die natur bringt durch den menschen die kunst hervor

Nitschs letztes Interview im FOYER5

  • 19. April 2022
  • |
  • Text: Redaktion

Im Alter von 83 Jahren ist der weltberühmte Aktionskünstler Hermann Nitsch in Mistelbach, NÖ, verstorben. Er zählte zu den wichtigsten Vertretern des Wiener Aktionismus und erregte mit seinen oft Tage andauernden, transzendent und groß angelegten Aktionen Aufsehen. Durch sein „Orgien-Mysterien-Theater“ wurde Nitsch weltweit bekannt. Silvana Steinbacher interviewte ihn für das Magazin FOYER5 des Landestheaters Linz im Winter zum Spielzeitthema NATUR UND KUNST. Hier können Sie das Interview noch einmal nachlesen.

Ich möchte mit einem Zitat von Ihnen beginnen: „die freude da zu sein, durch die felder, durch die weingärten zu gehen, es geht die sonne unter, es zeigen sich die ersten sterne … das sind ganz große augenblicke.“ Sind das auch Augenblicke für Sie, in denen Sie Inspirationen für Ihre Kunst bekommen?

ich liebe das wort inspiration nicht, kunst ist eine rechtschaffene betätigung, ich möchte den begriff inspiration durch arbeit ersetzen, durch intensität, durch die auseinandersetzung mit form.

Sie sprechen die Form an. Soviel mir bekannt ist, ist Ihnen in erster Linie die Form wichtig, das Inhaltliche eher suspekt? 

unbedingt, die form ist der übermittlungsfaktor, der uns das positive der kunst nahebringt und in uns wirken lässt. ich glaube ja, dass kunst nie negativ ist, und das in keiner hinsicht, denn auch die tragödie ist nicht negativ, weil sie eben form hat.

Hermann Nitsch
Foto: Herwig Prammer

Seit Anfang Oktober werden im nitsch museum in Mistelbach (Anm.: Museums- komplex, der zu Ehren von Hermann Nitsch im Jahr 2007 eröffnet wurde) jene Werke gezeigt, die Sie bei den Bayreuther Festspielen zu einer konzertanten Fassung von Richard Wagners Walküre realisiert haben. Es wurden dabei weiße Bühnenwände von Ihren Assistenten nach Ihren Anweisungen mit Farbe übergossen. Wie haben Sie diesen künstlerischen Prozess erlebt? 

als sehr anstrengend, es war aber ein großer triumph, und es hat mich sehr aus der reserve geholt. es war meine absicht, mit meiner malaktion von wagner herausgefordert zu werden, starke farben auf flächen zu bringen. 

Ist für Sie das Resultat des Kunstwerks das Entscheidende oder der künstlerische Prozess des Entstehens? 

das hat sich generell geändert. bei der „alten kunst“ war das resultat sehr wichtig, durch die informelle malerei ist der prozess wichtig geworden. für mich ist der prozess oft wichtiger als das resultat, auch der ekstatische malvorgang ist für mich mindestens so wichtig wie das resultat. das resultat ist die seismografie des ekstatischen malvorganges. 

Im Museum Niederösterreich fand anlässlich Ihres 80. Geburtstages vor drei Jahren eine Veranstaltung unter dem Titel Hermann Nitsch – Schöpfung Natur Kunst statt. Bilden für Sie und Ihr Werk Natur und Kunst eine unentbehrliche Symbiose?

das eine ist ohne das andere nicht denkbar, denn kunst ist auch natur, ist auch ein vorgang des ereignisses natur. für mich ist kunst der vollzug von intensität, und die intensität bringt ekstatische ergebnisse, vorgänge hervor. es gibt für mich auch keine trennung zwischen kunst und künstlichem und natur, denn auch die kunst ist in letzter hinsicht ein ergebnis der natur. die natur bringt durch den menschen die kunst hervor, und es ist ziemlich arrogant zu glauben, dass die menschen sich durch die kunst von der natur loslösen können. die kunst ist im sein geborgen.

Hermann Nitsch
Foto: Herwig Prammer

Sowohl Kunst als auch Natur sind eigentlich nicht definier-, nicht greifbar. 

da gebe ich ihnen insofern recht, als ich glaube, dass wir heute nicht mehr in der lage sind, begriffe zu definieren, und zwar deswegen, weil die sprache schon verhurt und missbraucht ist. 

Sie arbeiten allerdings auch mit Sprache. 

ich arbeite mit der sprache, benütze sie aber als vehikel, ich arbeite mit der realität, mit der wirklichkeit, mit vorgefertigten gegebenheiten. ich habe dabei aber umlernen müssen, umlernen insofern, als wir nicht mehr so malen können wie etwa waldmüller, und dass es vor allem nicht darum geht, gegebenheiten darzustellen, zu portraitieren. unsere aufgabe ist es eher, bereits vorhandenes zu intensivieren. 

Für jemanden, der die Natur so sehr beobachtet und liebt wie Sie, muss doch die Gefährdung eben jener Natur sehr schmerzhaft sein. 

da werden viele phrasen gedroschen, da wage ich kein urteil zu fällen, das ist sehr gefährlich. 

Natur und Kunst in ländlicher oder urbaner Umgebung prägen Künstler:innen sehr unterschiedlich, wie haben Sie es erlebt? 

schaun’s, ich bin lieber am land als in new york, denn in new york sehe ich keine sterne, habe ich keinen zugang zum kosmos, hier schon, da weiß ich, ich bin in einem ganzen. wenn ich in einer großstadt nur einen verdreckten himmel sehe, fühle ich nur meine kleinheit. 

Ich möchte Sie zitieren: „in letzter zeit erkenne ich immer mehr, dass das, was vor allem die musik und die unermessliche schönheit von tönen und farben in der malerei bringen können, eigentlich in der natur bereits vorliegt.“ Wie hat diese Erkenntnis Ihr kompositorisches Tun beeinflusst oder möglicherweise verändert? 

indem ich vorhandenes herangezogen und zu meinen kompositionen arrangiert habe. letztlich möchte ich aber jede kunst zur ekstase führen, malerei, theater und eben auch musik. 

Hermann Nitsch
Foto: Herwig Prammer

Sie sprechen viel über ekstatische Momente. Wirken sich diese gefühlsmäßigen Ausnahmezustände auf Sie kraftspendend oder kraftraubend aus? 

es ist beides der fall, wir menschen sind aber mit viel energie ausgerüstet. das leben verlangt von uns, dass wir die energie, die uns zur verfügung steht, zum leben verwerten, das heißt, dass wir uns intensiv verhalten, und über die kunst kann man sich sehr intensiv ereignen, das betrifft sowohl künstler:innen als auch kunstbetrachtende. 

Sie sind zwar ein international bekannter und renommierter Künstler, aber auch zeitlebens angefeindet worden. Ich habe mich immer gefragt, wodurch regt Ihr Werk über die vielen Jahrzehnte so gravierend auf? Haben Sie eine Erklärung dafür? 

weil ich sachen zeige, die mit tabus verbunden sind, das innere von tieren zeige, die vorgänge des ausweidens. das regt die leute auf. 

Haben Sie diese Anfeindungen nicht auch entmutigt? 

ich habe gesehen, dass mein weg richtig ist, dass ich in meiner kunst etwas zeige, was man bisher nicht zeigen durfte. denken Sie an den gedichtband die blumen des bösen von charles baudelaire, das hat die leute auch unheimlich aufgeregt. (Anm.: Baudelaire wurde wegen Verletzung der öffentlichen Moral verurteilt.) 

Sehen Sie das Orgien Mysterien Theater, das nächstes Jahr in Ihrer Schlossanlage Prinzendorf wieder realisiert wird, als Höhepunkt für Sie als Künstler? 

unbedingt, mein ganzes leben habe ich darauf hingearbeitet, alles was ich gemacht habe, ist bestandteil des orgien mysterien theaters. es gibt für das orgien mysterien theater eine genaue partitur, so wie es für den ring von wagner eine partitur gibt. 

Das heißt, dadurch dass das Orgien Mysterien Theater fixen Handlungsabläufen folgt, könnte es auch ohne Sie, also in einhundert oder zweihundert Jahren genau so aufgeführt werden, wie Sie es sich vorstellen? 

ja, jederzeit, es ist mein wille, dass meine partituren auch in tausend jahren aufgeführt werden. 

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