Von der Sehnsucht nach der Wut

  • 14. Januar 2019
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  • Text: Ira Goldbecher

Ein Text von Ira Goldbecher zur Premiere von Elektra

„Ich bin immer nett, ich bin nie sauer oder böse auf jemanden. In unangenehmen Situationen fange ich lieber an zu lächeln! Und sorry, dass ich vorhin schon wieder so laut war. Es tut mir auch leid, dass ich so auf meiner Meinung beharrt hab, ich glaub, die war gar nicht so gut.“ Im ersten Augenblick keine ungewöhnliche Textpassage. Hat man sich ja auch selber schon so oder so ähnlich mal sagen gehört. Allerdings schreit sich die Darstellerin des queer-feministischen Theaterkollektivs Henrike Iglesias in ihrer Performance „Grrrrrl“, welche 2016 in der Schweiz Premiere feierte, dabei auf der Bühne so lang die Wut aus dem Leib, bis ihre Halsschlagader hervortritt. Irgendetwas stimmt doch da nicht, passt nicht zusammen. Aber was genau stößt auf? Sind es die sich selber maßregelnden Sätze, die als charakteristisch für das soziale Konflikt- und Kommunikationsverhalten von Frauen stehen? Oder ist es eben die aus dem Bauch quellende Wut einer weiblichen Stimme?

Geschlecht oder Geschlechterrolle?

Ob Sanftmut wirklich eine typisch weibliche Eigenschaft ist, wird vehement diskutiert. Jedoch ist sich die Sozialforschung in einem Punkt einig: Mädchen werden tendenziell nicht dazu erzogen, wütend zu sein. In einer Konflikt- und Gefahrensituation ist die Deeskalation durch einen Kompromissversuch und das Rückstellen oder Unterdrücken eigener Bedürfnisse die Methode erster Wahl. Aber woher kommt dieses Verhalten? Die einen meinen, dass diese Reaktion schon in der Evolution begründet liegt. Wenn ein Weibchen nicht gerade seine Jungen beschützen muss, entzieht es sich der Aufmerksamkeit von Aggressoren und sichert sich somit auch das eigene Überleben. Wenn wir uns der Soziologie zuwenden sowie die Begriffe des Weiblichen und des Männlichen ins Spiel bringen, wirken sich laut der Sozialpsychologin Barbara Krahé auch geschlechtsspezifische Eigenschaften unterschiedlich auf die Aggressionsbereitschaft von Frau und Mann aus: Femininität hemmt Aggression, während Maskulinität diese eher verstärkt. Frauen wenden vorrangig indirekte Formen von Aggression an und verhalten sich weniger proaktiv kämpferisch. Männer hingegen suchen die körperliche Konfrontation und setzen sie gezielt ein, um auf eigene Interessen zu bestehen. Das Hin und Her, was Männer machen und Frauen wollen, führt letztendlich zu der Frage, wieviel angeboren und wieviel anerzogen ist. Geschlecht oder Geschlechterrolle?

Wut ist unattraktiv, unweiblich und voll daneben.

Der Frau als Konstante und Erhalterin der Familie wird schnell beigebracht, dass durch ihr Handeln in Konfliktsituationen das Harmonieverständnis ins Wanken gerät – oder eben zusammengehalten wird. Daher gilt es sich zu entschuldigen (75 % der Entschuldigungen werden von Frauen ausgesprochen) und Empathie und Rücksicht walten zu lassen. Auch wenn das bedeutet, eigene Bedürfnisse über das Allgemeinwohl hintanzustellen. Gesellschaftlich ist es nach wie vor akzeptierter, wenn Männer sich wütend zeigen, als wenn Frauen öffentlich ihrem Ärger Luft machen. In einer Untersuchung an der University of Yale, in der Probanden Videos wütender Männer und Frauen gezeigt wurden, bewerteten diese die Wut der Männer positiv und die Wut der Frauen negativ. „Eine wütende Frau verliert an Status, ganz gleich, in welcher Position sie ist“, so sieht es die Psychologin Victoria L. Brescoll.  „Bei Männern ist der offene Umgang mit Wut eine akzeptierte Verhaltensweise. Frauen sind da noch zu sehr verunsichert und trauen sich das aus Angst vor Ablehnung nicht.“ Klar, wenn das Leben von der Gunst patriarchaler Machtverhältnisse abhängt, ist das Ausleben der eigenen Wut bedrohlich und riskant.

Wut ist unattraktiv, unweiblich und voll daneben. Als Tennisprofi Serena Williams dieses Jahr gegen Naomi Osaka in den US-Open verlor und sich laut gegen den Spielleiter Carlos Ramos und seine Entscheidung für Punkt- und Spielabzug äußerte, ging es in der medialen Berichterstattung eher um den „peinlichen Ausraster Serena Williams’“ als um Darstellung des Problems. „Unwürdig“, „bizarr“, „emotional von der Stelle“, „angiftend“. Die (männlichen) Sprecher eines Eurosport-Live-Videos kommentieren das „Drama“ nicht nur mit der Bemerkung „guck mal, die weint“, sondern lassen auch die ultimative Bombe fallen: Serena Williams’ angeschlagener mentaler Zustand sei ja kein Wunder, schließlich habe sie geäußert, Angst davor zu haben, eine schlechte Mutter zu sein. Ganz andere Szene: Dem ehemaligen Rapid-Trainer Goran Djuricin wird 2017 nach der 1 : 3-Niederlage gegen die Admira vorgeworfen, Admiras Tormanntrainer Walter Franta angespuckt zu haben. Aber Männer regeln das anders! Statt auf eine Entschuldigung zu warten, ist für Walter Franta die Sache erledigt. „Wir sind Männer, ich bin ihm nicht böse.“ Um weiter beim Sport zu bleiben: Zlatan Ibrahimović lacht sogar noch spöttisch, als er 2014 im EM Qualifikationsspiel gegen Österreich seinen Gegenspieler David Alaba mit einem Ellenbogenschlag niederstreckte. Der Ausraster Ibrahimovićs blieb nicht nur ungestraft, sondern stand in einem Artikel sogar in einem Satz mit seinen genialen Momenten als Fußballstar. Na dann ist ja alles halb so schlimm.

Unser Freund Freud

„Man muss es offenbar immer wieder sagen: Frauen, die Machtgefälle kritisieren, wollen Männern nicht den Pimmel abschneiden.“
Franziska Schutzbach

Ach, Sigi … Die von ihm stammende Annahme, dass Frauen unbewusst das männliche Geschlecht um dessen Penis beneiden – kurz Penisneid –, gehört wohl zu den berühmtesten Thesen der Psychoanalyse und diente zur wissenschaftlichen Untermauerung der weiblichen Minderwertigkeit gegenüber Männern. Genauso wie das Hirngespinst eines unreifen klitoralen Orgasmus oder die Abhandlungen über die Hysterie – ein Krankheitsbild, das trotz gleicher Symptome bei Männern vorrangig bei Frauen diagnostiziert wurde. Da bei letztgenannter Krankheit keine organischen Schäden festzustellen waren, erkannten die Ärzte (!) darin die Neigung der Frauen zu Wankelmütigkeit und Unglaubwürdigkeit. Die Konsequenzen dieser Behauptung können wir bis heute spüren; wird doch kaum ein Mann als „hysterisch“ bezeichnet, wenn er die Fassung verliert. Immer noch ist diese Bezeichnung weiblich konnotiert und statuiert vor allen Dingen eines: Weibliche Wut ist irrational und oft nicht gerechtfertigt. Eine logische Lesart würde Wut als vernünftige Antwort gegen Ungerechtigkeit interpretieren, so Audre Lorde, eine der wichtigsten Theoretikerinnen der Frauenbewegung der 1970er und 1980er Jahre. Wenn wir Wut und Vernunft nicht diametral zueinander setzen, gehen wir aktiv gegen ein System vor, dass Frauen als emotional abwertet und Vernunft als überlegene Perspektive und Privileg der Männer postuliert.

Von der Sehnsucht nach der Wut

„Wenn die weibliche Hälfte der Menschheit mit ihrer berechtigten Wut über Sexismus und Unterdrückung genauso umgehen würde, wie es die männliche Hälfte der Menschheit in den vergangenen Jahrtausenden getan hat, läge das Patriarchat längst in Trümmern.“
Alena Schröder

Natürlich könnte man Elektra – Hauptdarstellerin in Richard Strauss’ und Hugo von Hofmannsthals 1909 herausgebrachter Oper – als die nervige Königstochter abtun, die durch eine unnatürliche Bindung an den Vater und einen ebenso unnatürlichen Hass gegenüber der Mutter keine Ruhe geben will. Die deutsch-österreichische Philosophin Elisabeth von Samsonow zerlegt den „Elektra-Komplex“ als geschickte griechische Propaganda, um Mutter und Tochter zu entzweien. Feminismus basiere auf Solidarität, auch zwischen der symbolischen Mutter und ihrer Tochter, so von Samsonow. Doch was wir aus Strauss’ Oper vor allen Dingen heraushören können, ist die intensive Wut einer Frau, die Ungerechtigkeit empfindet, die das bestehende System mit der Kraft ihrer Stimme aus den Fugen wirft, die beharrlich für ihre Interessen eintritt. Sie ist laut, leidenschaftlich und dabei keineswegs hormonell eingeschränkt. Der wohl einprägsamste Satz Elektras ist auch gleichzeitig ein Credo für unsere eigene Stimmgewalt: „Ob ich nicht höre? Ob ich die Musik nicht höre? Sie kommt doch aus mir!“

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