir gelernt, dass Regisseur*innen durchaus Argumente kennen, sich lieber einen Bestseller der Prosaliteratur vorzuknöpfen als einen Klassiker des Dramenkanons.

Schauspiel 7 | Romanbearbeitungen
  • 2. Dezember 2019

7 | Romanbearbeitungen

Liebe kommt am besten von zwei Seiten. Und so liebten die Theater der vergangenen Jahrzehnte nicht allein, wenn Regisseur*innen berühmte Romantitel verwursteten, die Regisseur*innen taten das, wie es aussah, auch ganz gern.

Schauspiel 5 | Die sogenannte Fassung
  • 18. November 2019

5 | Die sogenannte Fassung

In den letzten Teilen dieses Blogs habe ich versucht herauszuarbeiten, inwiefern Stück-Besetzung und Verhandlungen über die Besetzungen heute einen großen Teil der Arbeit der Theaterleitungen ausmachen, und wie diese Arbeit durch Veränderungen im System der Stadttheater mehr geworden ist.

Schauspiel 4 | Lufthansa
  • 11. November 2019

4 | Lufthansa

Nachdem ich in Teil 3 versuchte zu verdeutlichen, welchen Unterschied für die Besetzungsarbeit der Übergang des Stadttheaters vom Betrieb mit „Hausregisseur*innen“ zum Betrieb mit Gastregisseur*innen macht (und die Besetzungsarbeit macht laut Peter Zadek an der Inszenierungsarbeit 90 Prozent aus), möchte ich heute einen kleinen Exkurs zu diesem Thema machen.

Schauspiel WAS IST EIGENTLICH EIN DRAMATURG?
  • 21. Oktober 2019

WAS IST EIGENTLICH EIN DRAMATURG?

Die Frage, die mir wohl am häufigsten gestellt wird (und die ich normalerweise nicht beantworten kann) lautet: „Was macht eigentlich ein Dramaturg?“ Oder noch profunder: „Was ist eigentlich ein Dramaturg?“ Und diese Frage wird nicht nur mit Unterton (dem Unterton von „Braucht’s die überhaupt?“) gestellt.